Start #stiftungenstärken Stiftungsvermögen & Stiftungsfonds Wir brauchen keine Kriegswirtschaft, aber wir brauchen Investments in militärische Fähigkeiten

Wir brauchen keine Kriegswirtschaft, aber wir brauchen Investments in militärische Fähigkeiten

Auf einen Besuch im frühlingshaften Paris bei Ulrike Esther Franke, European Council on Foreign Relations (ECFR)

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-Interview Ulrike-Esther Franke
Lesezeit: 8 Minuten

Sie ist Politikwissenschaftlerin, hat Internationale Beziehungen studiert, arbeitet heute beim European Council on Foreign Relations (ECFR), einem Think Tank, der sich mit Themen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik befasst. Spezialisiert ist sie auf neue technische Lösungen, etwa Drohnen. Wir trafen Ulrike Esther Franke in Paris zum Gespräch über europäische Fähigkeiten, alte Sicherheiten und neue Realitäten – und nahmen eine Portion Optimistisches mit nach Hause.

Der Social Profit Kosmonaut: Die alte Weltordnung ist vorbei. Was an diesem Satz stimmt für Sie?

Ulrike Esther Franke: In der Tat würde ich beipflichten, dass sie alte Weltordnung dabei ist, sich aufzulösen. Drei Entwicklungen sind dabei für mich entscheidend. Zum einen haben wir post 1990 an die Idee des Endes der Geschichte geglaubt, speziell in Deutschland. Was besagt diese Idee? Die geopolitisch-ideologischen Konkurrenzkämpe sind vorbei, die Welt hat ihr System gefunden, nämlich eines mit liberaler Demokratie und freier Marktwirtschaft. Mit der Globalisierung, so die Idee, verbreitet sich dieses gute System dann weltweit. Soweit die Idee, an die auch viele Millennials geglaubt haben, weil sie eben just in der post 1990-Blüte aufgewachsen sind. Naiv war das nicht, aber es war nicht plausibel. Denn dass wir uns nach wie vor in politisch-ideologischen Wettbewerben befinden, das müssen wir verstehen, und wir fangen gerade an, das richtig zu verstehen. Der zweite Umbruch in Bezug auf Europa, und für uns Europäer ist dies fundamental, hat mit den USA zu tun. Das transatlantische Bündnis geht uns verloren.

Ulrike Esther Franke bei Deutschlands erstem Werkstatt Festival für Stiftungsvermögen – 16.6.2026, 18 Uhr

vtfds Referenten Leipzig

Gibt es den Partner USA noch?

Nicht mehr so richtig. Donald Trump ist der extremste Ausdruck davon bisher, ich habe immer gesagt, dass wir uns in Europa klar machen müssen, dass die uns bekannte transatlantische Allianz, die wir seit Jahrzehnten kannten, ohnehin ein Auslaufmodell ist. In den USA gibt es so viele Umwälzungen, generationell, wirtschaftlich, sozial, dass das Interesse an Europa einfach Stück für Stück nachgelassen hat. Jetzt haben wir nur nicht nur eine USA, die sich nicht mehr für Europa interessiert, sondern Europa auch ein Stück weit negativ sieht, und mancherorts sogar feindlich gegenüber Europa gesinnt ist. Für das europäische Selbstverständnis ist das schon ein Super-GAU, bedeutet dies doch das fundamentale Hinterfragen dessen, worauf wir unsere Sicherheitsarchitektur aufgebaut haben.

Was haben wir Europäer falsch gemacht?

Also wir haben uns sicher viel zu lange darauf ausgeruht, dass die Amerikaner uns auf jeden Fall immer helfen werden. Dazu haben wir uns zu lange nicht damit auseinandergesetzt, dass wir eine eigene Verantwortung für unsere Sicherheit haben. Das haben wir falsch gemacht, wir haben unser sehr eingerichtet, unser eigenes Süppchen zu kochen und die Weltpolitik anderen zu überlassen. Es fällt auf, dass die USA heute andere Prioritäten, und dass sie eine Administration hat, die Europa als schwach und woke ansieht, was ich persönlich sehr traurig finde. Was ich auch traurig finde, ist, dass wir die Rechtsstaatlichkeit auf internationaler Ebene wieder verlassen. Gerade erleben wir, dass die großen Akteure das so nicht mehr akzeptieren. Es herrscht international schon ein Stück weit mehr das Recht des Stärkeren, womit wir Europäer im Hier und Jetzt einfach fremdeln. Wir müssen nur andererseits aufpassen, das internationale System zu idealisieren. Da hat auch nicht alles funktioniert, und manchmal wurde das Völkerrecht auch einfach gedehnt oder auch missachtet. Nur, momentan versucht niemand mehr, dieses Ideal aufrecht zu erhalten und alles zu unternehmen, dorthin kommen. Von diesem Ideal, das ja durchaus positiv besetzt war, hat sich die Welt verabschiedet. Das Positive an dem Ideal wollen derzeit immer weniger Machthaber sehen.

Sie sprachen noch von einer dritten Veränderung?

Das ist Künstliche Intelligenz, von der wir alle noch nicht abschätzen können, was sie für unseren Alltag bedeutet. Die einen sagen, es ändert sich alles, sprechen von einer neuen industriellen Revolution. Es ist wie in diesem berühmten chinesischen Fluch, mögest Du in interessanten Zeiten leben. Das ist der Fall aktuell, aber Gesellschaften und Lebensentwürfe stehen derzeit schon enorm unter Stress. Was ist mein Job, wo lebe ich, was rate ich meinen Kindern, das sind interessante Fragen, die uns alle umtreiben. Sicherheitspolitisch passiert demgemäß auch extrem viel gerade.

Die Abkehr von alten Sicherheiten bedeutet nun neue Realitäten?

Fangen wir mal bei Deutschland an. Deutschland ist durch Russlands Invasion in der Ukraine so ein wenig aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Weckrufe gab es schon vorher, Zeitenwenderede und Sondervermögen waren so etwas wie der erste Akt, mittlerweile sind wir im zweiten. Jetzt, im März 2026, hat das Gros der deutschen Politik verstanden, dass sich etwas geändert hat, und sich fundamental etwas ändern muss die deutsche Sicherheitspolitik betreffend. Hier werden und wurden die Weichen gestellt, dass es dazu kommt. Natürlich dauert die Beschaffung, nicht jeder Euro wird richtig ausgegeben, aber Deutschland befindet sich für mich auf dem Weg dahin, wieder ein sicherheitspolitischer Akteur zu werden.

Und den man wieder ernst nimmt.

Nun ja, also wenn man Akteur ernst genommen werden möchte, sind es einmal die Fähigkeiten, aber eben auch der Wille, diese einzusetzen. Genau da debattieren wir in Deutschland noch, es ist unklar, inwieweit Deutschland hier auch handlungsfähig ist. Auf der EU-Ebene sind die Veränderungen fast noch frappierender. Hier brauchte es den Doppelschock aus Ukraine-Krieg und Trump-Administration, um verteidigungspolitisch ein Akteur zu werden. Allerdings ist die EU bürokratisch, hier und da versickern Mittel, aber es sind Dinge auf dem Weg, die wir uns vor fünf Jahren nicht vorstellen konnten und wollten. Gespräche mit Frankreich über die nukleare Abschreckung sind so ein Beispiel, wo sich enorm viel bewegt derzeit.

Also kommen auch Dinge wie eine europäische Flugabwehr voran?

Vielleicht nicht ganz so wie sie sollten, aber Projekte wie European Sky Shield denken wir nun auf europäischer Ebene. Es gibt inzwischen mehr Politiker, die das verstanden haben. Der K-Wert an der Stelle, das sind jedoch zwei Dinge. Meine Sorge ist, dass die sicherheitspolitischen Anforderungen uns in einer Zeit treffen, in der unsere Volkswirtschaften ebenso massiven Veränderungen unterworfen sind. Frankreich und Großbritannien haben wirtschaftliche Probleme, England außerhalb Londons oder Oxford ist kein High-Income-Land mehr. Frankreich hat fiskalische Probleme. Die zweite Sorge ist das Mindset-Problem in Europa, das mit immer wieder begegnet. Viele Entscheidungsträger sehen das Problem, sagen, wir müssten etwas machen, aber was dann fehlt ist dieses „und deshalb machen wir jetzt dieses oder jenes“. Viele Politiker ziehen Ausflüchte dem Machen vor. Einmal ist das Land zu klein, dann hemmt die Koalition, dann sollen es andere machen. Dieses „Ich nehme das jetzt in die Hand“, das fehlt mit zuweilen. Man kann über Emanual Macron denken wie man will, aber er hat eine Vision für Europa und Vorschläge, wie wir dahin kommen können. Dass das nicht alles finanziert werden kann, gut, das ist so, aber Vision und Vorschläge, die europäische Interessen nach vorne bringen, das fehlt.

Interessant, dass Sie über Interessen sprechen. Sicherheit ist ein Grundinteresse, auch Europas. Warum tun wir uns so schwer, diese Sicherheitsinteressen zu formulieren? Einen Krieg vermeidet man ja vor allem, indem man zeigt, dass man auch ihn vorbereitet ist.

Das Interesse, sicher zu leben, das eint uns. Aber die Logik, dass wir stark und kriegstüchtig sein müssen, damit wir erst gar keinen Krieg führen müssen, die ist speziell der deutschen Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten abhandengekommen. Wurde vor 15 Jahren davon gesprochen, dass Deutschland militärische Fähigkeiten braucht, wurde man als Kriegstreiber gebrandmarkt. Das kam in meinen Augen speziell in Deutschland daher, dass wir Militär mit Angriff und Kriegsführung verbunden haben, nicht jedoch mit militärischer Abschreckung und geopolitischer Macht. Wir hatten vergessen, dass es militärische Macht braucht, um sich zu verteidigen, die Frage „Wer soll uns denn angreifen“ war eine geläufige. Geopolitische Macht wiederum basiert auch auf militärischer Macht, das war nicht mehr Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Also wurde Sicherheit als etwas Selbstverständliches erachtet, und auch als zu selbstverständlich?

Dass uns Sicherheit wichtig ist und eint, das war allen Europäern klar. Aber wie wir Sicherheit organisieren und wer was macht, das war vollkommen unklar. Bei den europäischen Rüstungsprojekten ist das ja mustergültig zu sehen. Die Anreizstrukturen etwa für Rüstungskonzerne verbleiben ja bei den Nationalstaaten, weshalb es durchaus sinnvoll sein kann, manches nicht fortzuführen, obschon es im europäischen Interesse läge. Nicht zuletzt ist es auch die Frage, welche Gefahrensituationen wir sehen. Wir brauchen hier ein völlig neues Verständnis von Gefahren. Beispiel Drohnen. Es gibt ja Drohnenüberflüge seit einem guten Jahrzehnt, wir waren aber so in unserer eigenen Logik gefangen, dass wir nur darüber nachgedacht haben, was dies wirtschaftlich für unsere Flugplätze bedeutet. Aber dass dies Spionagedrohnen sein könnten, darüber haben wir nie nachgedacht. Wir haben heute wieder Akteure in der Welt, die unsere Interessen nicht teilen, wir müssen mitdenken, in Abhängigkeiten gefangen zu sein. Wir müssen wieder lernen darüber nachzudenken, welche Dinge wir wieder selber tun müssen.

Sie sprechen von neuen Feinden, haben wir denn auch neue Freunde in der Welt?

Es ist schwer zu sagen, hier hat sich grundlegend etwas verändert. Wir tun aber gut daran, zu schauen, ob es neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren gibt. Das dürften jedoch andere „Freundschaften“ werden als mit den USA. In meinen Augen wird es thematischer, mit Indien könnten wir wirtschaftlich zusammenrücken, mit den Golf-Staaten könnten wir beim Thema Energie sprechen. Die Golf-Staaten und Europa sind derzeit so ein bisschen im selben Boot der von den Amerikanern verlassenen Alliierten. Auch die Golf-Staaten sind durch den Iran-Krieg aufgewacht. Sie hatten vorher geglaubt, die USA stünden an ihrer Seite, hatten enorm in diese Freundschaft investiert, fühlen sich jetzt aber fallengelassen. Dadurch könnte ein ganz interessantes Opening für neue Partnerschaften entstehen, aber der Treiber sind hier dann Themen, weniger gemeinsame Werte. Spannend ist das aber in jedem Fall. Und eine Chance auch.

Politisch kann also viel passieren, auf Seiten der Beschaffung militärischen Materials passiert schon viel. Beschaffen wir gerade richtig?

Also ich habe große Empathie für die Rüstungsbeschaffer, denn deren Job ist derzeit kein einfacher, gleichzeitig muss man weiter aufpassen, was beschafft wird. Der Krieg in der Ukraine ist ja dahingehend interessant, dass der Krieg in gewissem Grade wie der Erste Weltkrieg ist, nur mit Technologie. Vieles passiert gleichzeitig. Wir sehen haufenweise Drohnen, Drohnenabwehrsysteme, aber eben auch Schützengräben und Panzersperren. Zu glauben, dass wir die alten Systeme nicht mehr brauchen, ist ein Irrglaube. Wer auf die Geschichte von militärtechnologischen Entwicklungen schaut sieht, dass neue Technik die alte nicht automatisch obsolet gemacht hat. In den Abgesang auf das bemannte Flugzeug und den Panzer stimme ich daher nicht mit ein. Gleichzeitig wird bei neuen Technologien enorm viel unternommen. Das Stichwort Kamikaze-Drohne möchte ich einmal nennen, in diese Fähigkeiten investieren wir derzeit. Wo es noch viel zu tun gibt ist bei bodengestützten und wassergestützten Systemen. Die große Herausforderung hier besteht in den raschen Innovationszyklen. Zu Beginn des Ukraine-Kriegs dauert es ein Jahr, eine neue, stärkere Drohne zu entwickeln, heute liegen wir grundsätzlich bei wenigen Wochen. Das bedeutet, dass anders als bisher beschafft werden muss. Dass in 10 Jahren Systeme auf dem Hof stehen, dass geht nicht mehr, Industrie und Politik müssen sich viel enger verzahnen.

Also auch ein Weckruf an die deutsche Bürokratie?

Ja, absolut. Was mir Hoffnung gibt ist, dass die Rüstungsindustrie aufgewacht ist, und hier auch eine lebendige start-up-Szene entsteht. Diese Industrie ist schnell, dahin müssen wir die Bürokratie auch bringen. Und da braucht es den Mindest-Wechsel, das ist das dickste Brett. Für Europa ist das ein temporäres Fenster, zwischen einem und drei Jahren, um technologische Entwicklungen voranzutreiben, bei denen europäische Akteure führend werden können. Zudem haben wir die besondere politische Gemengelage, dass es wohl selten einen so großen Incentive gab, europäisch zu investieren. Wo wir früher gesagt haben, wir kaufen von unseren Partnern, von den Amerikaner. Heute ist man bei amerikanischen Firmen sofort vorsichtig. Europa muss ja weg von dem F-35-Problem.

F-35-Problem?

Naja, es hieß, wir würden es ja gerne europäisch lösen oder etwas anderes kaufen, aber die Amerikaner haben das Problem ja gelöst, mit der F-35, also kaufen wir Europäer gleich die F-35- Das kann uns in ein paar Jahren bei den neuen Technologien auch blühen, dass die Amerikaner wieder mit fertigen Lösungen auf den Markt kommen. Daher sind die kommenden Jahre durchaus eine große Chance für europäische Rüstungshersteller. Wo wir aufpassen müssen ist, dass wir uns keine Kriegswirtschaft herbeireden, oder eine solche schaffen. Russland und die Ukraine haben eine Kriegswirtschaft, und das ist keine erstrebenswerte Situation. Wir brauchen keine Kriegswirtschaft, aber wir brauchen Investments in militärische Fähigkeiten, die für mich eine Investition in die Zukunft sind. Für mich sind solche Investments übrigens nachhaltig.

Oha, das müssen Sie uns erläutern.

Ich finde es höchstgradig absurd, dass die Produktion von Gütern, die es uns erlaubt, unsere Sicherheit, unsere Lebensstandards und unsere Wirtschaft zu verteidigen, nicht nachhaltig sein soll. Meines Erachtens muss Rüstung von ESG-Regeln ausgenommen werden. Es ist uns wichtig, dass unser Wirtschaftssystem nachhaltig ist, aber das zu verteidigen, ist nicht nachhaltig, das finde ich absurd.

Ohne Sicherheit ist alles nichts.

Sie ist die Basis von allem. Investments in militärische Fähigkeiten unterliegen ja auch einer ganz anderen Logik als andere Investments. Das Idealszenario für den militärischen Beschaffer ist ein abstruses. Er gibt Milliarden um Milliarden Euro aus, für Systeme, von denen er hofft, dass er sie nie einsetzen muss und in 50 Jahren verschrotten kann. Das ist das Ideal. Es gibt einfach verteidigungspolitische Logiken, die kontraintuitiv sind und dem Zeitgeist widersprechen. Das zu erklären, zu erklären, dass ich all das mache, um Krieg zu vermeiden, das ist jetzt die Aufgabe der Politik. Dafür muss sie aber eben selbst raus aus den alten und rein in die neuen Logiken, die so neu nicht sind.

Und es braucht Menschen wie Sie, die das so erklären können, wir danken Ihnen für die tiefen Ein- und Seitenblicke, wie wir das verteidigen, was wir haben. Wir freuen uns zudem sehr, dass Sie uns zu den Themen beim #vtfds26 am 16.6. abermals „mitnehmen“.