Ernährung ist das nächste große Ding

Drei Lehren von einem Impact Investing Ideen-Nachmittag

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3 Lehren FINVIA-Impact-Event 2023
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Ernährung ist das nächste große Ding, und Ernährung kann extrem viel mit Impact Investing zu tun haben. Diesen Eindruck nahmen wir von einer Impact Investing-Veranstaltung mit, die das Family Office FINVIA jüngst in Frankfurt veranstaltete. Aus Stiftungssicht kann es sein, dass gerade diese Zeiten jetzt spannend sind, weil Impact Investing ein Stück weit demokratisiert wird. Impact Investing wird also machbar. Unsere drei Lehren von einem Nachmittag, von dem wir einen Proteinriegel nach Hause mitbrachten.

Es heißt immer so schön, Impact Investing sei nur was für die Großen. Also auch nur was für die großen Stiftungen. Außerdem sei Impact Investing ein amerikanisches Thema, das hier in Europa noch nicht so richtig angekommen sei. Mag sein, dass diese Mythen bis heute gestimmt haben, aber der Impact Investing-Nachmittag bei FINVIA in Frankfurt hat uns doch Eines Besseren belehrt. Dort lernten wir einige der Weltverbesser-Unternehmen persönlich kennen. Impact Investing ist eben unter uns, es ist in Europa, und es ist keine sozialromantische Vorstellung von besserer Rendite. Die FINVIA-Impact Investing-Spezialistin Barbara Wokurka führte durch den Nachmittag, und wies genau darauf hin. Impact Investing fragt, ob ein Geschäftsmodell eine positive gesellschaftliche Rendite produziert, gleichzeitig sei es aber eben auch schlicht ein Investment, das sich zahlenmäßig rentieren muss. Wir lernten also Unternehmen kennen, die beides in Einklang bringen.

Lehre Nummer 1: In der EU rührt sich was…

Ernährung ist das nächste große Ding. Barbara Wokurka führte uns ein in das Thema AgriFoodTech. Es handelt sich also um Technologie, die ernährungspolitische Fragen zum Inhalt hat. Wie etwa jene, wie wir es schaffen können, in der Landwirtschaft mit weniger Dünger, weniger Wasser und weniger Landverbrauch auszukommen. Die Welt hat in den in den letzten 50 Jahren 68% ihrer Biodiversität verloren, vor allem durch die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren. Des Weiteren sehen wir 30% der Bauern in der Welt in ärmlichen Verhältnissen lebend, wir sehen, dass ein Drittel der CO2-Emissionen in der Welt aus der Landwirtschaft stammen. Auch steht die Landwirtschaft für 70% des globalen Wasserverbrauchs. Wenn wir diese Entwicklungen nicht zurückdrehen, nicht in den Griff bekommen, dann klappt es auch nicht mit dem Klimawandel – verordnete Wärmepumpen hin oder her.

Um dieser Mammutaufgabe Herr zu werden, ist der Konsument (sind also wir alle) die entscheidende Triebfeder. Wir lernen beim FINVIA-Impact Investing-Nachmittag den Begriff bzw. die Agenda „Farm-to-Fork“ der Europäischen Union kennen. Die sei ein Vorhaben, das zu vergleichen ist mit dem Rahmen zur nachhaltigen Energieerzeugung aus dem Jahr 1999. Die EU-Kommission hat dieses Programm vor zwei Jahren auf den Weg gebracht, damit also grob eine Agenda 2050, wenn man so will. Die Konsumenten spielen hierbei eine besondere Rolle. Wir alle müssen (sollen) mehr über Ernährung wissen, wir müssen verstehen, dass es gesündere und qualitativ bessere Ernährung gibt als die bisherige. AgriFoodTech soll dies in konkrete Lösungsansätze übersetzen – und tut es bereits mit durchschlagendem Erfolg.

Lehre Nummer 2: Alternative Proteine sind bereits Realität

Barbara Wokurka stellte uns an jenem Nachmittag ein Unternehmen vor, das wir bis dato noch nicht kannten. Es kann aber sein, dass wir von diesen oder solchen Unternehmen in Bälde mehr hören werden. Oder kennen Sie Microharvest, eines dieser Unternehmen aus der Generation ‚Smaller. Better. Baster.‘? Das Betätigungsfeld von Microharvest sind Proteine. Bis 2050 brauchen wir 50% mehr Protein, denn eine wachsende Anzahl Menschen auf der Welt bedingt einen höheren Proteinverbrauch. Auch Haustiere brauchen Proteine, was den Verbrauch zusätzlich anschiebt. Diese einfache Rechnung hat auch eine Nebenbedingung: Es wird nicht die Lösung sein, dass die Menschheit sich komplett vegan ernährt. Das schafft der Planet auch nicht. Letztlich geht es um die komplette Protein-Wertschöpfungskette und hier setzt Microharvest an.

Die Lösung aus Sicht von Microharvest sind Mikroorganismen, die die effizienteste Fabrik der Welt seien. In Bioreaktoren wird also Protein über Zellkulturen künstlich produziert. Dieses alternativ produzierte Protein ersetzt beispielsweise Fischmehl, weil es viel günstiger ist. Das ist ein No-Brainer, denn nicht das Konsumentenverhalten wird versucht anzupassen, sondern es wird das Produkt angepasst, das der Konsument zu sich nimmt. Außerdem braucht die Produktion alternativer Proteine nicht viel Platz. Eine Fabrik ist auf der Fläche eines Fußballfeldes recht schnell produziert. Würde man die hier gewonnene Menge alternativer Proteine auf Sojafarmen gewinnen, bräuchte es 140.000 Fußballfelder. Außerdem kann die Proteinproduktion dezentralisiert werden. Das ist die neue Welt.

Lehre Nummer 3: ESG und Impact sind zwei Sichtweisen

Die beiden Begriffe Impact und ESG werden gerne in einen Topf geworfen. Allerdings lernen wir, dass dies so nicht richtig ist. Denn ESG ist die Basis für das eigene Wirtschaften, also der Innenblick, ob ich mich richtig (im Sinne von verantwortungsbewusst) aufgestellt habe als Unternehmen. Impact, das ist der Blick nach draußen. Hier ist die zentrale Fragestellung, in der externen Welt zu messen, welche Veränderungen ich bewirken kann. Diese zwei Sichtweisen gehören aber heute in einem zeitgemäß aufgestellten Unternehmen zusammen. Wie etwa bei Monarch Tractor. Diese Firma hatte es eigentlich im Sinn, einen sich autonom bewegenden Traktor zu bauen, der eben keinen Fahrer mehr braucht. Heute ersetzen ihre Traktoren Pflanzenschutzmittel, reduzieren die Kosten für die landwirtschaftliche Produktion ganz erheblich. Aus dem ‚Clean Tractor‘ wurde eine digital food solution.

vtfds2023 Save the Date

Zusammengefasst

Es war ein spannender Nachmittag, zu dem wir beim Family Office FINVIA eingeladen waren. Wir lernten Produzenten Alternativer Proteine kennen, bekamen einen Eindruck, wie Protein aus Insekten gewonnen werden kann, wie eine digital food solution aussieht. Diese Unternehmen sind bereits live, sie wachsen und bringen damit die Dinge voran, die es braucht, um die großen Fragen etwa rund um unsere Ernährung zumindest ein Stück weit beantworten zu können. Unternehmen wie Monarch Tractor oder Microharvest brauchen aber eben auch jenes Kapital, das zum Beispiel Stiftungen über ein Investment in einen Dachfonds zur Verfügung stellen können, das notwendig ist, um diese neuen Entwicklungen langfristig unternehmerisch vorantreiben zu können. Da ist dann viel Impact drin, aber eben auch Investment. Wir lernen: Im Kleinen ist die Welt weiter als wir vielleicht glauben, das zu einem großen Ganzen zusammenzuführen, das ist die Herausforderung.