„Wer 50% verliert, benötigt später eine Verdoppelung“

Wir sprechen mit Leo Willert über die Notwendigkeit, große Schmerzen im Stiftungsvermögen zu vermeiden

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Drawdown Leo Willert
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Leo Willert gilt als ein führender Experte in der Vermeidung von draw-downs, also heftigen und langfristigen Wertverlusten. Auch für Stiftungen sind drawdowns nicht nur ärgerlich, sondern etwas es nach Möglichkeit zu vermeiden gilt. Im Interview erklärt er, wie er Rückschläge mit Hilfe des proprietären Handelssystems von ARTS Asset Management signifikant minimiert, rechtzeitig wieder investiert und so für Outperformance sorgen will.

Das quantitative, trendfolgende Handelssystem von ARTS Asset Management arbeitet ohne diskretionäre Eingriffe. Alle Entscheidungen werden vom Handelssystem auf Basis eines Regelwerks getroffen. Kernziel ist dabei die Vermeidung großer Verluste in den Dachfonds. Möglichst geringe Wertschwankungen, das ist auch eines der vorrangigen Ziele von Stiftungen, bei denen der Werterhalt des Vermögens zentrale Bedeutung einnimmt.

Im Kern geht es darum, bei Abwärtsbewegungen die entsprechenden Signale richtig zu deuten, den Trend nach unten schnell zu erkennen und rechtzeitig Positionen zu minimieren, insbesondere Aktien, um in schwachen Märkten draw-downs zu minimieren.

Da das System als Trendfolger systembedingt in Aufwärtsphasen in der Regel stets einen Hauch zu spät kommt, um die volle Erholung mitzunehmen, ergibt sich eine Saldobetrachtung: Wer auf dem Weg nach unten Minus-Prozente vermeidet, benötigt viel weniger Erholung, um insgesamt besser abzuschneiden.

Zur Not die Aktienquote auf Null reduzieren

Als ein erfolgreiches Beispiel dieser Strategie benennt ARTS AM die schwierige Marktphase 2007/2009, als der MSCI World mehr als 50% verlor.

„Seinerzeit konnten wir die Risiken für das Kapital unserer Anleger mit einem draw-down von 17% signifikant reduzieren

sagt Gründer und Geschäftsführer Leo Willert.

Auch in der derzeit schwierigen Marktlage seit Jahresbeginn sei auf das Handelssystem Verlass: Es habe früh die Aktienquote auf Null reduziert, um die Verluste in einer überschaubaren Größenordnung zu halten.

Zahlreiche Spezialisten feilen am System

Für die Entwicklung und Umsetzung des technischen Handelssystems sind hochkarätige Experten im Einsatz. Das Team unter der Leitung von Willert besteht aus langjährig erfahrenen Spezialisten in der Planung und Konstruktion von hochkomplexen Datenbanken, Finanzmathematikern, Wirtschaftswissenschaftern und Trading – Experten. Gemeinsam sind sie für die Entwicklung von Handelssystemen, die Programmierung, die Wartung der Datenbank, die Überwachung der vom System generierten Kauf – und Verkaufssignale, und nicht zuletzt für die permanente Verfeinerung und Optimierung der Handelssysteme, verantwortlich. Selbstentwickelte, proprietäre Handelssoftware steuert den technischen und quantitativen Veranlagungsprozess ohne diskretionäre Entscheidungen. Die trendfolgende Handelsstrategie basiert auf Momentum-Kriterien und ist nicht an einer Benchmark orientiert. Die aktive Asset-Allokation ist flexibel und kann aus mehr als 10.000 investierbaren Fonds & ETFs auswählen. Wir haben uns mit Leo Willert über die grundlegende Strategie unterhalten:

Sie sagen, Sie haben ein Handelssystem, das Sie ständig weiterentwickeln. Aber ist nicht jeder Crash anders – und wie behandeln Sie wechselnde Rahmenbedingungen mit einem einzigen System?

Leo Willert: Das ist eine berechtigte Frage. Mein Trading-Lehrer hat das so beantwortet: „The market is always different and ever the same“. Was er damit sagen wollte: Ja, es gibt keinen Crash, der mit dem vorherigen vergleichbar wäre, es gibt natürlich keine Marktsituation, die 1:1 identisch ist. Aber, und das ist das Interessante: Es lassen sich durchaus Parallelen finden, und die kann man quantitativ festmachen.

Welche Parallelen sind das?

Leo Willert: Eine besonders relevante Parallele, die wir für die Steuerung der Aktienquote nutzen, lautet: Je größer ein draw-down ist und je länger er anhält, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bestehen bleibt. Es gibt eine gewisse Persistenz an den Märkten die dazu führt, dass ein Szenario länger hält als es eine Normalverteilung vermuten und erwarten lassen würde.

Haben Sie dazu ein Beispiel?

Leo Willert: Ein gutes Beispiel dafür ist die Volatilität. Wenn man sie beobachtet, egal in welchem Aktienmarkt und egal, um welchen Index es sich handelt: sie zeigt zwei Eigenschaften. Die erste: Sie ist autokorrelativ, das heißt, sie neigt dazu, sich selbst zu folgen. Und zweitens: Sie neigt dazu, bei Werten zu verharren, die deutlich abweichend des Mittelwertes liegen. Das heißt, sie springt immer von einem niedrigen Wert deutlich unterhalb des Mittelwertes auf einen hohen Wert weit oberhalb und umgekehrt.

Und wie nutzen Sie das konkret in Ihrem System?

Leo Willert: Das System erkennt dadurch, dass wir noch länger in einer Abwärtsphase sind – und dann senkt das System die Aktienquote schrittweise, in einigen Fällen auch auf null Prozent. Das heißt also: Je nachdem, wie das Risikoprofil eines Fonds angelegt ist, also ob er bis zu 100% in Aktien anlegen darf, 50 oder 30% heißt das für unser System zwischen 0 bis 100, 0 bis 50 oder 0 bis 30% Aktienquote. Ein Abwärtsmarkt wird bei uns festgemacht am MSCI World mit Trendfolgeindikatoren, die sich Zeiträume zwischen 7 Tagen und 52 Wochen anschauen, und verschiedenste Risiko-Ertragskennzahlen wie Downside-Beta-Volatilität etc.. Aus den Ergebnissen wird dann die Aktienquote mathematisch errechnet.

Da Sie ja stets zunächst Daten erheben und auswerten müssen, können sie Kursrückgänge mit dem System aber nicht gänzlich verhindern, oder?

Leo Willert: Das ist richtig. Ziel unseres Systems ist es, die ganz großen draw-downs zu vermeiden. Mit groß meine ich die draw-downs, die wir 2000 oder 2003 und 2007 bis 2009 erlebt haben, aber auch historische Crashs, die wir 1929 und 1932 und auch 1973/74 gesehen haben. Und damit komme ich auf die Eingangsfrage zurück: Ja, die genannten Krisen im vergangenen Jahrhundert waren unterschiedlich, aber in jedem Fall war es gut, die Aktienquote so zu reduzieren, dass der maximale draw-down signifikant reduziert wurde. Das verkürzt auch die notwenige Erholungsphase, um auf das ursprüngliche Niveau zurückzukehren. Man muss sich immer wieder deutlich machen: Wer 50% verliert, benötigt dafür später eine Verdoppelung, um auf das Startlevel zu gelangen.

Nach welchen Parametern entscheidet das System, was statt Aktien gekauft wird?

Leo Willert: Das zur Verfügung stehende Universum besteht aus Anleihenfonds verschiedenster Provenienz und Geldmarktfonds. Und je nachdem, welche Gattung dann die relativ stabilsten Trends ausprägt, die wählt das System dann als Alternative. Das waren zuletzt zum Beispiel kurzlaufende „inflation-linked bonds“, die eine Zeit lang eine gute Outperformance gezeigt haben. Das System nutzt auch Möglichkeiten, in Fonds oder ETFs zu investieren, die „duration-short“ sind.

Herr Willert, vielen Dank für die Einblicke.

Im zweiten Teil des Interviews wird es um die Möglichkeiten gehen, welche Vorteile Stiftungen aus dem Ansatz des österreichischen Anbieters ziehen können.