Stiftungsvermögen anno 2026 anlegen heißt, sich Gewahr zu sein, in welcher Zeit Stiftungsvermögen investiert wird. Das Umfeld, die allgemeine Gemengelage, sie war mal weniger wichtig, heute ist es extrem wichtig zu sehen, in welchem Umfeld Stiftungsverantwortliche Entscheidungen für das von ihnen treuhänderisch betreute Stiftungsvermögen treffen. Die Historie lehrt, sich beim Investieren der tagesaktuellen Parameter bewusst zu sein.
Es gibt Analysen, die vergleichen die politischen Geschehnisse mit jenen im Jahr 1914. Historiker weisen darauf hin, dass damals einzelne Ereignisse und politische Interessen immer stärker miteinander verflochten wurden – und an einem Punkt ein Ereignis dazu führte, dass sich die Komplexität der Verflechtungen in einem Krieg entlud: dem Ersten Weltkrieg. Heute sehen wir mehr denn je komplexe internationale Verflechtungen. Ein Ereignis hier kann einen Krieg dort nach sich ziehen, eine Entscheidung hier kann eine wirtschaftliche Folge an anderer Stelle nach sich ziehen. Diese Komplexität trifft zusammen mit einer Welt, in der alte Sicherheiten nichts mehr zählen, in der Partner keine Partner mehr sind, in der Kapitalmärkte mit der neuen Erratik der Welt konfrontiert sind. Das Jahr 1914 taugt insofern als Blaupause, als dass damals auch eine Weltordnung zu ihrem Ende kam. Genau das sehen wir in diesen 20er Jahren des 21ten Jahrhunderts auch.
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Was die 1907er Panik für Stiftungsvermögen lehrt
Andererseits war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch in gewisser Weise Endpunkt einer Entwicklung. Wer für das Stiftungsvermögen erst 1914 angefangen hätte nachzudenken, wäre das zu spät dran gewesen. Um aus heutiger Sicht Ableitungen treffen zu können, erscheint eher das Jahr 1907 einen Blick wert zu sein, bzw. die folgenden Veranlagungsdekaden.
Vor der 1907er Panik wurde in den USA auch viel über Zollthemen gesprochen, was früher oder später zu Unsicherheit an den Märkten führte. Im Jahr 1903 kam es zu einem kleineren Vorbörsenbeben, der Rich Man’s Panic. Große Unternehmen, damals unter anderem Union Pacific, waren so groß, dass ihre Aktien oft als Sicherheiten im Wirtschaftskreislauf auftauchten (wir erinnern uns heute an die „magnificient seven“). In der Bankenpanik 1907 dann brachen die Kurse an der Wall Street um 50% ein und führten im Nachgang dazu im Jahr 1913 zur Gründung der US-Notenbank Federal Reserve Bank. Es hieß, das Finanzsystem müsse verbessert werden.
So wurde Stiftungsvermögen in den roaring 20s am besten diversifiziert
Vermögen, dass nach 1907 für 20 Jahre anzulegen war, wurde am besten in Gold, in Sachwerten wie Aktien (hier vor alle Value-, also Substanzaktien) und Immobilien sowie in Währungen von Ländern mit gesunden fiskalischen wie wirtschaftlichen Parametern. Anleihen waren damals allenfalls zweite Wahl, auch da Kriege ihre Schatten vorauswarfen – und mit ihnen die Notwendigkeiten, diese qua Ausgabe von Anleihen zu finanzieren. Wir hören heute von Sondervermögen, derlei liest sich im Kern ähnlich. Eine weitere Periode, die Stiftungen im Hier und Heute vielleicht helfen kann, um Stiftungsvermögen auf der Höhe der Zeit zu allokieren, waren die 1970er Jahre.
1970er Jahre als Gedankengerüst für das Managen von Stiftunsgvermögen?
In diesem Jahrzehnt endete das System von Bretton Woods. Eine Parallele zu heute lässt sich ziehen, dass wieder ausgehend von den USA Parameter für das globale Wirtschaften verändert werden. Zudem fallen in dieses Jahrzehnt Ölkrisen (1973/1974 und 1979/1980) und das Ende des Vietnamkrieges, in dessen Nachgang die USA von Inflation gebeutelt wurden. Zudem erschütterte der Watergate-Skandal das politische Washington, hierzulande bombte sich die RAF ihren Weg in die Schlagzeilen und den öffentlichen Diskurs. Als Anleger waren die 70er Jahre ein hartes Brot. Mitte der 70er Jahre sackten die Börsen teils deutlich durch, und von diesen Rückschlägen erholte sich die Börse 10 Jahre nicht. Also erst 1983 konnten Abschläge aus 1973 und 1974 egalisiert werden. Vielleicht zeigt 2026 im Nachhinein Vorläufer genau solcher markanter Rücksetzer. Stiftungen müssten, sofern sich dieses Szenario materialisiert, einige Parameter überdenken.
Politische Unzuverlässigkeit erzeugt Bewegungswellen bei Inflation, Zinsen und Aktien
Zölle und auch Kriege wirken in der Regel Inflations-treibend, nur ist Inflation wie Zahnpasta, so hatte es der frühere Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl einmal formuliert. Das klassische Drittel-Theorem kann durchaus eines sein, mit dem Stiftungen für das Management des Stiftungsvermögens arbeiten könnten. Demgemäß wird ein Drittel in Aktien investiert, darauf achtend, eher aktiv als passiv unterwegs zu sein. Denn Indizes könnten im Vergleich zu Portfolien, die fernab des Index bestückt werden, überproportional leiden. Aktiv heißt hier auch aktiv, also Aktien kaufen und verkaufen, eine Renaissance aktiver Aktienstrategien könnte ante portas stehen, wobei Wachstumsaktien von anderen Aktienkategorien outperformt werden könnten.
Stiftungsvermögen klassisch anlegen – und wie noch?
Ein weiteres Drittel wird in Anleihen investiert, aber so, dass große Bewegungen vermieden werden. Steigen die Inflationserwartungen, steigen Zinsen, und fallen Anleihekurse, speziell am langen Ende. Wer solche Anleihen meidet, eventuell das Thema Währungen spielt, kann manches richtig machen. Unternehmensanleihen bonitätsstarker Emittenten sind hier zudem zu bevorzugen. Nicht zuletzt wird das letzte Drittel gezielt in Sachwerte investiert, deren Takt weniger durch Zölle, Kriege und Inflation vorgegeben wird. In den 70er Jahren erlebten sie Kunst und Seltene Konsumgüter eine erste Preisblüte, heute dürften das eher Anlagen in Infrastruktur, Forst, Private Equity, Impact-Fonds oder Fonds mit KI-Ansatz sein.
Bei Alternativen Anlagen kann beispielsweise das Feld der Impact-Angebote eine neue Chance bekommen. Denn diese Investments sind wenig mit dem breiten Marktgeschehen korreliert, sie hängen an für das gesellschaftliche Vorankommen gekoppelte Geschäftsmodelle. Der Erfolg hängt hier weniger an den äußeren Umständen als vielmehr an der Team Power im Inneren des start-ups. Klappt’s, entsteht durch ein Investment ein relevanter Fußabdruck. Impact also als Kern des dritten Drittels, das gilt es aus Stiftungssicht zu durchdenken.

Zusammengefasst
Die Gemengelage anno 2026 darf durchaus als hochgradig komplexe beschrieben werden, um Stiftungsvermögen zeitlos wie zeitgemäß, diversifiziert, sachgerecht anzulegen. Gerade das Setzen des Anlageziels, das Anpassen des Anlagekonzepts, das finden geeigneter Anlageuniversen, das alles macht die Sache zu einer nicht einfachen Aufgabe, die aber erfüllt werden muss. Denn so erratisch, unberechenbar und alte Sicherheiten über Bord werfend das derzeitige Umfeld auch sein mag, so unsicher das Drumherum ist, so sicher ist es, dass das auf ewig vergebene Steuerprivileg nur durch ordentliche Erträge verdient werden kann. Gleichzeitig gibt es keinen Grund, vor der Aufgabe zu kapitulieren. Geschichte mag sich nicht wiederholen, sondern reimen, wie Mark Twain es niederschrieb, aber vor allem lässt sich aus ihr eines: lernen.










