„Negative Realrendite wird bleiben“

Zeitenwende-Konferenz in München: So sehen Fondsmanager und Strategen die Lage – diese fünf Thesen können für Stiftungen in der Diskussion in den Gremien für die eigene Vermögensanlage wertvoll sein.

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Zeitenwende
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Mit der Orientierung ist das derzeit so eine Sache. Okay, das ist in gewisser Weise immer so, aktuell aber besonders schwierig. Während der Zeitenwende-Konferenz mehrerer Fondsanbieter im Münchner Charles-Hotel wurde schnell deutlich: Ein flockiges „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ atmet eine unpassende Oberflächlichkeit, denn die derzeitigen Verwerfungen lassen sich nicht monokausal erklären. Vielmehr überlappen sich mehrere Krisen und beeinflussen sich gegenseitig. Wir waren vor Ort und haben uns umgehört, was Fondsanbieter und institutionelle Investoren gerade denken und welche Schlussfolgerungen Stiftungen daraus für die eigene Kapitalanlage ziehen können.

These 1: Finanzielle Fehler Folge falscher Einschätzung der Realität

Viele Investoren würden weiterhin so tun, als stünde die Rückkehr zum Investitionsumfeld von 1980 bis 2019 bevor oder sei schon erreicht: „Diese Situation haben wir aber nicht“ stellte Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value Management, fest. Finanzielle Fehler würden aber genau dann drohen, wenn die Realität auf den Kapitalmärkten falsch eingeschätzt wird. Böhmers These: Man sei derzeit nicht einmal in der Nähe der insgesamt positiven Rahmenbedingungen, die ungeachtet der bekannten Verwerfungen zwischen 1980 und 2019 als insgesamt positiv zu bewerten seien. Wichtiger noch: Es deute aktuell nichts darauf hin, dass die Situation von vor 2019 wieder erreicht wird. Stattdessen bleibe es zunächst einmal bei der ausgesprochen unübersichtlichen Gemengelage.

These 2: Der Bärenmarkt ist noch nicht zu Ende

Böhmer referierte aus der jüngsten Umfrage unter Fondsmanagern. Demnach gibt es zwei große Bedenken und Ängste bei diesen Entscheidern: 1. Die Inflation bleibt hoch. Und 2.: Ungeachtet aller Stützungs- und Hilfsmaßnahmen gleitet die Weltwirtschaft in eine Rezession ab. „Deshalb gibt es derzeit mehr Cash in den Portfolios als im April 2020“ referierte Böhmer. Wer darauf spekuliert, dass dieses Cash so schnell wie nach dem Einbruch 2020 in die Märkte zurückfließt, könnte sich täuschen, denn „die Fondsmanager gehen mehrheitlich davon aus, dass die Unternehmensgewinne sinken werden.“ In der Tat hätten die Margen der Unternehmen im historischen Vergleich durchaus Luft nach unten, befand Böhmer. (Keine einfachen Zeiten also für Stiftungen, wie auch hier zu lesen ist). Fondsmanager Volker Schilling, der den „Zukunftsfonds“ von Greiff managt, berichtete später, dass er zum Teil bis zu 60% Cash gehalten habe und derzeit noch immer eine hohe Liquidität vorhält.

These 3: Die negative Realrendite bleibt bis auf weiteres Realität

Alle Referenten während der Zeitenwende-Konferenz waren sich einig, dass die Inflation schon alleine wegen der Basiseffekte nicht auf Dauer bei zweistelligen Raten verharren werde. Einigkeit herrschte allerdings auch, dass ein realistisches Szenario die Inflationsrate spürbar oberhalb des 2%-Ziels der EZB verortet werden sollte. „Das bedeutet, dass die Realrendite bis auf weiteres negativ bleiben wird“ nannte Böhmer die Konsequenz für den breiten Markt. Alexander Kapfer, Fondsmanager des Squad Makro und Geschäftsführer der capanum GmbH, sieht eine strukturelle Inflation: Die Dekarbonisierung, die demographische Entwicklung mit der Alterung der arbeitsfähigen Bevölkerung, die Deglobalisierung mitsamt der Neuausrichtung der Lieferketten sowie die zunehmende Dominanz der Fiskal- über die Geldpolitik würden für erhebliche Kosten sorgen.

Dennoch, so waren sich die Referenten einig, führe trotz aller Risiken kein Weg an der Aktie vorbei, vor allem mit dieser Assetklasse lasse sich durch Stockpicking doch eine positive Realrendite erreichen. Schilling nannte es die „Nominal-Illusion“, wenn Anleger sich nun mit höheren Coupons von Anleihen zufrieden geben würden (siehe dazu auch hier), was angesichts der hohen Inflation aber eben real Wertverlust bedeutet. Grundsätzlich blickte Böhmer aber mittelfristig optimistisch auf die Kapitalmärkte: „Nach Rücksetzern ist es immer wieder hochgegangen.“

These 4: Zeitenwende nicht negativ an sich

Kapfer managt einen Fonds mit der Bezeichnung „Makro“ im Titel. Sein Ansatz sieht es als lohnend an, Makro-Entwicklungen strikt auf die Allokationsebene eines Portfolios herunter zu brechen, und dies so rechtzeitig wie möglich. „Ich skate dorthin, wo der Puck hinkommt, und nicht dorthin, wo er ist“ nutzte er ein bekanntes Zitat von Eishockey-legende Wayne Gretzky zur Illustration. Eine Makrobetrachtung führt nach Ansicht Kapfers zu einer regional differenzierten Allokation in Portfolios. Zum Beispiel sei die USA mit dem großen Binnenmarkt sowie dem Zugriff auf Rohstoffe viel weniger von der Deglobalisierung betroffen als Deutschland. Gleichzeitig erlaube die Makrobetrachtung auch Entscheidungen bis hinunter auf die Einzeltitelebene. Als Beispiel nannte er das durch die chinesische Regierung verhinderte IPO von Ant Financial, einer Tochter von Alibaba. „Wir haben Alibaba und weitere Internet-Titel aus China sofort verkauft, weil ein deutliches politisches Signal vom abgesagten Börsengang ausgegangen ist.“ Für Kapfer ist die Zeitenwende nicht negativ an sich, sondern letztlich ein Strukturbruch wie bei Finanztiteln 2008 oder Emerging Markets nach 2010. Wer, siehe These 1, sich an die aktuellen Gegebenheiten smart anpasst und entsprechende Trends der gegebenen Realität frühzeitig aufgreift oder, siehe Gretzky, antizipiert, könne sehr erfolgreich investieren.

These 5: Megathema Energie – für Kapfer nicht unbedingt erneuerbar

In der aktuellen Realität sieht Kapfer hervorragende Chancen im Energiesektor. Ja, erneuerbare Energien seien ein wichtiges und richtiges Thema, aber die deutlich höheren Renditen winken seiner Ansicht nach im konventionellen Sektor. Ein Grund: Seit 2015 sei viel zu wenig in die Rohstoffsicherung investiert worden. Zum Thema ESG-Ausrichtung teilte er eine klare Einschätzung mit, obwohl der von ihm verantwortete Makro-Fonds nach Artikel 8 der Offenlegungsverordnung mit nachhaltigen Eigenschaften beworben wird (zur Taxonomie weitere Informationen hier). „ESG-Fonds haben keinen Renditenachteil, wenn die Zinsen niedrig sind. Aber bei steigenden oder hohen Zinsen haben sie Nachteile. Nicht ESG ist der Treiber für Kursgewinne, sondern Technologie oder Value im Portfolio.“ Kapfers Erkenntnis: „Natürlich kann man auf ESG-Fonds setzen. In der aktuellen Situation muss man sich das eben leisten können.“

Zusammengefasst

Falls Stiftungen gehofft haben sollten, das Schlimmste sei bereits überstanden, haben die Experten der Zeitenwende-Konferenz eine deutlich abweichende Sichtweise aufgezeigt: Das Umfeld für die Kapitalanlage bleibt herausfordernd und von einer gewissen Unübersichtlichkeit geprägt. Gleichviel werden Aktien als Kern-Assetklasse angesehen – eine Einschätzung, an deren Umsetzung Stiftungen in ihren Gremien weiterhin zu arbeiten haben.