Geopolitische Spannungen und strukturelle Veränderungen prägen zunehmend die Kapitalmärkte. Dabei gewinnen auch Rentenanteile und Gold als strategische Bausteine wieder an Bedeutung. Thomas Keller erläutert, warum langfristiges Denken entscheidend ist und wie man sich trotzdem aus der Komfortzone heraustrauen kann.
Der Social Profit Kosmonaut: Wir stehen vor einem Fernseher mit Videotextbild, wie geht es Ihnen aktuell beim Blick darauf?
Thomas Keller: Also für solche Tage bin ich da. Wenn die Börsen unter Druck sind, müssen wir analysieren, Berichte lesen, diskutieren, und das macht mir sehr viel Spaß. Aber an solchen Tagen ist man eben auch Ratgeber für den Kunden, der nun wissen will, wie man das verändert Marktumfeld sieht. Nicht einfach manchmal, aber dafür stehe ich jeden Morgen auf.

Der Social Profit Kosmonaut: Wie gehen Sie als Analyst mit plötzlichen Ereignissen um, etwa geopolitischen Krisen?
Thomas Keller: Da muss ich kurz ausholen: Wir sind langfristige Investoren. Wir schauen nicht auf ein oder zwei Jahre, sondern auf deutlich längere Zeiträume. Das gibt uns eine gewisse Ruhe in Situationen, in denen sich die Welt scheinbar über Nacht verändert. Kurzfristige Schwankungen sind gut überbrückbar, weil unsere Portfolios entsprechend strukturiert sind. Gleichzeitig müssen wir als Analysten differenzieren: Was ist menschlich und medial eine Tragödie – und was ist tatsächlich relevant für den Kapitalmarkt?
Ein Beispiel ist der Angriff der Hamas auf Israel. Menschlich ist das eine Katastrophe. Für den Kapitalmarkt war es zunächst eher sekundär. So hart das klingt: Unsere Aufgabe ist es, uns um unser Portfolio zu kümmern. Wir analysieren, welche Auswirkungen sich auf Staatsanleihen oder Inflation ergeben könnten, und spielen verschiedene Szenarien durch, auch am Wochenende. Wir agieren grundsätzlich antizyklisch. Das ist unsere DNA. Das heißt: Wenn die Märkte fallen, prüfen wir, ob es sich um ein strukturelles oder ein temporäres Ereignis handelt. Wenn wir davon ausgehen, dass es eher temporär ist, nutzen wir Schwächephasen auch, um Positionen aufzubauen. Aktuell sehen wir trotz geopolitischer Spannungen eine insgesamt robuste Weltwirtschaft.
Der Social Profit Kosmonaut: Welche Herausforderungen gibt es noch?
Thomas Keller: Geopolitische Themen sind sehr präsent, aber wir sind Investoren, wir schauen stärker auf Themen wie Staatsverschuldung. Diese Entwicklungen sind für die Kapitalmärkte oft relevanter als einzelne Konflikte. Viele erwarten jetzt eine Schwäche des US-Dollars, aber man darf nicht vergessen, dass auch der Euro strukturelle Herausforderungen hat. Eine Dollarschwäche heißt nicht unbedingt eine Eurostärke. Deshalb schauen wir uns auch alternative Währungen an, etwa aus Schwellenländern, die vom Nearshoring profitieren könnten. Ein weiteres Thema sind Private Debt und Private Equity Unternehmen, die massiv im Software-Bereich tätig sind. Softwareaktien sind stark gefallen. Stichwort Künstliche Intelligenz.
Der Social Profit Kosmonaut: Wie positionieren Sie sich im Aktienbereich?
Thomas Keller: Wir arbeiten mit mehreren Schwerpunkten, unter anderem in den Bereichen Technologie, Gesundheit, Industrie und Rohstoffe. Gerade Rohstoffe sehen wir aktuell als interessant an, weil hier strukturelle Angebots- und Nachfragefaktoren eine Rolle spielen.
Der Social Profit Kosmonaut: Investieren Sie auch in Rüstung?
Thomas Keller: Nein, das tun wir bewusst nicht und halten an diesem Grundsatz auch weiterhin fest. Auch wenn sich die Diskussion in den letzten Jahren verändert hat, sehen wir ausreichend Alternativen, um tolle Renditen zu erzielen. Meine Aufgabe ist es, auf Industrieunternehmen zu gucken, die gut performen. Das muss nicht die Rüstungsindustrie sein.
Der Social Profit Kosmonaut: Die Welt wirkt komplexer, vielleicht auch unsicherer. Was bedeutet das für Anleger?
Thomas Keller: Ich glaube, man muss tatsächlich politischer denken. Fragen nach Herkunft von Rohstoffen, strategischer Bedeutung von Regionen oder auch geopolitischen Abhängigkeiten spielen eine deutlich größere Rolle als früher. Wer ist Freund und wer ist Feind.
Der Social Profit Kosmonaut: Was bedeutet das konkret für die Asset Allocation von Stiftungen?
Thomas Keller: Ein entscheidender Punkt ist die sogenannte Manövriermasse im Portfolio. Man braucht liquide Bausteine, die in Stressphasen genutzt werden können, etwa eine moderate Goldquote oder auch langlaufende Staatsanleihen. Man sollte sich auch ein Stück weit aus der klassischen Rentenwelt heraustrauen und sich bei seinen Anleihen nicht zu sehr zu fokussieren, also auch andere Rentensegmente betrachten und die gesamte Bandbreite nutzen. So geht Stabilität bei überschaubarem Risiko. Auch Rücklagen sind ein ganz wesentlicher Bestandteil der Stiftungsarbeit. Sie helfen dabei, Erträge über die Zeit zu glätten und sicherzustellen, dass die Stiftung auch in schwächeren Marktphasen handlungsfähig bleibt
Der Social Profit Kosmonaut: Was ist Ihr wichtigster Rat an Stiftungen?
Thomas Keller: Ich finde es wichtig, einen Bezug zum Investment zu haben. Themen, die ich meinem Gremium auch erklären kann. Passt das zu meinem Stiftungszweck? Dass man sich wohlfühlt. Schutz, im Falle von Krisen, ist immer auch Diversifizierung über alle Anlageklassen hinweg. Und, ganz auf den Punkt, ich wiederhole es gern: Goldallokationen.
Der Social Profit Kosmonaut: Wir danken Ihnen für Ihre Offenheit und die Denkanstöße.
Hinweis: Das Interview ist erschienen in „Der Social Profit Kosmonaut No. 1“.









