Anleihen sind ein zentraler Baustein moderner Stiftungsportfolios – doch die Rahmenbedingungen haben sich fundamental verändert. Volatile Zinsmärkte, geopolitische Brüche, eine hohe politische Einflussnahme auf Notenbanken und eine spürbar sinkende Planbarkeit zwingen Investoren zum Umdenken. Marc Möhrle, Geschäftsführer der zur Laiqon AG gehörenden MFI Asset Management GmbH, gibt Einblicke in den Maschinenraum des LF – MFI Rendite Plus UI und erläutert, warum aktives Rentenmanagement heute nicht nur Mehrwert bietet, sondern vielmehr eine Notwendigkeit darstellt.
Trifft es zu, dass Anleihen heute angesichts eines wankelmütigen Weltenlaufs sehr aktiv gemanagt werden müssen?
Marc Möhrle: Absolut – mehr denn je. Die letzten Jahre haben eindrucksvoll gezeigt, dass Zinsmärkte eine hohe Volatilität aufweisen und sich Markterwartungen der Investoren teils innerhalb kürzester Zeit drehen können. Ein rein passives Vorgehen greift in einem solchen Umfeld zu kurz. Das wurde insbesondere im Jahr 2022 deutlich. Unser Ansatz basiert daher auf einer aktiven Steuerung von Duration, Segment- und Laufzeitgewichtung. Benchmarks stellen für uns lediglich das zugrunde liegende Anlageuniversum dar – und davon weichen wir sehr bewusst ab – andernfalls wäre auch kein Alpha bzw. Mehrwert für unsere Kunden möglich.
Gerade für Stiftungen, die auf planbare Erträge angewiesen sind, kann ein passives Abbilden des Marktes in Stressphasen erhebliche Risiken mit sich bringen. Aktives Management bedeutet in diesem Kontext vor allem, Verantwortung zu übernehmen und bewusst Entscheidungen zu treffen. Im aktuellen Umfeld legen wir den Fokus auf Unternehmensanleihen, da die Zinsstrukturkurven historisch steil sind und haben eine längere Duration als vergleichbare Referenzindizes.

An welchen Hebeln arbeiten Sie, wie steuern Sie in der aktuellen Situation Zinsänderungsrisiko/Duration?
Unsere Vorgehensweise basiert auf einem kontinuierlichen Abgleich der aktuellen Markterwartung mit der fundamentalen Ausgangslage. Dabei analysieren wir potenzielle Verwerfungen und bewerten, wo Marktpreise und Erwartungen von ökonomischen Realitäten abweichen. Ende 2021 beispielsweise als die 10-jährige Bundesanleihe immer noch bei -0,38% rentiert hat bei einer Inflation von etwa 4,5%, war dies eine dieser Verwerfungen, die zur Entscheidung geführt hat die Duration substantiell zu verkürzen.
Generell sind dabei drei Elemente zentral: Die Makroanalyse bewertet Konjunktur, Inflation sowie Geld‑ und Zentralbankpolitik. In der Segment- und Laufzeitsteuerung passen wir die Allokation flexibel zwischen Staats‑, Unternehmensanleihen und Pfandbriefen entlang des jeweiligen Chance‑Risiko‑Profils an. Die Duration steuern wir aktiv und häufig taktisch, um Zinsänderungen frühzeitig zu antizipieren. Unser Rentenprozess verzichtet bewusst auf starre Benchmarks zugunsten einer flexiblen Portfoliostruktur. Duration verstehen wir dabei nicht als statische Kennzahl, sondern als zentrales Steuerungsinstrument.
Welche neuen Anforderungen gibt es an Flexibilität und Liquidität, um auf Änderungen am Markt hinreichend schnell und passgenau eingehen zu können?
Die Anforderungen an Portfolios haben sich spürbar verändert. In einem Umfeld, das von geopolitischen Risiken, sprunghaften Zinsbewegungen und kurzfristigen Marktverwerfungen geprägt ist, reicht eine theoretisch stabile Allokation nicht mehr aus. Entscheidend ist, ob ein Portfolio im Ernstfall auch praktisch steuerbar bleibt.
Wir setzen daher auf Portfolios mit einem bewusst konzentrierten Aufbau. Die geringe Anzahl an Einzeltiteln sowie der gezielte Einsatz hochliquider Anleihen und ETFs ermöglichen es uns, Anpassungen präzise, effizient und ohne zeitlichen Verzug umzusetzen – ein entscheidender Vorteil in volatilen Marktphasen.
Liquidität verstehen wir dabei nicht mehr nur als notwendiges Nebenprodukt oder Kostenfaktor, sondern als eigenständige Anlageklasse. Sie entscheidet darüber, ob Chancen genutzt, Risiken reduziert und Portfolios aktiv gemanagt werden können – oder ob man in Stressphasen zum passiven Beobachter wird. Gerade in volatilen Marktphasen ist diese Handlungsfähigkeit ein zentraler Erfolgsfaktor.
Wie setzen Sie angesichts der zahllosen Unwägbarkeiten eine Strategische Allokation langfristig um?
Gerade in einem von Unsicherheit geprägten Umfeld ist eine klare strategische Allokation wichtiger denn je. Für uns stehen dabei am Anfang stets eine saubere Definition der Anlageziele sowie eine realistische Einschätzung der individuellen Risikotragfähigkeit der Investoren. Daraus leiten wir die strategischen Gewichte ab, die den stabilen, langfristigen Rahmen des Portfolios bilden. Dieser Rahmen ist jedoch kein starres Korsett. Unsere aktiven Investmentansätze füllen diesen Rahmen mit Leben, um die Erreichung der Kundenziele zu maximieren.
Strategie ohne aktive Umsetzung bleibt Theorie – erst im Zusammenspiel entsteht ein belastbares Portfolio. Konkret verbinden wir eine strukturierte Rentenstrategie mit selektiven Aktieninvestments und gezielten Absicherungskonzepten. Diese Kombination schafft Robustheit über den Konjunkturzyklus hinweg und erlaubt zugleich flexible, kurzfristige Anpassungen, wenn sich Marktbedingungen oder Risikoparameter verändern. So wird langfristige Strategie mit operativer Handlungsfähigkeit verknüpft.
Bis vor wenige Jahre dominierten Staatsanleihen im Stiftungsportfolio. Sind High Yields, Wandelanleihen, Emerging Markets, Green Bonds und Zielfonds zu sonstigen Satellitenthemen gute Diversifikationsmerkmale für Stiftungsportfolios?
Grundsätzlich ja – allerdings nur, wenn sie sauber in das jeweilige Risikoprofil der Stiftung eingebettet sind. Für Stiftungen stehen laufende ordentliche Erträge und kalkulierbare Risiken im Vordergrund. Deshalb bleiben Investment‑Grade‑Anleihen aus unserer Sicht das Fundament der Allokation. Bei High Yield und Emerging Markets dominieren häufig Spread- und Fremdwährungsrisiken, etwa gegenüber dem US-Dollar. Diese Faktoren müssen sehr sorgfältig abgewogen werden. Das vergangene Jahr hat gezeigt, wie stark Währungsbewegungen wirken können, als der US‑Dollar gegenüber dem Euro deutlich nachgab. Diversifikation ist für uns kein Selbstzweck, sondern muss dem Stiftungszweck dienen. Nach dem Prinzip „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ konzentrieren wir uns auf unsere Kernkompetenz: Euro‑Investment‑Grade‑Anleihen. Gerade hier kann aktives Management seinen großen Mehrwert entfalten.
Kernkompetenz jedes Anleihemanagers muss ja die Bewertung des Kreditrisikos über die Meinung der Ratingagenturen hinaus sein. Welche Themen dominieren die aktuelle Situation?
Unser Ansatz unterscheidet sich bewusst von klassischen Anleihestrategien. Da wir ausschließlich in Investment‑Grade‑Anleihen investieren, liefern die Ratingagenturen bereits eine verlässliche und transparente Einschätzung aufgrund der hohen Datenqualität der Unternehmenszahlen. Der entscheidende Mehrwert entsteht für uns daher nicht primär durch eine alternative Beurteilung des Kreditrisikos, sondern durch die aktive Steuerung zentraler Portfoliotreiber. Im Mittelpunkt stehen dabei die Steuerung der Duration sowie die gezielte Gewichtung von Laufzeiten, Segmenten und Ratingstufen. Darüber hinaus analysieren wir sehr genau die Kapitalstruktur der Emittenten sowie deren Emissionsverhalten. Emissionsfrequenz und Marktliquidität beeinflussen maßgeblich die Preisbildung einzelner Anleihen. Jedoch liefert eine detaillierte Kreditanalyse der Emittenten nicht den notwendigen Mehrwert für unsere Kunden.

Aktuell wird die Investierbarkeit US-amerikanischer Staatsanleihen etwa unter den Stichworten Defizit und FED-Unabhängigkeit diskutiert. Wie geht MFI/Laiqon mit der Situation um?
Die aktuelle Lage in den USA sehen wir mit zunehmender Skepsis. Aus rein ökonomischer Sicht gibt es nur wenige Argumente für weitere Zinssenkungen, gleichzeitig nimmt der politische Druck auf die Notenbank spürbar zu. Insbesondere die Ernennung eines neuen FED-Präsidenten verdeutlicht dies. Die Nominierung von Kevin Warsh war sicherlich überraschend, da er in der Vergangenheit für seine hawkishe Haltung bekannt war.
Vor diesem Hintergrund haben wir uns aktuell bewusst dafür entschieden, ausschließlich im Euro denominierten Anleihemarkt zu investieren. Politische Einflussnahme ist aus unserer Sicht Gift für das Vertrauen – und Vertrauen in den Emittenten ist die zentrale Grundlage jeder Anleiheinvestition. Die Entwicklungen in den USA beobachten wir sehr genau. Für eine abschließende Bewertung ist es jedoch noch zu früh. Solange zentrale Fragen zur fiskalischen Stabilität und die Rolle von Kandidat Warsh in der zukünftigen geldpolitischen Ausrichtung offen sind, setzen wir auf Zurückhaltung und klare Risikodisziplin.
Sehr geehrter Herr Möhrle, vielen Dank für diese Einblicke.










