Mündelsicher? Für die Tonne!

Warum ‚mündelsicher‘ für das Stiftungsvermögen und erst recht für die Anlage in Stiftungsfonds ein Irrweg ist

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Mündelsicherheit für die Tonne
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Wir müssen mündelsicher anlegen, alles andere dürfen bzw. sollen wir im Stiftungsvermögen nicht. Diese Prämisse ist immer noch bei vielen Stiftungsverantwortlichen ganz tief verankert als Maßgabe dafür, wie das Stiftungsvermögen auch heute immer noch verwaltet werden soll. Mündelsicher anzulegen hat nur ein wesentliches Problem: Mündel und sicher gehen im Stiftungsvermögen mittlerweile getrennte Wege. Das hat vor allem mit dem Nullzins zu tun, der nicht erst seit der Corona-Krise zum Dauerzustand werden wird, auch hierzulande. Für mündelsicher ist hier dann kein Platz mehr.

Gerade weil wir uns für unseren Virtuellen Tag für das Stiftungsvermögen mit vielen Fragen das Stiftungsvermögen betreffend auseinandersetzen, ploppte auch das Thema mündelsicher immer wieder auf. Nicht nur, weil uns die Frage, wie mündelsicher angelegt werden kann, zum Weiterreichen an unsere Referenten gestellt wurde, sondern auch, weil Stiftungen mit diesem Begriff aufräumen sollten. Für Stiftungen sind mündelsichere Anlagen ein Auslaufmodell, daran darf kein Zweifel bestehen. Gewichtet eine Stiftung ihre Ziele in der Kapitalanlage, dann kann die Zweckverwirklichung über den Kapitalerhalt gestellt werden, und mit der Zweckverwirklichung ist eng der ordentliche Ertrag verknüpft. Kann ich keine Erträge vorweisen, weil meine mündelsichere Anlage eben nur mehr 0,5% oder gar noch weniger liefert, dann ist das gewichtigere Ziel in Gefahr, und mit ihm dann, wenn man ehrlich, auch das nachgeordnete Ziel. Denn Nullzins bei ein wenig Inflation heißt ja auch, dass das Stiftungsvermögen genauso kalt enteignet wird wie der Privatanleger, der sein Geld auf dem Girokonto verschimmeln lässt.

100 JAHRE HISTORIE KÖNNEN TÄUSCHEN

Als Stiftung muss ich mich also dem Begriff mündelsicher einmal nähern, was das eigentlich bedeutet, woher der Begriff kommt. Der Begriff hat mehr als 100 Jahre auf dem Buckel, es wurde einst ins Sozialgesetzbuch geschrieben, dass auch Stiftungskapital so anzulegen wie das Geld, dass für ein Mündel anlegt wird, also für jemanden, der nicht selbst über Dinge wie die Anlage seines Vermögens entscheiden kann. In die Neuzeit ist der Begriff mündelsicher wie ein Zugvogel auch getragen worden, weil eben jene für ein Mündel geeignete Anlage mit Anleihen wunderbar zu bewältigen war, ganz gleich, ob diese auch für das Mündel die geeignetste Anlage war. Für Stiftungen war mündelsicher insofern ein passendes – oder sagen wir eher: bequemes – Anlagemodell, als dass das WIE der Kapitalanlage einer Stiftung relativ schnell gefunden war. Anlageziel, Anlagepolitik und Anlageinstrument, das alles fand sich rasch zu einem passenden Dreiklang für eine Vielzahl von Stiftungen zusammen. Mit einem entscheidenden Nachteil: Die Änderungen der äußeren Parameter hat das Mündelsicher-Modell nicht adaptiert, weil es diese gar nicht adaptieren konnte.

UNWISSENHEIT SCHÜTZT VOR NULLZINS NICHT

Denn wer immer in Anleihen investiert, der investiert natürlich verlässlich, und bis vor ein paar Jahren sogar ertragreich und sicher, aber er investiert eben immer auch nur in eine Anlageklasse. Wenn der Basisparameter für diese Anlageklasse der Zins ist, dieser jedoch gen Null tendiert, dann verliert das Mündelsicher-Modell automatisch seine Legitimation als Modell für die Veranlagung von Stiftungsvermögen, weil eben ertragreich und sicher nicht mehr gewährleistet werden können. Im Übrigen steht solch eine Anlage auch dem Diversifikationsgebot entgegen, denn nur im Anleihebereich unterwegs zu sein bzw. auf mündelsichere Anlagen zu setzen, bedeutet letztlich, ein im Kern immer gleiches Investment einzugehen. Ist n‘ bisschen wie bei Modern Talking, den Pop-Duo aus den 80ern, bei denen Kritiker sagen, sie hätten zehnmal das gleiche Lied aufgenommen, nur eben mit jeweils einem anderen Text. Das muss nicht schlecht sein, aber irgendwann wird man dem Ganzen überdrüssig, genauso wie das Stiftungsvermögen irgendwann – nämlich genau jetzt – der Alleinanlage in Anleihen überdrüssig wird. Und Unwissenheit über andere Veranlagungsmöglichkeiten schützt vor Nullzins nicht.

HINWEIS: Mündelsicherheit bzw. wie Stiftungen diesen Begriff in der Veranlagung ihres Stiftungsvermögen überwinden wird auch Thema beim Virtuellen Tag für das Stiftungsvermögen am 24.6.2020 sein. Weitere Infos finden Sie unter www.vtfds2020.de

VTFDS2020

DEN BEGRIFF MÜNDELSICHER BITTE EINMOTTEN

Den Begriff mündelsicher sollten Stiftungen entsprechend als Parameter für die Kapitalanlage streichen, ihn einmotten, oder zumindest so umdeuten, dass er in die Zeit passt. Aus Angst, Stiftungsaufsicht und Finanzbehörden würden dem nicht folgen, wird ja doch in vielen Stiftungen und Vereinen immer noch an diesem Begriff festgehalten. Aber dem ist eben nicht so, eher wird andersherum ein Schuh draus. Wer heute die Zweckverwirklichung und damit den ordentlichen Ertrag nicht in den Vordergrund stellt oder höher gewichtet oder priorisiert, der bekommt durchaus auch mal unangenehme Fragen auf den Tisch. Die Antwort ist heute nicht mündelsicher sondern zeitgemäß im Sinne von diversifiziert, auf mehreren Säulen stehend, international gestreut, verschiedene Ertragsquellen nutzend. Hier landen Stiftungsverantwortliche dann bei Income-Fonds, bei ausschüttungsstarken Aktien- und Rentenfonds, bei Immobilien- und Mikrofinanzfonds. Mündelsicher ist aus Gründen des Bestandsschutzes einer Stiftung vielleicht sogar ein gefährlicher Begriff. Denn mündelsicher verengt die Sichtweise auf die Kapitalanlage und auf die Notwendigkeiten im Niedrigzinsumfeld, und sie interpretiert den Nullzins auch als vorübergehend, was sich aber als Fehleinschätzung herausstellen dürfte. Erst einmal weiter mündelsicher anzulegen und auf wieder höhere Zinsen zu hoffen, das dürfte aller Voraussicht nach für eine Stiftung, die in 10 oder 20 Jahren noch relevantes Engagement entfalten möchte, keine Option sein.

ZUSAMMENGEFASST

Es schreibt sich immer leicht darüber, dass mündelsicher nicht mehr das zentrale Wort in der Kapitalanlage einer Stiftung ist, und auch dass es umzusteuern gilt. Das ist mir völlig klar. Aber eines haben schon die vergangenen Jahre gezeigt. Jene Stiftungen die weiter auf die Karte mündelsicher setzen, dürften kein As mehr im Ärmel haben, während Stiftungen, die diversifizieren und ihre Anlagepolitik eben zeitgemäß gestalten, zunehmend ein besseres Blatt in Händen halten werden. Je länger sich mündelsicher als erster Parameter für das Anlegen des Stiftungsvermögens hält, desto kürzer dürfte in diesen Fällen die Zeitspanne sein, in denen Stiftungen noch agieren können. Bis dann eben nichts mehr geht. Insofern kann es sinnvoll sein, den Kapitalanlage-Wortschatz um ein paar Wörtchen zu weiten – und das Wörtchen mündelsicher erst einmal einfach ins Regal zu stellen und verstauben zu lassen.