Dr. Roboter bitte in den Stiftungsfonds, Dr. Roboter bitte!

Warum die Technologien von übermorgen schon heute in das Fondsportfolio einer Stiftung gehören

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Stiftungen und Innovation
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Stiftungen wundern sich vielleicht, dass so mancher Stiftungsfonds nicht so richtig in die Gänge kommt, obwohl die Börsen „laufen“. Und manche Stiftung wundert sich vielleicht zudem, dass manche Aktien scheinbar immer steigen, während andere stur auf der Stelle treten. Genau zu den Aktien die immer steigen haben wir uns ein paar Gedanken gemacht, denn spricht nicht Einiges dafür, dass diese auch im Depot eines Stiftungsfonds eine gute Figur abgeben könnten?

Jüngst bekam ich einen Anruf. Am Telefon war Lucas von Reuss, Gründer und Geschäftsführer der Investmentberatung und IP-Analyse-Firma Quant IP. Quant IP erstellt quantitative Patentanalysen für Investoren und ist Fondsinitiator des Quant IP Global Innovation Leaders Fund, beschäftigt sich also vereinfacht gesagt sehr stark mit Innovationen, welche sich durchsetzen werden und in welche es sich zu investieren lohnt. Innovation, das ist ein großes Wort, vor allem wenn man bedenkt, dass häufig nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wird. Im Gespräch aber zeigte mir Lucas von Reuss anhand von drei Beispielen, was er unter Innovation versteht

DOKTOR ROBOTER

Lucas von Reuss über…
…Dr. Roboter, den Chefarzt ohne Fehler


Schon heute sind Operationsräume voller Computertechnik. Schon heute bauen Chirurgen auf die Unterstützung von feinsten Messinstrumenten und exakten Daten, um Patienten in jeder Minute der Operation zu überwachen. Schon heute helfen Chirurgie-Roboter wie Da Vinci von der US-Firma Intuitive Surgical, immer mehr Eingriffe minimalinvasiv zu gestalten, um die Patienten zu schonen.

Morgen jedoch werden diese Roboter und schnelle Informationsübertragung mit 5G es möglich machen, dass Patienten am anderen Ende der Welt von Spezialisten operiert werden können. Der Experte sitzt in Boston, der Patient liegt in Moskau – und die Roboterarme führen ohne Zeitverzug alle Bewegungen des Arztes aus den USA aus, dessen Handschuhe mit hochsensibler Sensorik ausgestattet sind. Ein Computer greift unterstützend ein und korrigiert zittrige Hände oder warnt vor einem zu tiefen Schnitt.

Übermorgen werden Computer über die Aufzeichnung von vielen hunderttausend Operationen gelernt haben, was die besten Chirurgen tun, um Leben zu retten. Mit jeder neuen OP, irgendwo auf der Welt, angeschlossen an ein Computersystem, kommen neuen Daten hinzu. Machine Learning lässt die Roboter dank dieser Daten immer besser werden. Am Ende haben viel mehr Menschen Zugang zur Erfahrung der besten Chirurgen der Welt – unabhängig davon, wo sie leben.

STILLE GENE

Lucas von Reuss über…
…stille Gene oder wie sich Krankheiten einfach ausschalten lassen


Heute zielen die meisten Therapien darauf ab, Symptome zu lindern. Wir tröpfeln Tinkturen, um Infektionen zu lindern. Wir nehmen Insulin, um den Blutzucker zu regulieren, wie lassen uns operieren, wenn sich Tumore gebildet haben. Dabei spielen bei vielen Krankheiten Gene eine große Rolle bei der Wahrscheinlichkeit, eine Krankheit überhaupt zu bekommen. Das Zusammenspiel vieler Gensequenzen und deren Bedeutung wird immer besser erforscht und in naher Zukunft sind hier Durchbrüche für viele Krankheiten zu erwarten.

Eine Variante von Gentherapien, der sich die kalifornische Firma Arrowhead verschrieben hat, ist die Stummschaltung oder das Silencing von Genen. Hierbei werden Teile eines Genoms mittels RNA-Interference (RNAi) „zum Schweigen gebracht“, d.h. verhindert, dass dieser Teil für die Produktion von Proteinen funktioniert. Die Überproduktion gewisser Proteine ist ein Grund für viele erbbedingte Krankheiten. Arrowheads Technologie ist so breit einsetzbar, dass Therapien für Krankheiten wie Hepatitis B, Mukoviszidose und verschiedene Herz- und Leberkrankheiten möglich sind.

3D-DRUCK

Lucas von Reuss über…
…  Additive Manufacturing und wie dieses unsere Lieferketten revolutioniert


Die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte ist auf dem Rückzug. Jahre lang wurden die Lieferketten immer länger und immer größere Teile der Wertschöpfung wanderten nach Asien ab. Nun sorgen steigende Löhne in Asien und Misstrauen vor der aufstrebenden Autokratie China für ein Umdenken. Die Corona-Pandemie und die dabei offensichtlich gewordene Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten befeuert diesen Trend noch.

Beschleunigen wird die Krise auch den Aufstieg des Additive Manufacturing, landläufig auch 3D-Druck genannt. Schon seit Jahrzehnten kommt die Technologie, bei der Kunststoffe und Metalle Schicht für Schicht aufgetragen und dann zu Gegenständen verschmolzen werden, für Prototypen und aufwendige Spezialteile beispielsweise in der Luft- und Raumfahrttechnik zum Einsatz. Doch seit einigen Jahren zeichnet sich ab, dass sinkende Preise und bessere Verfahren bald ganz neue Märkte für 3D-Druck öffnen werden. Neben den Unternehmen der ersten Stunde wie EOS aus Deutschland oder Stratasys aus den USA sind mittlerweile Großkonzerne wie die amerikanische General Electric (kurz: GE) und Siemens eingestiegen. Auch 2D-Drucker – allen voran HP (Hewlett Packard) – positionieren sich in einem Markt, der vor enormen Wachstumsraten steht.

Fallen die Preise für das Verfahren weiter, wird Additive Manufacturing völlig neue Möglichkeiten offenbaren: Schuhe, die nach dem Scan der Füße individuell für mich vor Ort „gedruckt“ werden, oder Ersatzteile, die bei Bedarf nachgedruckt anstatt beim Hersteller bestellt und um die halbe Welt geschickt werden, oder Passgenaue Möbel, die auf Maße einer Wohnung hin vor Ort produziert werden. All das ist möglich.

AUCH INNOVATIONEN GEHÖREN INS STIFTUNGSPORTFOLIO

Nun vermisst jemand wie Lucas von Reuss solche innovativen Unternehmen bzw. deren Aktien vielleicht in einem Stiftungsfonds oder stiftungsgeeigneten Fonds, weil es für ihn normal ist, mit solchen Unternehmen und deren Zukunftserwartungen zu arbeiten. Was ich für mich aus dem Gespräch aber mitgenommen habe ist die Vermutung, dass solch innovative Unternehmen auch etwas für einen stiftungsgeeigneten Fonds wären, aus zweierlei Gründen heraus: Einmal packen sich Stiftungen damit auch Unternehmen in ihr Portfolio, die künftig überproportional wachsen und dadurch auch Arbeitsplätze und Prosperität schaffen – und die mit diesem Wachstum auf das zweite Stiftungsziel bei der Verwaltung des Stiftungsvermögens, den Kapitalerhalt, einzahlen.

DIE DIVIDENDENARISTOKRATEN VON MORGEN

Auf das erste Stiftungsziel bei der Verwaltung des Stiftungsvermögens, das Erzielen ordentlicher Erträge, zahlen solch innovative Unternehmen aber auch ein. In vielen Fällen sind sie bereits in der Lage, Dividenden zu zahlen, die dann wiederum für die Ausschüttung herangezogen werden. Bei einem stiftungsgeeigneten Fonds ist das nun mal das wichtigste Kriterium, und kann der Fonds hier einen gewissen Bodensatz zeigen, fällt er nicht von vorn herein aus dem Raster. Viel wichtiger aber: Die Innovatoren von heute könnten auch die Dividendenaristokraten von morgen sein, also diejenigen Unternehmen, die ihren zunehmenden wirtschaftlichen Erfolg zu einem gewissen Teil in Form von sukzessive anziehenden Dividenden an ihre Anteilseigner weiterreichen. Lucas von Reuss schaffte in seinem Fonds zuletzt knapp 2% Ausschüttung p.a., das kann eine gute Basis sein.

INNOVATIVE UNTERNEHMEN SIND LANGFRISTIGE INVESTMENTS, AUCH FÜR STIFTUNGEN

Wachsen diese innovativen Unternehmen nun, dann steigt mit ihnen auch die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Ausschüttungen an sich steigen, und mit diesen auch die Ausschüttungsgüte. Stiftungen erwerben darüber also in ihrem Fondsportfolio einen Baustein, der das heute zeigbare Ausschüttungsniveau vermutlich sehr wahrscheinlich wird halten und das künftige Ausschüttungsniveau womöglich sogar wird ausbauen können. Noch wichtiger ist aber, dass die innovativen Unternehmen Langfristinvestments sind, dass die von Lucas von Reuss auf dieser Basis entwickelte Strategie eine Langfriststrategie ist.

AKTIENQUOTE MIT AKZENTEN FÜR DIE WELT VON MORGEN

Eine Innovation braucht eben manchmal Zeit, bis sie sich durchsetzt oder richtig durchschlägt – so wie sich jetzt durch Corona bestimmte Innovationen plötzlich mit einer explosiven Nachfrage konfrontiert sehen. Genau dieser langfristige Ansatz passt aber zu Stiftungen, die auch Zeit haben, Dinge und Ideen in ihrem Fondsportfolio sich entwickeln zu lassen. Und wenn ich als Stiftung eine Aktienquote aufbauen will oder aufbauen muss, dann braucht es vielleicht gerade auch die Ansätze, die stärker auf die Welt von morgen setzen und diese Welt von morgen mit gestalten, indem sie wichtige Bausteine für diese Welt von morgen liefern.

ZUSAMMENGEFASST

Dass Stiftungen höhere Aktienquoten akzeptieren sollten, das ist Usus, dass sie aber bei der Aktienauswahl auf verschiedene Ansätze setzen sollten, das ist vielleicht noch nicht so durchgedrungen. Denn Aktie ist nicht gleich Aktie. Besonders die innovativen Unternehmen werden anfangs oft belächelt, als start-up können auch wir davon ein Lied singen. Dann aber schaffen sie an einer Stelle einen Durchbruch, und plötzlich paart sich die Innovation mit der Hoffnung der Investoren, woraus dann eine sich gegenseitig befruchtende Anlage-Geschichte wird. Setzen Stiftungen auf innovative Unternehmen, was sie im Sinne einer Streuung über verschiedene Aktienanlageansätze hinweg durchaus in Erwägung ziehen sollten, brauchen sie aber einen langen Atem. Aber wenn eine Anlegergruppe diese mitbringt, dann sind es Stiftungen. Und in so manchem Stiftungsfonds würden sich Aktien innovativer Unternehmen auch ganz gut machen.

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Tobias Karow
ist Gründer und Geschäftsführer von stiftungsmarktplatz.eu und im Stiftungswesen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein seit 10 Jahren aktiv. Er ist Herausgeber der FondsFibel für Stiftungen & NPOs, dem führenden Nachschlagewerk für Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds (www.fondsfibel.de), Vorträge hält er vor allem zum Thema ‚Stiftungen und ihr Weg in die digitale Welt‘. Für beide Themen betreibt er den Blog #stiftungenstärken.