Start #stiftungenstärken Stiftungsvermögen & Stiftungsfonds Der Vergleich mit den 1970er-Jahren liegt nahe, greift aber zu kurz

Der Vergleich mit den 1970er-Jahren liegt nahe, greift aber zu kurz

Auf ein Deep Dive-Gespräch mit Investment-Legende Dr. Jens Ehrhardt und Olag Schantorenko, beide DJE Kapital AG

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vtfds26 Interview DJE
Lesezeit: 3 Minuten

Mit Dr. Jens Ehrhardt und Olag Schantorenko, beide DJE Kapital AG, zu sprechen, liefert spannende Einblicke in die Realität. Im Interview diskutieren wir mit ihnen über die 70er Jahre als Blaupause, warum 251 Bio. US-Dollar an weltweiten Schulden kein Problem sind und wie Stiftungen ihr Portfolio heute austarieren sollten. Ein Gespräch der Kategorie „Aha-Effekt“.

Die Welt anno 2026, sprechen wir von einem komplett neuen Rahmengerüst für die Kapitalanlage, oder gilt einfach „remember 1970er“ Jahre? Was sagen uns die Schuldentürme?

Dr. Jens Ehrhardt:Der Vergleich mit den 1970er-Jahren liegt nahe, greift aber zu kurz. Die Weltwirtschaft befindet sich 2026 in einem strukturell anderen Regime. In den 1970er-Jahren war Inflation primär ein energetischer Angebotsschock – Ölpreisanstieg, Lohn-Preis-Spiralen, geringe Produktivitätsfortschritte. Heute sind die Treiber deutlich breiter und technischer Natur.

Erstens ist die globale Energieabhängigkeit pro Wachstumseinheit massiv gesunken. Die Energieintensität des globalen BIP ist seit den frühen 1980er-Jahren um rund 40 bis 45% gefallen. Zudem sind die USA heute faktisch energieautark: Mit einer Rohölproduktion von rund 13,5 bis 13,8 Mio. Barrel pro Tag sind sie der weltweit größte Produzent, während sie in den 1970ern noch stark importabhängig waren. Zweitens hat sich die Struktur der Volkswirtschaften fundamental verschoben. Technologie, Dienstleistungen und wissensintensiver Konsum dominieren – nicht mehr Schwerindustrie und Energie als Engpassfaktoren. Produktivitätsimpulse kommen heute aus Software, Automatisierung, KI, Robotik und Skaleneffekten, nicht unbedingt aus Fabrikneubauten.

TIPP zum #vtfds26:
Dr. Jens Ehrhardt wird gemeinsam mit Dieter Lehmann von der Volkswagen-Stiftung den Opening Talk bei Deutschlands erstem Werkstatt Festival für Stiftungsvermögen am 16. und 17. Juni in Leipzig „bestreiten“.


Oleg Schantorenko: Die hohe globale Verschuldung ist real, aber qualitativ anders aufgestellt. Die weltweite Gesamtverschuldung liegt stabil bei rund 235% des globalen BIP (ca. 251 Billionen USD), nach einem Peak von 258% im Jahr 2020. Entscheidend ist, dass ein Großteil der Staatsschulden – etwa in den USA oder Japan – ist in eigener Währung finanziert, mit tiefen Kapitalmärkten und institutionellen Ankerkunden (Pensionsfonds, Versicherungen). Für Anleger sind Schulden zwar ein Makro-Risiko, aber kein unmittelbarer Systemkollaps. Entscheidend sind weiterhin Diversifikation und die Fähigkeit, über reale Erträge Vermögen zu erhalten.

Was sagen die Kapitalströme aus, wohin ist das Smart Money gerade unterwegs?

Dr. Jens Ehrhardt, Oleg Schantorenko: Die aktuellen Kapitalströme senden ein erstaunlich klares Signal: Wachstum mit realwirtschaftlicher Verankerung ist gefragt wie selten zuvor. Erstens fließt Kapital massiv in Technologie und angrenzende Infrastruktur. Die vier großen US‑Hyperscaler investieren 2026 zusammen nahezu 700 Mrd. USD an Capex, primär in Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und Netzinfrastruktur. Davon profitieren neben Software auch Halbleiter, Robotik, Automatisierung, Industrie‑IT und Stromerzeugung. Zweitens zeigt sich eine Renaissance hochwertiger Anleihen. Aktuell bieten Anleihen wieder reale Funktionen: Stabilisierung, laufendes Einkommen und Diversifikation. Besonders gefragt sind solide Unternehmen mit starken Bilanzen, moderaten Verschuldungsquoten und Free‑Cash‑Flow‑Deckung der Zinslast. Globale Investment‑Grade‑Credits liefern wieder 3,5 bis 6% Rendite p.a. Drittens sind Real Assets zurück im strategischen Kern. Gold erzielte 2025 eines der besten Jahre unter den Sachwerten, getrieben von Zentralbankkäufen und geopolitischer Absicherung. Auch Rohstoffe – insbesondere Industriemetalle und Energie – profitieren vom strukturellen Investitionszyklus rund um Energiewende, Digitalisierung und Verteidigung.

Zusammengefasst, Smart Money meidet binäre Wetten und sucht Cashflows, reale Knappheit und strukturelles Wachstum.

Wie verletzbar sind die Märkte heute (Stichwort Marktstruktur), und was treibt die Märkte eigentlich, wo doch die Nachrichtenlage so mies ist?

Dr. Jens Ehrhardt, Oleg Schantorenko: Auf den ersten Blick wirkt die Marktstruktur fragil – hohe Konzentration, hohe Bewertungen, schlechte Nachrichtenlage. Auf den zweiten Blick ist sie robuster als häufig angenommen. Der organisierte Kapitalmarkt wird heute primär von institutionellen Anlegern getragen: Pensionsfonds, Versicherungen, Staatsfonds. In den USA entfallen etwa 80% der Aktienhaltung auf institutionelles Kapital, hinzu kommen ETF‑Ströme und systematische Strategien. Private Equity und Private Debt sind gewachsen, aber bislang nicht systemisch – sie agieren zusätzlich mit länger gebundenem Kapital und geringerer täglicher Liquidität, was kurzfristige Marktpaniken eher dämpft als verstärkt. Warum steigen Märkte trotz schlechter Nachrichten? Weil sie von strukturellen Zuflüssen getrieben werden: Altersvorsorgebeiträge, Rebalancing‑Logik, Rückkäufe, Dividendenreinvestitionen.

vtfds26 in Leipzig

Gibt es Allokationsideen, wenn ich heute als Anleihe-orientierter Anleger, der viele Stiftungen sind, allokiere? Schichte ich um raus aus Anleihen rein in Aktien, wenn ja welche? Was wäre eine Sicherer-Hafen-Allokation?

Dr. Jens Ehrhardt, Oleg Schantorenko: Für anleiheorientierte Stiftungen ist 2026 kein Entweder-oder-Jahr, sondern ein Sowohl-als-auch. Ein zukunftsfähiges Portfolio kombiniert einmal ein breit diversifiziertes Aktienportfolio mit Fokus auf Wachstum (Technologie, Automatisierung, Digitalisierung), Qualität (hohe Kapitalrenditen, stabile Margen), Ausschüttungen (Dividenden als Ertragsquelle für den Stiftungszweck) mit einem Anleiheportfolio als Stabilisator und Einkommensquelle, mit Schwerpunkt auf kurz‑ bis mittleren Laufzeiten, guter Bonität und aktiver Durationssteuerung. Die Renditechancen auf der Aktienseite liegen weniger im Markt‑Timing, sondern in thematischer und stilistischer Diversifikation über den Zyklus hinweg. Einen klassischen „sicheren Hafen“ im engeren Sinne gibt es nicht mehr. Das sicherste Asset ist ein robust konstruiertes Portfolio.

Und auf der Robust-Skala haben einige Stiftungen noch Luft nach oben. Wir danken Ihnen, dass Sie das aktuelle Umfeld für uns noch einmal so tiefgehend sortiert haben.


Hinweis:

Das Interview ist im Original erschienen in „Der Social Profit Kosmonaut“ No. 1.