Waldinvest: Die Verheißung der multiplen Öko-Systeme

Wald als Wirtschaftsfaktor: Wie Stiftungen profitieren können.

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Im Fokus Forstinvestments anno 2024
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Der deutsche Wald hat Generationen von Dichterfürsten inspiriert, als Investment indes eine überschaubare Historie. Denn Wald wird hierzulande vererbt – nicht verkauft. Das ist bedauerlich, denn prinzipiell erfüllt Wald als Assetklasse alle Anforderungen einer Stiftung an ein Investment. Zum Glück gibt es Alternativen andernorts.

Eine attraktive Möglichkeit, in Wald zu investieren, eröffnet sich in Finnland sowie den baltischen Staaten. In diesen Ländern spielen die Forstwirtschaft und korrespondierende Industrien wie Papierherstellung, Zellstoffproduktion oder Konstruktionsholz eine bedeutende Rolle. Auf unserer Recherchereise in Finnland jedenfalls waren nördlich von Jyväskylä im Minutentakt Holztransporte zu beobachten. Und verlässt man die größeren Straßen, fällt die schiere Menge an gelagertem Holz auf. Nicht nur dicke Rundstämme, sondern auch gigantische Reisighaufen und auch Schwachholz säumen die Nebenstraßen und Waldwege. „Wir nutzen alles Bestandteile des geernteten Holzes“ sagen die Fondsmanager Jyri Hietala und Kari Kangas. Dazu später mehr.

Wald als Assetklasse etabliert

In Finnland und den baltischen Staaten existiert eine positive Einstellung zu Wald als Assetklasse. „Sehr viele Stiftungen und praktische alle Family Offices in Finnland sind in Wald investiert“ berichtet Dick Ehrnrooth, Director bei UB. Das ist kein typisch nordisches Phänomen, sondern eine finnische Spezialität. In Norwegen zum Beispiel gibt es ähnlich wie in Deutschland keinen liquiden Markt für Waldgrundstücke, Schweden als das europäische Land mit den größten Waldflächen (ca. 31 Mio. Hektar) hat gesetzliche Regelungen erlassen, die den Kauf von Wald durch ausländische Investoren stark einschränken. Finnland verfügt über etwa 23 Mio. Hektar Forst und liegt damit auf Rang drei in Europa. Die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen kommen zusammen auf etwa 8 Mio. Hektar Waldfläche. Zum Vergleich: In Deutschland sind 11,4 Mio. Hektar Waldflächen erfasst. Das Land mit den zweitgrößten Waldflächen in Europa ist Spanien (28 Mio. Hektar). Die iberische Halbinsel blinkt daher auf dem Radar der Fondsmanager, wenn es dereinst um die internationale Diversifikation des Portfolios gehen sollte, denn neben Spanien verfügt auch Portugal über große Forstgebiete. Mehr noch: Die portugiesische Regierung unterstützt den Ankauf von Wald durch professionelle Investoren – gleichbedeutend mit professionellen Bewirtschaftern – weil dadurch unter anderem die Wertschöpfung verbessert und die Waldbrandgefahr minimiert werden kann.

Globaler Markt – absehbares Wachstum

Holz zählt zu den großen globalen Märkten mit breit gestreuter Angebots- und Nachfragestruktur praktisch über alle Kontinente hinweg. Die bekannten Problematiken illegalen Einschlags, vor allem in Brasilien und einigen afrikanischen und asiatischen Ländern, müssen hier nicht diskutiert werden, für Stiftungen kommen natürlich ausschließlich Angebote in Betracht, die auf nachhaltiger Waldwirtschaft fußen – und bei denen diese Eigenschaft lückenlos nachgewiesen wird. Der weltweite Markt für legale Holzproduktion belief sich 2019 nach Zahlen des schwedischen Beratungshauses AFRY auf etwa 540 Mrd. USD. Prognostiziert ist eine Steigerung auf 720 Mrd USD bis 2035. Das sind keine jährlichen Riesensprünge, sondern Spiegelbild eines kontinuierlichen Wachstums. Sektoren wie Lieferungen an die Verpackungsindustrie und Hersteller von Hygieneprodukten wird größeres Wachstum prognostiziert, einzig der Bereich Papierherstellung für grafische Erzeugnisse (also zum Beispiel Zeitungspapier) werde wegen der Digitalisierung leicht nachgeben.

Die konkrete Umsetzung in einem Fonds

Grundsätzlich dürfen Finnland und die baltischen Staaten als attraktiver Wirtschaftsstandort bezeichnet werden. Eine verlässliche Verwaltung mit sicheren Grundbüchern und wirtschaftsfreundliche Politik bilden die Basis. Der Nordic Forest Fund IV setzt hier auf, an seinem Beispiel beleuchten wir eine konkrete Umsetzung des Investitionsthemas. Für den Evergreen-Fonds werden verfügbare Waldflächen gekauft und nach Möglichkeit zu größeren, effizient zu bewirtschaftenden Clustern gebündelt. Die direkte Wertschöpfung ergibt sich unmittelbar aus dem Wachstum des Holzes und dessen Vermarktung. Als Abnehmer fungieren dabei Unternehmen der Zellstoffindustrie, Papierhersteller, Sägewerke und zunehmend junge Unternehmen, die nachhaltige Güter auf Basis des Rohstoffes Holz produzieren. Dieses wirtschaftliche Ökosystem besitzt in Finnland etwa die Wichtigkeit wie hierzulande die Automobilindustrie mit den Zulieferern. Mittelbar gewinnen die bewirtschafteten Flächen zusätzlich an Wert, da der Wuchs ununterbrochen geschieht, zusätzliche Steigerungen sind durch Qualitätsverbesserungen und ökologische Maßnahmen möglich.

Umfassende Markt-Kenntnis in der Region

Es ist unmittelbar einsichtig, dass der strategische Einkauf von Flächen und die optimierte Bewirtschaftung, einerseits kostengünstig, zugleich aber auch wachstumsfördernd und/oder ökologisch, durchschlagenden Einfluss auf den Ertrag besitzen. Die Fondsmanager Jyri Hietala und Kari Kangas betonen, dass der Fonds fast täglich neue Flächen ankauft. Man sei bestens vernetzt und als seriöser Investor bekannt. „Grob gesagt kaufen wir 200 mal im Jahr Flächen von durchschnittlich etwa 50 Hektar, mal größere, mal kleinere Parzellen, und bauen so unser Portfolio auf,“ geben Hietala und Kangas Einblick. Aktuell sei es so, dass auch größere Mittelzuflüsse kein Problem darstellen, da der Grundstücksmarkt in Finnland und den baltischen Staaten sehr liquide sei. Diese Liquidität erleichtert es dem Fonds zudem, Flächen wieder abzustoßen, wenn es nicht gelingt, ein größeres, effizient zu bewirtschaftendes Cluster zu bilden.

Mutter der Dekorrelation und klassisches Inflations-Hedging

In der Zukunft könnte die Strategie wechseln, um opportunistisch Gewinne vor Vermarktung des Holzes zu realisieren, etwa weil sinnvoll aufgebaute Mischwälder oder ökologisch wertvolle Flächen besonders hohe Preise erzielen. Generell sorgt die grundsätzliche buy&hold-Strategie für immanenten Inflationsausgleich, denn seit 2000 haben sich die Preise für Wald in Finnland stets positiv entwickelt: 4,4% p.a. stehen zu Buche. Ende 2022 lag der Durchschnittspreis in Finnland bei 3.500 EUR pro Hektar. Zur Dekorrelation von Ackerflächen, Weideland und Wald von den Entwicklungen am Kapitalmarkt gibt es zahlreiche Untersuchungen. Wald darf dabei als die Mutter der Dekorrelation gelten, denn das stete Wachstum der Bäume geschieht völlig losgelöst vom Auf und Ab an den Börsen dieser Welt. Bäume sind smarte Maschinen, meint etwa Ranger Eero Viitanen.  

Der Nachhaltigkeits-Faktor, Teil 1

Der Fonds erfüllt die Anforderungen der Offenlegungsverordnung nach Artikel 9 und stellt ein geradezu klassisches kerngrünes Investment dar, Themen wie Speicherung von CO2 sowie Wasserregulierung durch Wald lauten hier Stichworte. Doch in Finnland geht man weiter. Zusammen mit den Herstellern von Forstmaschinen wie zum Beispiel Vollerntern und den Bewirtschaftungsdienstleistern arbeiten die Waldeigentümer an der Entwicklung energieeffizienter Maschinen, etwa durch Elektrifizierung in Ernte und Logistik. Ein wichtiger Aspekt im Sinne der Nachhaltigkeit ist die Art der Wiederaufforstung nach der Ernte. Die Zeiten der Monokulturen sind bei United Bankers passé. Wenn der Boden es zulässt, werden auf einer Parzelle zumeist drei Baumarten gepflanzt. Neben der Pionierbaumart Birke ist natürlich eine Nadelbaumart gesetzt, hinzu kommen nunmehr die Buche und weitere Arten wie Ahorn und auch die Esche. Bedeutet konkret: Auf einem Hektar Wald kommen bei Neuanpflanzungen stets immer mindestens drei Baumarten zum Einsatz. Das freilich wird umso schwieriger, je weiter man nach Norden vordringt, ist aber erklärte Strategie. Angenehmer Nebeneffekt: Diese Mischwälder gewinnen gegenüber Bestands-Monokulturen an Wert, es entstehen also stille Reserven im Fonds.

Eine abgeerntete Fläche nördlich von Jyväsylä: Man sieht einige verbliebene Bäume sowie zahlreiche etwa 3 Meter hohe Stümpfe. Der unter Schnee liegende Reisig wird zu einem späteren Zeitpunkt entnommen. Foto: Preuß

Eine abgeerntete Fläche nördlich von Jyväsylä: Man sieht einige verbliebene Bäume sowie zahlreiche etwa 3 Meter hohe Stümpfe. Der unter Schnee liegende Reisig wird zu einem späteren Zeitpunkt entnommen. Foto: Preuß

Der Nachhaltigkeits-Faktor, Teil 2

Die Kunden des Fonds honorieren die nachhaltige Bewirtschaftung von Flächen mit höheren Vergütungen. Ein Beispiel ist das Programm „Metsä Group plus“. Bei der Metsä Group handelt es sich um die größte europäische Genossenschaft im Bereich der Forstwirtschaft mit ca. 7 Mrd. EUR Umsatz in 2023. Eigentümer ist die Metsäliitto Cooperative, eine Organisation von knapp 120.000 privaten Waldbesitzern aller Größen. Metsä plus rückt das Thema Biodiversität in den Fokus. Dazu werden Kräuterzonen im Wald eingerichtet, um Insekten zu fördern. Statt wie bislang praktiziert bei einer Ernte vier Baumstümpfe pro Hektar mit etwa 3 Metern Höhe in der Fläche zu belassen, sieht das Programm nun zehn Stümpfe vor, in denen sich Insekten, aber auch Vögel ansiedeln. Als weitere Maßnahme wird ein Dickicht pro drei Hektar als Rückzugsort für Tiere angelegt, zum Teil werden Flächen auch als so genannte Friedwälder belassen, also über geplant Jahrzehnte nicht bewirtschaftet. Im Moment erfüllt lediglich 1% der Waldflächen in Finnland diese Standards, United Bankers verpflichtet sich aber, bei Ernten und Neupflanzungen diese Standards zu erfüllen, um möglichst schnell 15% der Fläche entsprechend ausweisen zu können.

Der Nachhaltigkeits-Faktor, Teil 3

Finnland zählt neben Frankreich zu den Ländern in Europa mit besonders hohem Anteil an Atomkraft. Es werden sogar weitere Meiler geplant und gebaut. Allerdings existieren parallel Aktivitäten im Bereich erneuerbare Energien, insbesondere im Bereich der Windkraft. United Bankers strebt an, Zusatzerträge durch die Verpachtung von Flächen an Betreiber von Windenergieanlagen zu generieren. Untersuchungen zur Windhöffigkeit gehören somit zum Standard der Ankaufsanalysen. Die Verwendung des Stroms ist dabei für die Erzeugung von Wasserstoff vorgesehen, auch diese Flächen für entsprechende Anlagen könnten vom Fonds verpachtet werden.

Wie ist das mit dem Klimawandel?

Die jährlich wiederkehrenden Berichte über immer größere Waldbrände in Südeuropa, Australien und Nordamerika rücken die Risiken des Geschäftsmodells Forstwirtschaft in den Fokus. Hietala und Kangas sind  an dieser Stelle ganz entspannt: „In Finnland und im Baltikum hilft der Klimawandel im Moment eher.“ Die Projektionen der Klimaforscher weisen zwar auf höhere Temperaturen auch in den genannten Gebieten hin, gleichzeitig werden aber auch eher steigende Niederschläge vorausgesagt. Heißt: Das Wachstum der Bäume wird eher befördert, ohne dass die Gefahr von Waldbränden steigen würde. Mehr noch: Der moderate Anstieg der Temperaturen erleichtert die Ansiedlung von Laubbäumen wie Buche, Esche oder Ahorn. Dort, wo sie bereits jetzt gepflanzt werden kann, wächst sie besser – und das Einsatzgebiet verschiebt sich mit steigenden Temperaturen prinzipiell weiter nach Norden. Es ergibt sich ein weiterer positiver Effekt: In Finnland ist der Verbiss junger Triebe durch Rot- oder Dammwild kein Problem, wohl aber das Einwirken auf Pflanzen durch Elche. Dies betrifft hauptsächlich Nadelgehölze, mehr Laubbäume minimieren das Elchproblem spürbar.

Das Ökosystem zur Verlängerung der Verwertungskette

Die seitherigen Verwendungen für Holz versprechen wie zuvor ausgeführt stetes Wachstum. In Finnland existiert darüber hinaus ein umfangreiches Öko-System, um neue Anwendungen zu erforschen, zu fördern und in Serienproduktion zu überführen. Die Metsä Group hat dafür 2018 ein eigenes Inkubator-Unternehmen gegründet: Metsä Spring. „Unsere Tickets liegen zwischen 0,5 und 5 Mio. EUR“ erläuterte CEO Niklas von Weymarn während eines Treffens in Äänekoski. Dort, in der Zellstofffabrik mit angeschlossenem Showroom „Pro Nemus“, hatte er die Unternehmensgründer zu einem Workshop versammelt: „Es geht darum, neue, innovative Anwendungsgebiete für Holz zu etablieren.“ Die jungen Unternehmen arbeiten an Badkeramik aus Holz, Fasern für Schuhe und Bekleidung, Filtermaterial für Klimaanlagen, Grundstoffe für die Kosmetikindustrie, verbesserte Dämmmaterialien oder auch bioaktive Extrakte, die in unterschiedlichen Produktionsprozessen anfallen, bislang aber nicht genutzt wurden.

CEO Niklas von Weymarn von Metsä Spring (rechts) erläutert im Showroom Pro Nemus die Strategie des Unternehmens als Inkubator. Foto: Preuß

CEO Niklas von Weymarn von Metsä Spring (rechts) erläutert im Showroom Pro Nemus die Strategie des Unternehmens als Inkubator. Foto: Preuß

Verlängerte Verwertungskette = bessere Vermarktung

Dieser Umstand ist gemeint, wenn die Fondsmanager sagen, es werden alle Bestandteile des Holzes genutzt. Ganz konkret: Wertvolles Rundholz wird in Sägewerken zu Konstruktionsholz für Bau und Möbelindustrie verarbeitet. Aber die Verschnitte sowie schwächeres Holz werden zu Zellstoff, Fasern und Lignin verarbeitet. Matti Lehtipuu managt den UB Forest Industry Green Growth Fonds, der in Unternehmen investiert, die die industrielle Umsetzung der Ideen vorantreiben. Während Metsä Spring die start-ups fördert, wendet sich der Fonds an Wachstumsunternehmen, die bereits Lösungen und Produkte vermarkten und Umsätze generieren. Es gibt sogar ein deutsches Unternehmen in seinem Portfolio: Traceless Materials aus Hamburg. Das Technologie-Unternehmen arbeitet daran, in möglichst vielen Anwendungsbereichen Kunststoffe durch holzbasierte Materialien zu ersetzen. Andere Unternehmen widmen sich dem Thema, Baumwolle durch Holzfasern zu substituieren. „Das hat besonders hohen Impact, denn in den Ländern, in denen Baumwolle produziert und verarbeitet wird, stellt sich häufig die Problematik umweltschädlichen Wasserverbrauchs“, so Lehtipuu. Ein anderes spannendes Unternehmen im Fonds arbeitet daran, Stoffe zu extrahieren, die in der Anode von Akkus genutzt werden können und die Energiedichte erhöhen sollen.

Zusammengefasst

Waldinvests werden in Finnland vernetzt gedacht. Es hat sich dort ein vielfältiges, innovatives Ökosystem rund um die Forstwirtschaft gebildet. Die Akteure ruhen sich nicht auf dem status quo aus, sondern versuchen die Wertschöpfungskette zu verlängern. Das ist nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern hilft auch der Ökologie – inklusive zunehmenden Impacts. Immer wieder hört man: Holzbasierte Stoffe könnten in nicht allzu ferner Zukunft zumindest technisch jegliche fossilen Grundstoffe ersetzen. Für Stiftungen ergibt sich die Gelegenheit, auf dekorrelierte Weise und mit gut planbaren Renditen an dieser Entwicklung teilzuhaben – und dies auf nachhaltige Weise auf Artikel-9-Niveau.