Stiftungsfonds als Doppel-Sechs oder falsche Acht?

Welche Rolle Stiftungsfonds künftig im Stiftungsvermögen spielen dürften

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Stiftungsfonds als falsche Sechs
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Der FC Bayern München gewann jüngst das Triple, mit einer Mannschaft, die ein bestimmtes System spielt. Das tut sie mit hervorragenden Spielern, die zu dem System passen, die aber nicht immer so toll miteinander harmoniert haben, wie ein Blick zurück in den Herbst 2019 zeigt. Die Mannschaft ist erfolgreich mit modernem, zeitgemäßem Fußball. Zeitgemäß ist es auch im Stiftungsvermögen nicht nur auf Stiftungsfonds zu setzen. Das wäre in etwa so als würde Bayern München nur mit – zugegebenermaßen sehr guten – defensiven Mittelfeldspielern spielen, was Bayern München nicht machen würde. Aus guten Gründen.

Als wir am 24.6. dieses Jahres den ersten Virtuellen Tag für das Stiftungsvermögen veranstalteten, wussten wir noch nicht, dass Bayern München besagtes Triple acht Wochen später gewinnen würde. Was wir aber inhaltlich im Rahmen des #vtfds2020 diskutierten, hatte viel mit den Erfolgsprämissen zu tun, mit denen Deutschlands erfolgreichste Fußballmannschaft dann schließlich reüssierte. Es war nicht die Einfalt, die die Bayern erfolgreich machte, das Suchen von Lösungen auf dem Feld im Kleinen. Nein, es steckte viel Strategie in diesen Erfolgen, so wie viel Strategie im Anlageerfolg einer Stiftung stecken sollte. Genau für diese strategischen Bausteine brachten unsere Stiftungsexperten und Stiftungsverantwortliche die richtigen Anregungen mit.

HINWEIS: Die VTFDS-Mediathek finden Sie unter www.vtfds2020de.

WIE FONDS IN DIE ANLAGERICHTLINIE EINGEBUNDEN WERDEN

Wer zunächst der Diskussion mit Berenike Wiener (Evangelische Bank), Dr. Stefan Fritz (Bischof Arbeo-Stiftung) und Immo Gatzweiler (AXA Investment Managers) folgte, wusste relativ schnell, dass ein wesentlicher Baustein, das Stiftungsvermögen heute zeitgemäß zu organisieren, die Anlagerichtlinie ist – und dass dort auch Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds als „Umsetzungswerkzeug“ benannt werden sollten. Diese sollten dort aber entlang bestimmter Kriterien eingepasst werden, denn einfach nur zu formulieren, „wir setzen unsere Anlagepolitik mit Fonds um“, das wäre zu wenig zielführend. Stattdessen sollte dort hineinformuliert werden, dass Fonds ausschüttend sein müssen, dass eine Mischung aus klassischen und alternativen, stiftungsgeeigneten Fondskonzepten zusammenzustellen ist und dass bei den Anlageklassen ein Mix angestrebt wird – bei dem Aktien, Immobilien oder Mikrofinanz gleichberechtigt neben Anleihen stehen.

FOKUS REIN AUF STIFTUNGSFONDS ÜBERWINDEN

Ebenfalls sollten Stiftungen den Fokus rein auf Stiftungsfonds überwinden und hier und da auch auf reine Aktien- oder Anleihefonds zurückgreifen. Auch diese können stiftungsgeeignet sein, vor allem aber – und das war die Quintessenz aus der Diskussion mit Dieter Lehmann von der VolkswagenStiftung, Florian Becker-Gitschel von der Förderstiftung der Zoologischen Gesellschaft und Hans-Dieter Meisberger von der DZ Privatbank. Stiftungen sollten die Aufgaben in einem Stiftungsvermögen verteilen und an verschiedene, für bestimmte Anlageklassen oder Strategien besonders befähigte Fondsanbieter delegieren. Genau hierfür kann eine Mannschaft wie der FC Bayern München als Blaupause dienen.

BAYERN MÜNCHEN SPIELT AUCH NICHT NUR MIT SECHSERN

Würde Bayern München nur mit Sechsern spielen, die im Fondsjargon eben jene Stiftungsfonds wären, würde ihnen hinten die Abwehrkraft und nach vorne die Durchschlagskraft fehlen. Erst im Zusammenspiel der verschiedenen Spieler mit ihren verschiedenen Stärken lässt sich die Taktik des Trainers Flick so passabel umsetzen. Es ist dieser Transfer der Realitäten ins Hier und Jetzt, der Stiftungen künftig erfolgreich in der Kapitalanlage werden lässt. Für Stiftungsfonds allein bleibt eine Rolle im Mittelfeld, ob als falsche Sechs, doppelte Sechs oder zurückgezogene Acht, das ist egal. Stiftungsfonds allein werden nicht mehr ausreichen, um die von der Stiftung für ihr Stiftungsvermögen formulierten Ziele zu erreichen bzw. zu verwirklichen.

ROLLENWECHSEL BEIM STIFTUNGSFONDS ANTE PORTAS

Die Rolle eines Stiftungsfonds dürfte künftig eine sein wie jene eines defensiven Mittelfeldspielers. Sein Offensivdrang ist begrenzt, was übersetzt heißt, dass viele Stiftungsfonds durch ihren recht prominenten Anleiheanteil einfach nicht mehr das bisherige Ausschüttungsniveau werden halten können, und sie werden von Seiten der Wertentwicklung auch weniger reüssieren. Aber Stiftungen brauchen sie eben auf jeden Fall, denn ohne sie hat ein Stiftungsdepot ein strukturelles Loch, das nur mit einem Aktienfonds oder nur einem Rentenfonds eben nicht zu schließen ist. Stiftungsfonds könnten auch in die Rolle des Cashersatz-Bausteines schlüpfen, so es sich um einen extrem konservativ ausgerichteten Stiftungsfonds handelt.

CASHERSATZ ALS NEUE AUFGABE FÜR STIFTUNGSFONDS?

In einer Fußballmannschaft werden defensive Mittelfeldspieler auch schon mal in die Abwehr gezogen, weil sie ob ihrer Ballfertigkeit hinten in engen Spielen für viel Entlastung sorgen können. Eng bedeutet übersetzt auf das Stiftungsvermögen heute, dass Stiftungen schon ein Problem haben dürften, so sie über Cashbestände verfügen, etwa aus ausgelaufenen Anleihen heraus. Dann braucht es Bausteine, die wie ein Cashersatz funktionieren, und das können sehr defensive Stiftungsfonds oder eben sehr defensiv aufgestellte Mischfonds sein, die zwar ausschütten, bei denen aber Ausschüttung und das Begrenzen von Abwärtsbewegungen praktisch gleichgewichtet angestrebt werden. Damit letzteres funktioniert, wird vorne auf Ausschüttungen verzichtet, diese fallen dann einfach geringer aus, fließen aber stetig und stabil.

AUF DIESE DEFENSIVE BAUEN STIFTUNGSFONDS

Gleiches gilt im Übrigen auch für Immobilien-, Mikrofinanz- oder Infrastrukturfonds, die ihrerseits stabil ausschütten, häufig eine geringe oder gar keine Korrelation zu den breiten Märkten aufweisen und in einer Fußballmannschaft die Defensive stellen würden. Solche Fondsbausteine gehören in ein Stiftungsdepot, neben Stiftungsfonds und stiftungsgeeigneten Fonds, die eben für offensivere Aufgaben vorgesehen sind. Stiftungen können sich hier eine alte und bewiesene Fußballweisheit zu Nutze machen: „Mit der Offensive gewinnst Du Spiele, mit der Defensive Meisterschaften.“ Entsprechend braucht es neben Stiftungsfonds auf jeden Fall defensive Fondsbausteine, die diese Aufgabe solide und unaufgeregt erfüllen.

STIFTUNDFONDS BRAUCHEN SANERY

Was Stiftungsfonds zudem definitiv auch nicht sind, sind Flügelflitzer, sie verfügen also über so gut wie kein Profil als Robbery. Ebenso sind sie kein Lewandowski. Ob ein Stiftungsvermögen solche Bausteine braucht, müssen Stiftungen für sich überlegen. Aber derlei können ausschüttungsstarke Aktienfonds oder auch ausschüttungsorientierte ESG-Aktienfonds sein. Hierüber spielen Stiftungen auch die Karte Ausschüttungen und ergänzen ihrem Strauß an Ausschüttungsquellen, zum anderen warten die richtige Aktienfonds aber in guten Börsenphasen auch mit guten Wertentwicklungen auf, was in zweiter Ebene auch auf den Stiftungsstock einzahlt. Diese offensiven Bausteine braucht es auch im Stiftungsvermögen, aus einem einfachen Grund.

AKTIENFONDS SIND DIE FLÜGELFLITZER

Aktien werden durch den Nullzins, der erst recht durch die Corona-Krise festgemeißelt zu sein scheint weil sich kein Staat auf absehbare Zeit mehr höhere Zinsen leisten kann, in höhere Bewertungssphären aufrücken. Dazu werden ESG-orientierte Unternehmen überproportional profitieren, da eine Umschichtung in solche Unternehmen staatlicherseits gewünscht wird (wir kommentieren hier nicht, ob diese Form der staatlichen Lenkung von Kapital der richtige Ansatz ist). Da dies eine langfristige Entwicklung ist, und Stiftungen langfristig orientierte Anleger sind, können sie sich die damit verbundenen positiven Effekte in ihr Portfolio packen. Ohne Lewandowski wäre der FC Bayern kaum so offensivstark, und wer hat im Finale der Champions League das entscheidende Tor erzielt? Der Flügelflitzer Coman.  

ZUSAMMENGEFASST

Im Zuge des ersten Virtuellen Tags für das Stiftungsvermögen am 24.6.2020 haben wir uns auch viele Gedanken zur Rolle von Stiftungsfonds und stiftungsgeeigneten Fonds gemacht. Vor allem die Gründe, warum Stiftungen die Aufgabe ‚Verwaltung des Stiftungsvermögens‘ an Fonds delegieren sollten, trieb uns doch stark um. Eben weil es sich abzeichnet, dass Stiftungsfonds allein nicht mehr ausreichen, um die Ziele einer Stiftung zu erreichen. So wie bei einer Fußball-Mannschaft, die eben nicht nur mit Mittelfeldspielern Meisterschaften oder Wettbewerbe gewinnt. Es braucht die Mittelfeldspieler, ganz klar, aber es braucht dazu eben auch eine sattelfeste Defensive gepaart mit einer schlagkräftigen Offensive, mit deren Hilfe die Taktik umgesetzt wird. Vor allem dürfen sich Stiftungen nicht auf einer Allokation in Stiftungsfonds ausruhen, denn wie sagte Bayerntrainer Hansi Flick so schön: Erfolg ist nur gemietet, und die Miete wird täglich fällig.