Herkules meets Sisyphos

Was es für das Verwalten des Stiftungsvermögen mit Anleihen bis 2030 braucht

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Checkliste Anleiheanlage 2020
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Dass die Anleihe der deutschen Stiftung liebstes Kind ist, ist an und für sich kein Problem. Anleihen, also Schuldverschreibungen, waren oft ein solides Investment, lieferten schöne Kupons, und wer die Zinsstrukturkurve früher einfach im Zinszyklus zu spielen verstand, war fein raus. Das galt auch für Stiftungen bzw. deren Stiftungsvermögen, das in Anleihen angelegt jene ordentlichen Erträge produzierte, die es für die Zwecksphäre brauchte. Einiges an diesen Sätzen stimmt so jedoch nicht mehr, und der Blick auf 2030 unterstreicht das nur noch.

Es war eine gemütliche Sache, die Kapitalanlage einer deutschen Stiftung. Realer Kapitalerhalt, mündelsicher, kein Risiko, da brauchte es keine Recherche, denn wie die meisten Stiftungskollegen auch stünde als Lösung für diesen Dreiklang die Bundesanleihe. Mit 4% oder früher gar noch mehr Kupon waren alle Aufgaben das Vermögen betreffend zu lösen, und mangels Investmentalternativen war man mit dem Investieren auch stets relativ schnell wieder durch. Lief eine Bundesanleihe aus, wurde die nächste gekauft. „Das waren sicherlich einfache Zeiten, gerade auch für Stiftungen, aber man darf dies Stiftungen nicht vorwerfen. Sie haben natürlich das aus ihrer Sicht geringste aller Risiken gewählt und haben dabei immer noch 4, 5 oder 6% pro Jahr an ordentlichem Ertrag eingestrichen. Die Anleihe als Investment hat für Stiftungen wunderbar funktioniert“, weiß Peter Schneider, Vorstand des Vermögensverwalters Schneider, Walter & Kollegen in Köln und selbst Betreuer einiger Stiftungsmandate zu berichten. Nur, was früher einfacher war, wird künftig umso schwieriger, erst recht wenn solche Einschläge wie die Corona-Krise den Zins auf Jahre hinaus bei nahe null förmlich festtackern dürften.

Wenn nun eine Stiftung ihre Anleiheanlage überprüft, dann wird sie feststellen, dass mit Bundesanleihen egal in welcher Laufzeit kaum mehr etwas zu holen ist auf der Kuponseite. Andere Anleihearten und -typen wiederum sind Stiftungen häufig etwas fremd, das fängt schon bei der Unternehmensanleihe an. Klar, dass ein Unternehmen eine Anleihe begibt und dafür einen etwas höheren Kupon zahlen als der Staat, ist ob der etwas schlechteren Bonität des Unternehmens leicht nachzuvollziehen. Dennoch dürfte es für Stiftungsverantwortliche schwierig werden, ebenjene Bonität ausreichend sattelfest zu bestimmen, für viele Unternehmen und deren Anleihen, und sie von Verlockungen wie so mancher Mittelstandsanleihe zu separieren. Wobei es hier dann für die Zukunft gerade erst losgeht. Künftig sind supranationale Emittenten vielleicht spannend, mancher Impact-Bond dürfte für Stiftungen interessant sein, und auch das Anleiheangebot aus den Emerging Markets dürfte ob der dort absehbaren wirtschaftlichen Prosperität mehr als eine Beimischung sein.

Wenn also die Anleiheanlage umso undurchsichtiger wird, umso mehr braucht es Sparringspartner, die den Durchblick haben. Wir haben nicht umsonst auch drei reine Rentenfonds in unserer FondsFibel (www.fondsfibel.de) analysiert, und mit Peter Schneider, der dem SWUK Renten Flexibel als Steuermann vorsteht, kamen wir auf die Idee, für Stiftungen eine Art Checkliste zur Rentenanlage zu machen, eine, die im Hier und Jetzt angewendet werden kann und gleichzeitig den Blick auf das wirft, was 2030 in der Anleiheanlage wichtig sein dürfte.

HIER IST ALSO PETER SCHNEIDERS STIFTUNGS-CHECKLLISTE FÜR DIE ANLEIHEANLAGE

  1. Vergessen Sie die Bundesanleihe nicht, holen Sie sich aber weitere Anleihearten und -typen in ihre Anlageentscheidungen. Die Bundesanleihen werden es allein nicht mehr richten, es braucht auch Unternehmensanleihen, Hybridanleihen, Wandelanleihen, Währungsanleihen, Anleihen supranationaler Emittenten, und und und. Der Anlageblock „Anleihen“ muss weiter gefasst werden, und sollte heutzutage auch ESG-Kriterien berücksichtigen. All das muss dann entsprechend in den Anlagerichtlinien verankert werden.
  2. Denken Sie daran, dass Anleihen mit langen Laufzeiten ein gewisses Kursrisiko in sich bergen, sollte sich die Rendite eines Tages einmal nach oben bewegen. Dieses Kursrisiko kann für Stiftungen ein schlagendes Risiko werden, denn man wird länger in den Kurverlusten stecken und ist nicht so beweglich für optimierende Umschichtungen. Passen Sie auch auf Anleihen auf, wenn z.B. die Aktienkurse der entsprechenden Emittenten kriseln. Dann kann auch für deren Anleihen was im Busch sein.
  3. Bauen Sie eine Fremdwährungsquote in ihre Anleiheallokation mit ein. Viele ausländische Emittenten (z.B. Staaten wie Mexiko, Indonesien u.a.) bieten Anleihen auf so genannter Hartwährungsbasis (z.B. USD) an. Mit Anleihen auf Basis von Lokalwährungen dürfte man sich wegen des Risikos nicht wohl fühlen, aber in den Emerging Markets spielt ökonomisch künftig die Musik. Entsprechend dürften sich die Bonitäten verbessern und mit ihnen die Opportunitäten für Investments zunehmen. Merke: Fremdwährungsanleihen dürften künftig ein fixer Baustein für die Rentenquote sein.
  4. Berücksichtigen Sie supranationale Emittenten, bzw. die von zum Beispiel Corp Andina de Fomento (Entwicklungsbank Südamerika) herausgegebenen Anleihen. Hierüber werden vor Ort Entwicklungs- und Investitionsprogramme mit frischen Mitteln versorgt, die Investmentchance hier vereint Rendite und Impact. Daher: Anleihen supranationaler Emittenten sind womöglich so etwas wie die neue Bundesanleihe. Die Emittenten haben gute Bonitäten, dürften immer bezahlen, mit dem Geld wird Vernünftiges angestellt, etwa Infrastrukturinvestments vor Ort, und die Kupons sind z.B. mit  1,2 bis 1,7% interessanter als im Vergleich zu den Kupons der meisten europäischen Emittenten auf Länderebene.
  5. Das Agieren im klassischen Zinszyklus ist out, weil es diesen klassischen Zinszyklus durch die Markteingriffe der Notenbanken so gar nicht mehr gibt. Lassen Sie sich darauf ein, auch mal kurzfristige Opportunitäten nutzen zu können, und geben sie sich über die Anlagerichtlinie diesen Spielraum. Opportunitäten entstehen heute praktisch über Nacht, richtig genutzt können diese schnell zum Erreichen des Ertragsziels beitragen. Daher: Nutzen Sie Opportunitäten, so sich diese bieten, dies kann auch die Neuemission einer Anleihe sein, hierzu braucht es aber einen engen Austausch mit dem Rentenhandel.
  6. Last but not least: Sehen Sie die Anleihe nicht als Alleininvestment für Ihr Stiftungsvermögen, sondern als Teil einer Portfolioallokation. Kein Investment taugt als eierlegende Wollmilchsau, aber jedes für sich trägt einen Teil zum Erreichen des Renditeziels bei. In 2030 wird es noch viel mehr darauf ankommen, ein Stiftungsvermögen als Allokation zu betrachten und eben nicht nur als Anleihesammelstelle, akzentuiert um drei Dax-Aktien. Das wird es nicht mehr sein. Insofern gilt: Machen Sie sich mit Ihrem Stiftungsvermögen auf den Weg hin zu einer Allokation, zu der Anleihen verschiedener Couleur gehören, aber auch andere Investments wie Aktien, Immobilien, Mikrofinanz und REITs.

HERKULES MEETS SISYPHOS

Das Jahr 2030 ist zwar noch lange weg, aber überlegen Sie einmal, wie schnell die Zeit zwischen 2010 und 2020 verging. Gut, mit Angela Merkel gab es in dieser Zeit eine Konstante, aber was kam und was ging, man kann es gar nicht aufzählen, und das wird in der neuen Dekade auch so sein. Als Stiftung hier sein Stiftungsvermögen sauber durch zu navigieren, ist sicherlich eine Herkules- wie Sisyphos-Aufgabe zugleich. Einmal das übergeordnete Ganze stets im Blick behalten werden, zum anderen muss auf Mikroebene viel granularer am Stiftungsportfolio gearbeitet werden. Nach wie vor halte ich daher das Delegieren das Kapitalanlage einer Stiftung für den besseren Weg, einmal diese Aufgabe professionell erledigen zu lassen und sich auch auf das wesentliche Tun in einer Stiftung konzentrieren zu können. Explizit auf ihre Stiftungseignung hin geprüfte Rentenfonds können in diesem Kontext Basisbausteine sein. Diese Delegation braucht einen sauberen Rahmen, entsprechend muss die Anlagerichtlinie auf den neusten Stand gebracht werden. Ohne einen entsprechenden Rahmen keinen ausreichenden Spielraum, das gilt umso mehr für das Delegieren der Kapitalanlage.

ZUSAMMENGEFASST

Die Anleiheanlage von Stiftungen wird Herkules- und Sisyphos-Aufgabe zugleich werden. Vor allem aus den Parametern heraus, die Niedrigzins, Verlagerung des Wachstumsregimes und politische Friktionen mit sich bringen. Wer einen Anleihe-Haudegen wie Peter Schneider an seiner Seite weiß, der kann sicherlich ruhiger schlafen als jemand, der alles in Eigenregie macht und das Stiftungsvermögen selbst durch alle Untiefen steuern möchte. Hier braucht es dann viel granulares Können, den täglichen Zugang zu Informationen, das taktische Geschick. Anleihen in ein Stiftungsvermögen einzubinden, wird weiterhin wichtig und richtig sein, ebenso richtig und wichtig wird es aber sein, die Anleiheanlage in den nächsten 20 Jahren teilweise anders zu machen als in den vergangenen 20 Jahren. Wie im richtigen Leben, wenn man sich entwickeln will.