Die Sicht fairlabelt

#VTFDS2020 aktuell: Wie Stiftungen dem Nachhaltigkeitsgehalt von Fonds auf die Spur kommen

38
NachhaltigkeitsMap
Lesezeit: 6 Minuten

Nicht überall, wo Nachhaltigkeit draufsteht, ist auch Nachhaltigkeit drin. Das gilt für viele Fonds und auch so manchen stiftungsgeeigneten Fonds. Da Stiftungen ihrer DNA nach verantwortungsbewusst, ökologisch fokussiert und ethisch korrekt – eben nachhaltig – investieren wollen, brauchen sie Orientierungspunkte, die ihnen helfen, Fonds und deren Investments bewerten und sortieren zu können. Nur leider verschleiern Ratings und Label nicht selten mehr als sie enthüllen. Besser ist es, wenn Stiftungen selbst zu einem Fonds reflektieren.

„Stiftungen sind per se Nachhaltigkeitsakteure“ weiß Berenike Wiener von der Evangelischen Bank. Aber nicht überall, wo Nachhaltigkeit draufsteht, ist auch Nachhaltigkeit drin. Das zwingt Stiftungen, genau hinzusehen und zu prüfen. Experten erläutern wie es gelingt, die Spreu vom Weizen zu trennen und passende Fonds zu finden. Stiftungen als gewichtige Kundengruppe für Fondsanbieter sorgen zusammen mit Pensionskassen und Versorgungswerken für Nachfrage nach einschlägigen Produkten. Das führt dazu, dass neben wirklich nachhaltigen Produkten auch Fonds angeboten werden, die die bekannten Schlagwörter von „Sustainable“ über „Impact“ bis „Fair“ oder Abkürzungen wie ESG und SDG aus Marketing- und Vertriebszwecken in die Fondsnamen einsetzen, ohne diese Versprechen im Sondervermögen zu halten.

NACHHALTIGKEIT WIRD IMMER MEHR ZUM MAINSTREAM

Die Situation dürfte sich kurzfristig verschärfen, denn nachhaltige Anlagen rücken immer mehr in den Mainstream, wenn schon BlackRock-CEO Larry Fink im Brief an die Aktionäre feststellt, dass nachhaltige Investitionen fürderhin die zentrale Antwort des Konzerns auf die Herausforderungen der Zukunft sein werden. Da aber Kapitalmärkte künftige Risiken vorab einpreisen, „werden wir bei den Kapitalallokationen schneller Veränderungen sehen als beim Klima selbst. Schon bald – und früher als von den meisten erwartet – wird es zu einer erheblichen Umverteilung von Kapital kommen“ prognostiziert Fink.

ESG-Integration sei keine triviale Investmentstrategie, warnen die Autoren der aktuellen Markt-Analyse des Forum Nachhaltige Geldanlage (FNG): „Sie in das gesamte Kerngeschäft eines Asset Managers zu implementieren ist ein komplexer Vorgang, der sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und verschiedene Unternehmensbereiche und -prozesse betrifft.“ Aus der Sicht des FNG zeichnet sich die Qualität von ESG-Integration inhaltlich durch die fünf Handlungsfelder Policies, Prozesse, Reporting, Coverage und Wirkung aus. Folgt man dieser Argumentation, sind Stiftungen einstweilen bei solchen Unternehmen besser aufgehoben, die bereits seit Jahren oder besser Jahrzehnten und umfassend nachhaltige Themen verfolgen. Das muss nicht heißen, dass Newcomer ohne einschlägigen track record nicht auch seröse und attraktive Nachhaltigkeitsangebote machen könnten – sicherer dürfen sich Stiftungen natürlich bei Anbietern fühlen, die mit kirchlichem, genossenschaftlichen und sozialpolitisch engagiertem Hintergrund die sozial-ökologische Form der Geldanlage quasi mitentwickelt haben.

WIE WERDEN NACHHALTIGE FONDS BEWERTET?

Die Komplexität der Bewertung hat bereits vor geraumer Zeit eine von der der Verbraucherzentrale Bremen in Auftrag gegebene Untersuchung verdeutlicht, im Rahmen derer konventionelle Fonds mit Nachhaltigkeitsprodukten verglichen wurden. Es zeigte sich, dass die Bewertung der Nachhaltigkeit auf mehreren Ebenen vorgenommen und insbesondere indirekte Treibhausgasemissionen berücksichtigt werden müssen. Basierend auf dem Standard des Greenhouse Gas Protocols wurden bei der vorgestellten Klima-Analyse die direkten und die indirekten Treibhausgasemissionen der Unternehmen vollständig berücksichtigt. „Dabei werden drei sogenannte Scopes unterschieden: Treibhausgasemissionen aus dem operativen Geschäft (Scope 1), aus zugekaufter Elektrizität und Wärme (Scope 2), sowie aus der Wertschöpfungskette und dem Nutzungszyklus der entsprechenden Produkte und Dienstleistungen (Scope 3)“ so die Untersuchung.

NUR EINE EHRLICHE KLIMABILANZ HILFT WEITER

Insbesondere die Ebene der Wertschöpfungskette und des Nutzungszyklus ist wichtig, um die Treibhausgasemissionen eines Unternehmens vollständig und umfassend zu ermitteln. So müssten beispielsweise bei der Erstellung einer „ehrlichen“ Klimabilanz für eine Bank ebenfalls die Klimaauswirkungen der vergebenen Kredite berücksichtigt werden. In der Klimabilanz eines Autoherstellers muss auch der Treibhausgasausstoß berücksichtigt werden, der während der Lebensdauer der produzierten Autos entsteht sowie bei deren Entsorgung. Ein gutes Beispiel für eine umfassende Betrachtung bieten die Fair Value-Fonds von Acatis. Die werden aktuell mit dem Carbon Footprint Tool von Imug Vigeo Eiris und dem XDC-Modell des Klima-Startups right based on science untersucht. Die Ergebnisse solcher Analysen geben Stiftungen tiefschürfenden Einblick in die Nachhaltigkeit der ausgewählten Unternehmen. Für Berenike Wiener, Head of CSR & Sustainable Finance bei der Evangelischen Bank, gibt es inzwischen viele hilfreiche Plattformen, die die Orientierung für Stiftungen erleichtern. „Zu nennen wären etwa der Bundesverband Deutscher Stiftungen, CSSP, das Forum Nachhaltige Geldanlage und andere.“ Aus ihrer Sicht ist es für Stiftungen unerlässlich, sich intensiv mit dem Themenfeld nachhaltiger Investments zu beschäftigen und dann eigene Kriterien zu entwickeln. „Kleinere Stiftungen ohne umfangreiche personelle Ressourcen werden aber weiterhin auf seröse, vertrauenswürdige Nachhaltigkeits-Expertise angewiesen sein.“ Diese Expertise schreibt Dr. Elmar Peine, Geschäftsführer des Renditewerks, ebenfalls dem Forum zu: „Ich halte das FNG-Siegel für valide.“

HINWEIS: ESG und wie Stiftungen diesen Themenkomplex in Anlagerichtlinie und Anlagepolitik überführen wird auch Thema beim Virtuellen Tag für das Stiftungsvermögen am 24.6.2020 sein. Weitere Infos finden Sie unter www.vtfds2020.de

WELCHE ASPEKTE WIRKLICH ZÄHLEN

„Für die große Zahl der Stiftungen ohne eigenes professionelles Kapitalmanagement bietet sich grundsätzlich nur ein Investment in nachhaltige Fonds an“ befindet auch Frank Ackermann, Geschäftsführer der SDG Investment GmbH. Auch er sieht eine gute Orientierung durch das FNG Siegel, das nach strengen Kriterien nur an Nachhaltigkeitsfonds vergeben wird. „Das sind in Deutschland inzwischen mehr als 100 Fonds“ verweist er auf die mittlerweile stattliche Auswahl. Für Elmar Peine beschränkt sich die Nachhaltigkeitsdiskussion zu häufig darauf, eine „reine Weste zu haben, indem ich Eigentum an einer Firma erwerbe, die ja schon besteht und unabhängig vom Aktienhandel positiv agiert. Man sollte mehr Gewicht darauflegen, mit der Investition einen positiven Impact für die Welt zu erzielen, etwa durch Direktinvestments in Solarparks oder ähnliche Angebote. Dazu bedarf es Anpassungen der Gesetzgebung für Stiftungen.“

Die Bewertung nachhaltiger Investmentvehikel, für Ackermann zählen auch Anleihen von deutschen Emittenten „mit eindeutig nachhaltigen Geschäftsmodellen wie der Deutschen Lichtmiete oder dem Bike-Sharing Unternehmen nextbike“ dazu, durch Ratingagenturen ist zweifelsohne ein gangbarer Weg für Stiftungen. Wichtig ist dabei aber, die jeweilige Systematik hinter dem Rating zu verstehen. Das ist nicht so einfach, denn wie bei Kreditratings geben auch die Nachhaltigkeitsagenturen ihre exakten Kriterien nicht preis. Es ist nicht ohne Ironie, dass den Anbietern, die für Transparenz stehen, die eigene Transparenz zu gewissen Teilen abgeht. Die grundlegenden Systematiken sind natürlich bekannt, etwa die genaue Zuordnung von SDGs zu Umsatzanteilen, die Klassifizierung von Investmentthemen für deren Tauglichkeit zur Beförderung der SGDs, es werden Punkte für Risikomanagement, Engagement, Berichterstattung oder auch zukünftige Potenziale vergeben oder der Impact in eine Zahlenreihe verpackt.

WIE EINE CHECKLISTE FÜR EINEN ESG-FONDSCHECK AUSSEHEN KÖNNTE

Das alles sind gute Hinweise, am Ende hilft es ganz bestimmt auch, sich die einzelnen Positionen in einem Fonds anzuschauen. In vielen Anlagerichtlinien findet sich der Ausschluss von Tabak, während zahlreiche Fondsmanager darauf verweisen, dass Philip Morris International (PMI) sehr faire Lieferketten aufgebaut hat und energetisch nachhaltig aufgestellt sei. Und beim Ausschlussfaktor Alkohol dürften bei vielen kirchlichen Stiftungen zwei Herzen in der Brust schlagen, denn viele Stiftungsweingüter, Kräuterschnapsbrennereien und vor allem Brauereien sind ja doch eher Lebensart denn Teufelszeug. Bei Rüstung, Pornographie oder Unternehmen aus dem Öl- und Kohlebereich führt der Blick ins Portfolio dann aber schon zu eindeutigen Ergebnissen.

Stiftungen kommen also an der kritischen Reflektion eines Fonds nicht vorbei, und sollten sich dabei immer von der Frage leiten lassen, ob sie die Aktivitäten und das Gebaren eines Unternehmen mit ihrem Wertegerüst vereinbar sind oder nicht – und wie viele „Fehlschüsse“ sich ein Fonds aus dieser Perspektive heraus leisten kann. Eine Checkliste, nach der Stiftungen Fonds auf ihr ESG- bzw. Nachhaltigkeitsprofil hin prüfen können, könnte folgendermaßen aussehen:

  1. In was investiert der Fonds im Detail? Wird eine gewisse Quote problembehafteter Investments überschritten, wird der Fonds von der Liste gestrichen. Der Anteil kann selbstverständlich auf null gesetzt werden, aber an manchen Stellen dürften Toleranzen hilfreich sein.
  2. Sind die Anlageuniversen der Fonds, die die erste Hürde nehmen, von der Anlagerichtlinie abgedeckt?
  3. Gibt es zu den Fonds, die die zweite Hürde überspringen, objektive Label und Kennzeichnungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und ESG sowie einen ESG-Score? Fonds mit diesen Ausstattungsmerkmalen sind vorzuziehen.
  4. Liefern die Fonds, die Hürde 3 überschritten haben, kontinuierlich ordentliche Erträge in Form von Ausschüttungen? Ein Fonds, der Hürde 3 übersprungen hat, muss Ausschüttung und ESG zusammenbringen, und zwar in dieser Reihenfolge.
  5. Nach Hürde Nummer 4 folgt die Frage, ob seitens des Fondsanbieters Nachhaltigkeitsreportings oder ESG-Reports vorhanden sind. Solche Reportings unterstützen dabei, das Depot hinsichtlich Nachhaltigkeit zu greifen. An diesem Punkt sollte auf jeden Fall der Austausch mit dem Fondsanbieter gesucht werden.
  6. Nach Hürde Nummer 5 folgt die Frage, ob die Fonds in der jeweiligen Kategorie zu den besten gehören nach Wertentwicklung, Drawdown und Underwater period. Schaffen es drei Aktienfonds über die Hürden eins bis fünf, ist der zu bevorzugen, der von diesen Leistungsmerkmalen her die besten aufweist.

ZUSAMMENGEFASST

Wie auch immer eine Stiftung sich dem Investitionsthema annähert: „Ums Thema Nachhaltigkeit kann sich keine Stiftung mehr herumdrücken“ betont Berenike Wiener. In einem ersten Schritt müssten sich Stiftungen „unbedingt einen soliden eigenen Wissenstand über nachhaltiges Investieren aneignen. Und dann fragen, fragen, fragen.“ Eine Checkliste kann dazu immer helfen, sich einzelnen Fondsprodukten zu nähern, aber eines ist wohl die Königsdisziplin: das kritische Reflektieren. Denn nicht jedes Label und nicht jedes ESG-Reporting hält einen Mehrwert parat – und nicht jeder Fonds, bei dem nachhaltig draufsteht, ist auch nachhaltig drin.