Bei der Frage nach Authentizität geht es nicht bloß um KI und was sie besser oder schlechter kann als menschliche Intelligenz. Es geht darum, dass Stiftungen lebendig werden, weil es Menschen gibt, die sie lebendig werden lassen (können). Schließlich werden Stiftungen von und mit Menschen gemacht.
Viele Stiftungen kommunizieren so, als wären sie selbst abstrakte Wesen: „Die Stiftung fördert“, „die Stiftung setzt sich ein“, „die Stiftung bringt Akteure zusammen“. Das ist sprachlich natürlich korrekt, hat doch aber einen Nachteil: Es macht diejenigen unsichtbar, die all das tatsächlich tun. Menschen treffen Förderentscheidungen, besuchen Projekte, führen Gespräche, entwickeln Positionen, werden überrascht, widersprechen einander und ändern manchmal ihre Meinung. Gerade jetzt lohnt es sich, darüber nachzudenken. Generative KI verändert nicht nur, wie Kommunikation produziert wird. Sie verändert auch, was in Kommunikation künftig überhaupt noch einen besonderen Wert hat. Denn wenn jeder gute Texte produzieren kann, reicht ein guter Text vielleicht nicht mehr aus.
Was KI kann
Mit KI lässt sich in kurzer Zeit ein ziemlich brauchbarer Text zu fast jedem Stiftungsthema erstellen. KI kann Studien zusammenfassen, Informationen strukturieren, Argumentationslinien entwickeln und aus zwanzig Quellen einen verständlichen Überblick erstellen. Sie kann aus einem langen Bericht fünf LinkedIn-Posts machen und aus einem Fachtext eine allgemeinverständliche Zusammenfassung. (Das alles ist hilfreich, und Stiftungen sollten diese Möglichkeiten nutzen.) Wo KI gerade bei Routinen Stiftungspraxis bereits besser machen kann, war deshalb auch eine der zentralen Fragen bei #sokoms25. Aber: Ein sprachlich sauberer, gut strukturierter Text wird zunehmend weniger darüber aussagen, ob eine Organisation wirklich etwas von ihrem Thema versteht. Denn einen solchen Text können bald alle produzieren. Wertvoller wird deshalb das, was sich nicht einfach erzeugen lässt: eigene Erfahrung, Beobachtung, Begegnung und persönliche Einordnung.
Und was nicht
Eine KI kann einen sehr guten Text über Wohnungslosigkeit schreiben. Sie kann Zahlen recherchieren, politische Positionen vergleichen und zusammenfassen, was Betroffene in veröffentlichten Interviews gesagt haben. Sie kann aber nicht am Dienstagvormittag zwei Stunden mit einem Menschen gesprochen haben, der seit Jahren keine eigene Wohnung mehr hat. Sie kann nicht aus diesem Gespräch herausgehen und feststellen, dass eine Annahme, mit der sie hineingegangen ist, falsch war. Sie kann dieses Erlebnis beschreiben, wenn ein Mensch es ihr erzählt. Aber erlebt hat sie es nicht.
Kurz: Stiftungsmitarbeitende haben Zugang zu Wissen, das man nicht googeln kann
Wer in einer Stiftung arbeitet, begegnet ständig Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven auf gesellschaftliche Fragen: Projektpartnern, Wissenschaftlerinnen, Ehrenamtlichen, kommunalen Akteuren, politischen Verantwortlichen und Menschen, die von einem Problem unmittelbar betroffen sind. Eine Programmleiterin besucht ein gefördertes Bildungsprojekt und stellt fest, dass dort etwas ganz anderes die größte Herausforderung darstellt, als sie aufgrund der Projektberichte bisher angenommen hatte. Ein Mitarbeiter spricht mit Jugendlichen und hört zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen dieselbe Sorge. Eine Vorständin diskutiert mit Wissenschaftlern und Praktikerinnen und merkt, dass beide Gruppen unter demselben Begriff etwas völlig anderes verstehen. Das alles sollte Teil von Stiftungskommunikation sein.
Mehr Mensch bedeutet aber nicht mehr Selbstdarstellung
Wenn wir für mehr Persönlichkeit in der Stiftungskommunikation plädieren, heißt das nicht, dass Vorstände ihr Frühstück auf LinkedIn präsentieren müssen. Authentizität entsteht nicht zwangsläufig dadurch, dass Kommunikation privater wird. Sie entsteht durch eigene Beobachtung, Erfahrung oder Einschätzung. Dazu gehört auch, gelungene Geschichten zu erzählen. (https://stiftungsmarktplatz.eu/blog/braucht-stiftungskommunikation-helden/) Aber wir sollten auch bedenken, dass gerade bei der Kommunikation über Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine gewisse Sensibilität notwendig ist. Menschen, die von Armut, Krankheit, Diskriminierung oder anderen gesellschaftlichen Problemen betroffen sind, dürfen nicht zum „authentischen Content“ einer Organisation gemacht werden. Nicht jede Geschichte gehört erzählt, nur weil sie emotional berührt. Doch Stiftungsmitarbeitende können in solchen Fällen sehr wohl darüber sprechen, was sie selbst in einer Begegnung gelernt haben.
Das zu lernen kann ein Prozess sein. Mitarbeitende müssen öffentlich eine fachliche Einschätzung geben dürfen, ohne dass jeder Satz so lange durch Abstimmungsschleifen läuft, bis von der persönlichen Perspektive nichts mehr übrig ist. Ein Vorstand, der als Mensch erkennbar sprechen soll, kann nicht gleichzeitig ausschließlich in freigegebenen institutionellen Formulierungen kommunizieren. Was nicht bedeutet, auf Qualitätskontrolle oder gemeinsame Leitlinien zu verzichten. Für diese Gratwanderung gilt es, manchmal flexibel zu sein. Menschlich eben. Nicht ganz so perfekt.
FestivalTipp:
Beim Werkstatt Festival für Stiftungskommunikation SOKOMS26 wollen wir darüber diskutieren, was das praktisch bedeutet. Wie viel persönliche Stimme verträgt eine Stiftung? Wie schaffen wir eine Kommunikationskultur, in der Mitarbeitende als Expertinnen und Experten sichtbar werden können? Und welche Aufgaben sollten wir der KI überlassen – damit Menschen mehr Zeit für das haben, was tatsächlich nur sie können: hingehen, zuhören, beobachten, nachfragen und daraus eine eigene Perspektive entwickeln?

Zusammengefasst
Je stärker KI in der Stiftungskommunikation wird, desto wertvoller wird das, was sie nicht ersetzen kann: menschliche Erfahrung, Begegnung und persönliche Einordnung. Stiftungen sollten deshalb die Menschen hinter der Institution stärker sichtbar machen – nicht als Selbstdarsteller, sondern als fachliche Stimmen, die erzählen, was sie erleben, lernen und neu verstehen. So entsteht eine Glaubwürdigkeit, die sich nicht automatisieren lässt.









