Start #stiftungenstärken Stiftungsvermögen & Stiftungsfonds „Einige Stiftungen müssen sich für ihr Stiftungsvermögen einfach mal die Karten legen“

„Einige Stiftungen müssen sich für ihr Stiftungsvermögen einfach mal die Karten legen“

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Interview mit Trutz Rendtorff und Dr. Stefan Fritz
Lesezeit: 5 Minuten

Auf ein Telefonat aus dem auf einem Supermarktparkplatz parkenden Auto mit Trutz Rendtorff (Karg-Stiftung) und Dr. Stefan Fritz (Carl Friedrich von Siemens-Stiftung) – und ein Gespräch über Stiftungsvermögen cum Management, Sorgfalt und Handwerk.

Wollen wir im Stiftungsvermögen weg vom Verwalten und hin zum Managen kommen, muss in vielen Stiftungsvermögen hierzulande Einiges anders gemacht werden. Was genau?

Trutz Rendtorff: In meinen Augen müssen sich einige Stiftungen ihr Vermögen einmal ehrlich durchrechnen. Die entscheidende Frage ist doch: Trägt unsere Aufstellung auch dann, wenn die Märkte unruhig werden? Wenn nicht, stimmt die Konstruktion nicht. Dafür braucht es eine strategische Asset Allocation, idealerweise fundiert durch eine Asset-Liability-Analyse. Eine Stiftung muss ihre Ausgaben, Liquiditätsbedarfe und Belastungsszenarien kennen – und erst dann allokieren. Und genauso wichtig: Stiftungen müssen aus der reaktiven Rolle heraus. Sie dürfen sich nicht von Banken, Anbietern oder Marktgeräuschen treiben lassen, sondern müssen selbst steuern. Dafür braucht es starke Gremien, gute Werkzeuge und die Fähigkeit, auch in Krisen mit Ruhe und System zu handeln.

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Das heißt ja, so lesen wir das jetzt mal, wir sprechen von individuellen Konzepten, und nicht von der VV nach Schema F, die dann so und so viel Stiftungen übergestülpt wird.

Trutz Rendtorff: Für mich heißt es genau das. Stiftungen brauchen keine Standardlösungen, sondern eine eigene, zum Zweck passende Anlagearchitektur. Die Business Judgement Rule ist ja gerade kein Gebot zur Lähmung, sondern ein Auftrag zu fundierten, langfristigen Entscheidungen. Viele Stiftungen nutzen ihre Freiheiten bis heute nicht aus, sondern beschränken sich stärker, als es rechtlich nötig wäre. Davon müssen wir im Sektor weg. Langfristig erfolgreich wird nur allokieren, wer Zweck, Zahlungsströme und Risikotragfähigkeit der Stiftung ernst nimmt – nicht die Produktlogik des Marktes.

Dr. Stefan Fritz: Bin hier völlig bei Dir. Das Handwerkszeug macht mit dabei weniger Sorgen, als vielmehr wirklich der Wille in vielen Stiftungsgremien, sich mit dem Stiftungsvermögen in der langen Frist auseinander zu setzen. Wo soll eine Stiftung in 10 oder 20 Jahren stehen, diese Erdung braucht es für mich, um die Stiftung richtig aufzustellen. Die psychologische Kernarbeit wird in vielen Stiftungsgremien genau darin bestehen, dieses langfristige Konzept für das Stiftungsvermögen nicht aus dem Auge zu verlieren. Viele Stiftungen haben sich ja zudem viel zu viele willkürliche Beschränkungen auferlegt, die nicht mit solch einem Langfristbild korrespondieren, das ist schon problematisch. Und für mich heißt Langfristkonzept eben auch sehr viel Sorgfalt im Hier und Heute.

Trutz Rendtorff: Viele Stiftungen müssen ihre ganz eigenen Risiken besser verstehen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie stark schwankt das Depot? Entscheidend sind oft ganz andere Faktoren: Inflation, Ausfälle und Illiquidität. Das größte Risiko ist nicht Schwankung, sondern schleichender Substanzverlust. Wer eine ewige Stiftung verantwortet, muss deshalb andere Maßstäbe anlegen als ein Privatanleger. Stiftungsspezifische Risiken muss ich kennen, gewichten und aktiv steuern.

Dr. Stefan Fritz: Wir dürfen auch nicht den Fehler machen, und alle Stiftungen über einen Kamm scheren. Denn Strukturen, die für kleinere passen, passen für die Großen nicht, und umgekehrt. Auch brauchen wir eine Kostentransparenz, was bestimmte Leistungen im Vermögensmanagement kosten dürfen. Stiftungen müssen raus aus dem Würgegriff ihrer eigenen Unwissenheit über Produkte, Strukturen und Kosten.

Trutz Rendtorff: Der Haftungsruf von außen hilft oft nicht weiter. Wer sauber strukturiert, fundiert entscheidet und seine Prozesse dokumentiert, muss sich davon nicht lähmen lassen. Gute Governance ist kein Bremsklotz, sondern die Voraussetzung dafür, die vorhandenen Freiheiten überhaupt nutzen zu können.

Aber fehlt vielen Stiftungen, bei aller Kritik am Drumherumgeräusch um den Sektor nicht auch die große Idee für ihr Stiftungsvermögen? Bin ich nicht umso wirtschaftlich stehfähiger, je langfristiger meine Anlageidee ist?

Dr. Stefan Fritz: Für mich ist das der zentrale Punkt. Im Umgang mit Anlagerichtlinien oder in der Auswahl von Beratern wird einfach oft nicht jene Sorgfalt angelegt, die es heute braucht. Sorgfaltspflicht bzw. Business Judgement Rule sind keine Arbeitsbeschaffungsprogramme für Anwaltskanzleien, sondern sind grundlegende Verhaltensweisen, an die man sich als Stiftungsverantwortliche halten sollte. Da gehört dann gar nicht so viel dazu. Der Gesetzgeber hat den Organen auskömmlich Raum gegeben, etwa das Vermögensmanagement sauber aufzusetzen, andererseits gilt es dann auch, diese Verantwortung zu leben. Im Arbeitskreis Stiftungsvermögen (des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, Anm.d.Red.), den Trutz und ich ja nun leiten, haben wir uns zum Ziel gesetzt, den Austausch unter den Stiftungen zu diesen Themen zu intensivieren. Gleichzeitig gilt es, das Selbstbewusstsein gegenüber Anbietern zu stärken. Stiftungen können in den Gesprächen mit Fondsanbietern oder Asset Managern anders auftreten, aber sie müssen sich eben auch anders vorbereiten.

Trutz Rendtorff: Das mag technisch klingen, ist aber zentral: Die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Stiftung und die persönliche Tragfähigkeit der Verantwortungsträger sind nicht dasselbe. Was ich privat an Risiko- und Zeithorizonten habe, gilt für eine Stiftung so nicht. Genau hier müssen wir im Sektor mehr Aufklärung, mehr Best Practice und mehr Transfer schaffen. Der größte Hebel ist, reale Erträge zu steigern und Kaufkraftverluste zu begrenzen. Viele Stiftungen sind dabei zu vorsichtig – und gefährden genau dadurch ihre Zukunft.

Dr. Stefan Fritz: Bremsen lösen, so würde ich es zusammenfassen. Autonomer entscheiden, auch das Thema Jahresrechnung mal anfassen, darum wird es gehen. Denn dass so viele Stiftungen in Jahresscheiben denken, hat mit der Sichtweise der Wirtschaftsprüfer zu tun. Auch hier lassen sich in der Praxis Dinge verändern, die jede Stiftung dann voranbringen.

Wie weit sind wir weg davon, dass Stiftungen mit einem RFP unterm Arm auf Asset Manager zugehen?

Trutz Rendtorff: Ich denke, das kann relativ schnell gehen. Wichtig ist, dass Stiftungen sich angewöhnen, konsequent Fragen zu stellen. Wir werden bei jeder Spende geprüft – warum sollten wir bei der Verwaltung unseres Vermögens weniger kritisch sein? Ein strukturierter Fragenkatalog ist kein Misstrauen, sondern Sorgfalt. Und er verändert die Rollenverteilung: Die Stiftung ist Auftraggeber, nicht Bittsteller. Wir wollen, dass Stiftungen ihren Banken, Asset Managern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern auf Augenhöhe begegnen. In der Praxis wird bei einem Handyvertrag oft genauer nachgefragt als bei einem Fondsmandat. Das muss sich ändern.

Dr. Stefan Fritz: In meinen Augen ist es schon noch ein Weg dahin. Üblicherweise warten viele Stiftungsverantwortliche auf die Anrufe der Hausbanken, man wartet auf Vorschläge. Hier muss ein Kurswechsel her, RFP ein Werkzeug, das Stiftungsvorstände in eine aktivere Rolle bringt.

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Apropos Kurswechsel. Was würde passieren, wenn eine Stiftung wie jene in Nordamerika sagen würde, wir schütten jetzt immer 5% aus.

Trutz Rendtorff: Das würde unmittelbar bedeuten, dass die Stiftung anders allokiert. Wer 5 Prozent ausschütten muss, legt anders an, Punkt. Dann reicht ein defensives 3-Prozent-Denken nicht mehr. Dann muss die Strategie konsequent auf höhere reale Erträge ausgerichtet werden. Und genau darum geht es: Stiftungen sollten ihre steuerlichen und regulatorischen Freiheiten nutzen, um ihren Zweck dauerhaft finanzieren zu können – nicht, um sich vorsichtshalber selbst zu fesseln.

Womit das Steuerprivileg dann eher verdient wäre. Das ist eine Diskussion, die wir führen müssen, und die wir führen werden. Wir danken Ihnen für die Offenheit, die klare Kante – und wünschen für die Arbeit im Arbeitskreis Stiftungsvermögen des Bundesverbands Deutscher Stiftung viel Erfolg.

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Tobias Karow
ist Gründer und Geschäftsführer von stiftungsmarktplatz.eu und im Stiftungswesen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein seit 10 Jahren aktiv. Er ist Herausgeber der FondsFibel für Stiftungen & NPOs, dem führenden Nachschlagewerk für Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds (www.fondsfibel.de), Vorträge hält er vor allem zum Thema ‚Stiftungen und ihr Weg in die digitale Welt‘. Für beide Themen betreibt er den Blog #stiftungenstärken.