„Viele in der Bevölkerung wissen gar nicht, was Stiftungen alles leisten“

Am Runden Tisch mit Ruth Williams (Verband für gemeinnütziges Stiften in Österreich), Dagmar Bühler-Nigsch (VLGST), Julia Jakob (SwissFoundations, Verband der Schweizer Förderstiftungen) und Dr. Christoph Degen (proFonds, Verband gemeinnütziger Stiftungen in der Schweiz)

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DACHLIE
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Die Stiftungslandschaften in Österreich, Liechtenstein und der Schweiz ähneln sich in Vielem, in Manchem aber hat jeder Stiftungsstandort seine ganz eigene Sicht auf die Dinge, die Stiftungen gerade umtreiben. Mit den Verbandsverantwortlichen aus Österreich, Liechtenstein und der Schweiz sprachen wir über die unterschiedlichen Perspektiven auf relevantes Stiftungshandeln, lernten aber gleichzeitig, dass vieles was uns hierzulande umtreibt, auch in unseren Nachbarländern längst auf der Stiftungsagenda steht. Ein Runder Tisch auf Deutsch bzw. Tacheles.

FondsFibel: Wir wollen mal auf der Metaebene einsteigen. In Deutschland sehen wir die Diskussion um die Shrinking Spaces, also die zunehmende Einschränkung der zivilgesellschaftlichen Handlungsspielräume durch die Politik. Ist das etwas, was in Österreich, Liechtenstein und der Schweiz auch diskutiert wird? Oder welche Themen sind es stattdessen?
Ruth Williams: Also wir sind ja quasi der jüngste Stiftungsmarkt unter den genannten, unser Ökosystem ist mit 750 gemeinnützig aktiven Stiftungen, von denen 16% Mitglied bei uns sind, noch überschaubar. Die Thematik der Shrinking Spaces haben wir so in Österreich nicht. Prinzipiell haben Stiftungen in Österreich ein sehr gutes Standing, womit wir hier und da kämpfen, ist aber schon politische Einflussnahme, in einem ganz bestimmten Sinne. Der gemeinnützige Sektor agiert in einem recht rigiden Rahmen. Damit wird die eigentliche Rolle, die Stiftungen einnehmen könnten, nämlich Innovatoren zu sein und Inkubatoren für gute Ideen, Dinge ausprobieren zu können, konterkariert. Hier sind Nachbarländer mit einem liberaleren Rechtsrahmen eindeutig im Vorteil. Wir hoffen hier mit Österreich auch bald anschließen zu können und freuen uns über die gute Gesprächsbasis mit der öffentlichen Hand. Es braucht den Vertrauensvorschuss für zivilgesellschaftlich aktive Akteure und einen guten Austausch zum Aufbau des wechselseitigen Verständnisses.

Ruth Williams

FondsFibel: Wenn wir auf die Ebene des Verbands gehen. Welches sind die Themen, die Sie derzeit als Generalsekretärin am meisten umtreiben?
Ruth Williams: Die Themenfelder, in denen sich unsere Mitglieder engagieren sind mehrheitlich in den Bereichen Soziales, Bildung sowie Wissenschaft und Forschung zu verorten. Übergeordnet schiebt sich das Umwelt- und Klimathema notwendigerweise an vielen Stellen in den Diskurs. Das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, weil aufgrund der Interkonnektivität viele andere soziale Themen ohne Umwelt und Klima nicht mehr den Impact haben werden, den sie haben sollen. Ein anderes Thema an dem wir intensiv arbeiten, ist die Etablierung der Gemeinschaftsstiftungs-Bewegung in Österreich. Man kann sich das als die österreichische Übersetzung der Community Foundation vorstellen, die es in Europa in über 20 Ländern bereits gibt. Dieses gemeinschaftliche, regionale, partizipative, philanthropische Engagement in der nachhaltigen Form der Stiftung soll in Österreich Einzug finden. Unter anderem als stabile ergänzende Struktur, um in Krisensituationen, wie einer Pandemie, schnell Hilfe bieten zu können.

FondsFibel: Was in Deutschland geht, geht in Österreich erst recht. Wie liegen die Themen in Liechtenstein?
Dagmar Bühler-Nigsch: Bei uns ist es vor allem der Mangel an verbindlichen Daten zum Stiftungssektor, der uns beschäftigt. Zwei Zahlen kann ich aber vorab erwähnen: In Liechtenstein gibt es aktuell 1.375 gemeinnützige Stiftungen, knapp 10% davon, genau 110, sind Mitglied in unserer Vereinigung. Wir verfügen über keine Angaben zu Vermögen und Fördervolumen der Stiftungen, was es für uns deshalb sehr schwierig macht, den gesellschaftlichen Nutzen der gemeinnützigen Stiftungen sichtbar zu machen. Die VLGST setzt sich dafür ein, künftig vermehrt mit aggregierten Daten über das liechtensteinische Stiftungswirken kommunizieren zu können. Auch den einzelnen gemeinnützigen Stiftungen kommt dabei eine wichtige Rolle zu, indem sie über ihre wertvolle Arbeit berichten und konkrete Beispiele nach außen tragen. Das würde in meinen Augen dem ganzheitlichen Ansehen von Stiftungen enorm helfen, in jedem Land. Viele Stiftungen hierzulande sehen sich jedoch nicht in der Not transparenter zu werden, weil sie in ihrem Wirken wenig Einschränkungen erfahren. In 2022 wurde Liechtenstein für seine guten Rahmenbedingungen bzw. das liberale Stiftungsrecht als weltbester Philanthropie-Standort ausgezeichnet. Nur, ausruhen dürfen wir uns darauf aber nicht. Als Interessensvertretung sind wir gefordert, auf die Behörden zuzugehen und von der Politik auch jene Signale einzufordern, den Stiftungssektor weiter zu unterstützen.

FondsFibel: Jetzt nennen Sie zwei Begriffe, Kommunikation und Transparenz. Das befasst uns in Deutschland auch immer stärker. Sind Kommunikation und Transparenz die Herausforderungen für Stiftungen für die nächsten 10 Jahre?
Dagmar Bühler-Nigsch: Für mich ganz klar ja. Gemeinnützige Stiftungen genießen eine relativ hohe Anerkennung und Wertschätzung und mehr Transparenz würde das noch untermauern. Transparenz schafft Vertrauen und genau da sehe ich eine Herausforderung. Gemeinnützige Stiftungen sind steuerbefreit und deshalb hat die Öffentlichkeit ein Anrecht zu wissen, dass es sie gibt und in welchen Bereichen sie tätig sind. Unsere großen Stiftungen sind hier bereits vorbildlich, indem sie über ihre wertvolle Arbeit berichten und konkrete Beispiele nach außen tragen. Beispiele dafür sind die Hilti Foundation, die Onassis Foundation, die Medicor Foundation sowie die noch junge Stiftung Lebenswertes Liechtenstein. Diese sind operativ tätig und betreiben eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit. Ich wünsche mir, dass viele andere ebenfalls so sichtbar werden.

Dagmar Bühler-Nigsch

FondsFibel: Im Gegensatz zur Schweiz, wo viele der rund 14.000 Stiftungen kein Problem mit ihrer Sichtbarkeit haben.
Julia Jakob: Ganz genau, unser Stiftungssektor ist sichtbar und robust. Fast jeden Tag wird eine neue Stiftung gegründet, wir profitieren weiter von den liberalen Rahmenbedingungen, die wir in der Schweiz haben und auch nutzen können. Aber auch wir kämpfen zunehmend darum, dass wir nicht eingeengt werden in unseren Handlungsspielräumen und diese liberalen Rahmenbedingungen erhalten bleiben. Zusammen mit Philea und den europäischen Stiftungsverbänden haben wir jüngst für Ausnahmen vom Common Reporting Standard gekämpft und konnten uns durchsetzen, was für uns einen riesigen Advocacy Erfolg darstellt. Gemeinnützige Stiftungen in der Schweiz können so bis zu 30 Millionen Franken im Jahr weiter für ihre Fördertätigkeit einsetzen, anstatt diesen Betrag für die Kosten des Reportings im Rahmen des Automatischen Informationsaustausch ausgeben zu müssen. Ganz aktuell haben wir einen intensiven Austausch mit der Standortförderung Zürich, und konnten dem Kanton aufzeigen, was Stiftungen als Ressource bedeuten, und vor allem auch den Diskurs mit den Steuerbehörden befördern. Letztere sind auch bei uns oft die großen Bremsen. Hier ist am meisten zu tun. Wie Dagmar Bühler-Nigsch bin ich der Meinung, dass für die Steuerbefreiung bestimmte Spielregeln einzuhalten sind. Die Steuerbehörden dürfen aber die Stifterfreiheit und ein modernes Stiftungswesen nicht unterlaufen.

Dr. Christoph Degen: Im Zusammenhang mit Regeln oder eben auch Gesetzen, die teilweise großen Einfluss auf die Stiftungsarbeit haben, ist auch das runderneuerte Datenschutzgesetz der Schweiz zu erwähnen, das am 1. September 2023 in Kraft tritt. Stiftungen müssen sich hierauf vorbereiten, das ist ein großer Brocken. Denn neben den bereits erwähnten Themen wie der Erhöhung von Transparenz und Sichtbarkeit, der Kommunikation und dem Engagement für die Erhaltung und Weiterentwicklung der liberalen Rahmenbedingungen, sind es eben häufig auch ganz konkrete Herausforderungen, die uns beschäftigen. Als Verband müssen und wollen wir auf allen Ebenen für unsere Mitglieder da sein: nach dem politischen Engagement kommt die Begleitung und Beratung bei der Umsetzung. Dafür ist der Datenschutz ein gutes Beispiel, denn eskommen jetzt viele neue Pflichten auf Datenverarbeiter zu, Namen und Anschriften von Spenderinnen und Spendern müssen erfasst werden, Daten müssen gelöscht auf Verlangen gelöscht werden können. In Deutschland gibt’s die DSGVO seit einiger Zeit bereits, wir Schweizer sind diesmal etwas später dran damit (lacht).

FondsFibel: Auch das kommt vor. Aber Spielregeln sind das eine, Spielräume das andere.
Julia Jakob: Völlig richtig. Nehmen wir die Honorierung von Stiftungsräten. In manchen Kantonen wird diese relativ großzügig gehandhabt, weil gesetzlich auch gar keine Einschränkungen bestehen. Andere Steuerbehörden wie zum Beispiel in Zürich erlauben hingegen nur Entschädigungen für Spesen, dort wird nicht einmal eine angemessene Honorierung für die Stiftungsratstätigkeit oder ein bescheidenes Sitzungsgeld zugelassen. Das ist viel strenger als von den rechtlichen Rahmenbedingungen gefordert. Oder schauen wir auf neue Fördermodelle. Bei unternehmerischen Fördermodelle wie etwa Darlehen an Start-ups oder Private Equity tun sich die Behörden noch sehr schwer. Das bremst Stiftungen aus, denn neue Ideen gibt es viele, das kann ich Ihnen versichern. Auch die Behörden sollten letztlich verstehen, dass Stiftungen ein gutes Geschäft für die Gesellschaft sind. Es gibt für die Schweiz Studien, die belegen, dass eine gemeinnützige Stiftung der Gesellschaft schon nach einem Jahr mehr bringt als ihr durch die Steuerbefreiung der Stiftung entgangen ist. Was uns als Verband daneben noch umtreibt, ist die Balance aus digitaler und analoger Vernetzung sowie die Professionalisierung des Sektors als Ganzem.

FondsFibel: Stiftungen als Inseln des Gelingens, aber damit sie gelingen, braucht es Voraussetzungen.
Ruth Williams: Es geht auch uns um das Zusammenbringen von Leuten und das Verbreiten der Stiftungsidee. Wir müssen erklären, dass Stiftungen Inseln des Gelingens sind und kommunizieren, so dass man noch mehr Menschen in diese Richtung motiviert werden. Zu dieser Motivation gehören dann auch Partnerschaften mit der öffentlichen Hand. Aber ich glaube, dass wir noch wesentlich mehr die Silo-Denke aufbrechen und das Verständnis fördern müssen, dass eine Stiftung für jeden eine Engagementform sein kann, unabhängig davon, ob Privatperson, Familie oder Unternehmen eine solche gründen wollen. Die Stiftung ist eine Option unter vielen, als Verband sind wir dazu angehalten, diese Gedankengerüste auch in den Rahmenbedingungen abzubilden. Wir müssen noch bessere Rahmenbedingungen schaffen, so dass sich der Stiftungsstandort Österreich noch weiterentwickelt und professionalisiert. Viele Menschen haben tolle Ideen und starten Initiativen, aber das muss auf fruchtbaren Boden fallen können. 

Dr. Christoph Degen: Ein Punkt, bei dem es noch viel Luft nach oben gibt, ist die öffentliche Wahrnehmung von Stiftungen. Viele wissen gar nicht, was genau eine Stiftung ist und was Stiftungen alles leisten. Dieses mangelnde Wissen ist nicht nur in der Bevölkerung zu beobachten, sondern teilweise auch bei den Vertreterinnen und Vertretern des öffentlichen Gemeinwesens. Da Stiftungen maßgeblich zum Funktionieren bspw. von kulturellen und sozialen Institutionen beitragen, wäre es wünschenswert, wenn das Gemeinwesen seine Wertschätzung für die Leistungen von Stiftungen noch besser zum Ausdruck bringen würde. Das kann bspw. im Rahmen der Kommunikation geschehen oder auch indem den Bedürfnissen von Stiftungen mehr Gehör geschenkt wird. Damit wir hier vorwärtskommen, sind Gespräche mit den entsprechenden Institutionen wichtig. So pflegen wir hier in Basel bspw. den regelmäßigen Dialog mit den Behördenvertretern, um die Zusammenarbeit kontinuierlich zu optimieren. Stiftungen ihrerseits müssen ihre Geschichten des Gelingens erzählen, so dass ihre Leistungen sichtbarer werden. Es sind also beide Seiten gleichermaßen gefragt.

Julia Jakob

FondsFibel: Das ist aber notwendig, um die Relevanz des Sektors zu zeigen, oder? 
Julia Jakob: Nur wenn wir zeigen, was wir können, dass wir gut arbeiten und dass wir mit dem entgegengebrachten Vertrauen gut umgehen können, dann haben wir eine Chance, als relevanter gesellschaftlicher Player akzeptiert zu werden. Das treibt uns an und um, uns dauernd zu verbessern. 

Dagmar Bühler-Nigsch: Nehmen wir doch einmal das Thema Public Private Partnership, das ist ein gutes Instrument, um für das Gemeinwohl Projekte umzusetzen und gleichzeitig den Austausch zwischen den gemeinnützigen Akteuren zu pflegen. Wir haben in Liechtenstein das Amt für auswärtige Angelegenheiten und den liechtensteinischen Entwicklungsdienst, hier wird vielerorts tolle Arbeit geleistet. Nur wissen die Stiftungen voneinander viel zu wenig, was alles geleistet wird und was man gemeinsam machen könnte. Mustergültige Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass ein Zusammenspiel der verschiedenen Akteure sowohl eine Hebelwirkung bei den Projekten als auch eine richtig gute Öffentlichkeitsarbeit für das ganze Land Liechtenstein erzielen kann. Des Weiteren wären viele Organisationen gar nicht handlungsfähig, wenn sie nicht auf die Unterstützung von gemeinnützigen Stiftungen zählen könnten. Auch dies soll transparent gemacht werden, es darf aber keine Selbstverständlichkeit sein. Nicht zuletzt können Stiftungen neue Themen anstoßen, Anschubfinanzierungen gewähren und nicht nur Projekte, sondern eben Organisationen im Sinne des „Unrestricted funding“ oder auch der „Trust based Philanthropy“ unterstützen. Allerdings muss der Sektor und die Öffentlichkeit dem offen gegenüberstehen. Zu oft ist das meiner Wahrnehmung nach noch nicht der Fall.  

Dr. Christoph Degen: Der Aspekt Anschubfinanzierung bringt uns auch zum Thema Stiftungsvermögen, das treibt Stiftungen auch um oder sollte es zumindest. Der Nullzins ist ja vorbei, unsere Stiftungsvermögen von rund 140 Mrd. Franken haben es auf der Ausgabenseite damit vermutlich etwas leichter. Bei der Anlage beschäftigen uns die Gebote der Prudent Investor Rules, das Gebot der Diversifikation, das Gebot der Sicherheit, der angemessenen Rendite und der genügenden Liquidität. Bei der Diversifikation ist es ja so, dass man nicht nur verschiedene Schuldner auszuwählen hat, sondern dass man auch über verschiedene Anlagekategorien hinweg streut. Dann landet man automatisch bei Sachwerten, zu denen neben den Immobilien auch die Aktien gehören. Das letzte Jahr hat uns aber richtig durcheinandergebracht, da Aktien sehr schlecht performt haben, Anleihen aber eben kaum minder schlecht. Überall hat es vergangenes Jahr reingeregnet. Dann ist es umso wichtiger, und das sagen wir den Stiftungen immer wieder, eine langfristige Strategie zu haben, und diese auch durchzuhalten.
 
FondsFibel: Und Stiftungen sind ja auf zwei Ebenen im Stiftungsvermögen unterwegs. Einmal auf Ebene des ordentlichen Ertrags, und zum anderen auf Ebene der Performance. 
Dr. Christoph Degen: Von der Performance darf man sich nicht verrückt machen lassen. Auch bei Anleihen relativieren sich Kursverluste ja, wenn ich ein Schuldnerpapier bis zur Fälligkeit halte. Bei einer Stiftung mit einer langfristigen Anlagestrategie sollte die Performance nicht der zentrale Maßstab sein. Passt die Langfriststrategie, dann muss mich ein Jahr wie 2022 überhaupt nicht stressen, denn in den guten Jahren sammelt die Stiftung genug Speck für ein Jahr wie 2022 an.

Dagmar Bühler-Nigsch:  Neben einer schlüssigen Anlagestrategie sollte verstärkt auf das Thema Nachhaltigkeit gesetzt werden. Ich bin überzeugt, dass es hier noch viel Luft nach oben gibt, habe aber auch Verständnis, dass viele Stiftungen noch Zeit für Umstrukturierungen benötigen. Mittlerweile gibt es mit den SDGs eine gute Orientierung, die Stiftungen hilft, ihren Stiftungszweck im Sinne der Nachhaltigkeit zu erfüllen und mittels ESG-Kriterien das Stiftungsvermögen auch entsprechend nachhaltig zu investieren. Ein Aspekt beim Stiftungsvermögen ist mir noch wichtig. Wenn das Stiftungsvermögen zu gering ist, um sinnvolle Ausschüttungen zu tätigen, sollte es in Richtung Verbrauchsstiftung gehen. Für mich macht es keinen Sinn, die Stiftung dann noch am Leben zu erhalten. 
 
FondsFibel: In Deutschland gibt es den Begriff ‚notleidend‘ an der Stelle. 
Dagmar Bühler-Nigsch:  Das trifft es vermutlich ganz gut. Grundsätzlich muss eine Stiftung Erträge erzielen, um ausschütten zu können. Kann sie das nicht, muss das weitere Bestehen der Stiftung überdacht werden.

Ruth Williams: Stiftungsvermögen ist auch bei uns ein Thema, auch wenn in Österreich eher die Kultur herrscht, dass über Geld nur sehr ungern gesprochen wird. Was ich punkto Stiftungsvermögen sehe ist ein großer Unterschied, ob im Stiftungsvorstand oder in der Geschäftsführung jemand ist, der oder die Expertise zum Thema Veranlagung mitbringt. Kommen Stiftungsgründer*innen zu mir in die Beratung, gebe ich das immer mit. Neben allem zivilgesellschaftlichen Engagement muss es auch beim Stiftungsvermögen eine Balance geben. Nur bei der Erstellung der Stiftungsurkunde übers Stiftungsvermögen nachzudenken reicht einfach nicht, gerade in diesen Zeiten. In Österreich ist es beispielsweise bei der gemeinnützigen Bundesstiftung der Fall, dass man sich bereits bei der Gründung über die Veranlagung Gedanken machen muss, denn sonst muss man mündelsicher veranlagen. Das ist einer langfristigen und zukunftsorientierten Stiftungsarbeit natürlich nicht zuträglich. 
 
FondsFibel: Das Gebot der mündelsicheren Anlage des Stiftungsvermögens wurde in Deutschland 1995 abgeschafft. 
Julia Jakob: Bei uns ist die Vermögensanlage von Stiftungen schon deswegen ein großes Thema, weil wir der Verband der Schweizer Förderstiftungen sind und unsere Mitgliedstiftungen aus den Vermögenserträgen in der Regel ihre Förderaktivitäten entwickeln. Vielleicht sind ein paar Zahlen zum Stiftungsvermögen in der Schweiz interessant. Im neuesten Stiftungsreport weisen wir per Ende 2022 ein Stiftungsvermögen der Schweizer Stiftungen von knapp 140 Mrd. Schweizer Franken aus. Seit 2017 sehen wir hierbei einen Zuwachs um 43,4%. Dieses Vermögen muss angelegt werden; Stiftungen dürfen andererseits nicht inaktiv sein. Für uns als Verband stellt sich hier die Frage des „Wie“, und genau hierauf blickt unser jährlicher Benchmark Report. Demnach wenden 84% der hier befragten Stiftungen Nachhaltigkeitskriterien an, 95% hiervon wiederum berücksichtigen Negativkriterien. Zwei Drittel setzen zudem auf Best in Class und 41% der im Benchmark Report zitierten Stiftungen bringen Formen von Impact Investing zur Anwendung. Wir als Verband möchten Stiftungen dabei unterstützen, Schritt für Schritt in die nachhaltige Kapitalanlage hineinzufinden. Das Interesse daran ist riesig, die Umsetzung darf aber noch als lückenhaft bezeichnet werden. 

FondsFibel: Die Welt ändert sich nun mal nicht von heute auf morgen, sie ändert sich Schritt für Schritt, auch in der Veranlagung von Stiftungsvermögen. Wenn wir auf das ‚Wir als Verband‘ noch einmal kommen. Was ist Ihre Stiftungsagenda 2030, als Verband? 
Julia Jakob:  Wir sind zum einen für unsere Mitglieder da, zum anderen aber auch für den Stiftungssektor. Wir sind auf allen möglichen Ebenen aktiv bis hinein in die Politik, in der Schweiz also auf Bundesebene und auf Kantonaler Ebene, um Stiftungsbelange nach vorne zu bringen. Wir müssen viel reden, viele Termine machen und wir müssen Viele überzeugen. 

Dagmar Bühler-Nigsch: Das kann ich nur untermauern. Wir haben einen guten Draht zu unseren Behörden. Für unsere Mitgliedstiftungen gibt es einmal jährlich ein Treffen mit den Amtsstellen, den Vertretern der Steuerverwaltung, dem Amt für Justiz, der Stiftungsaufsicht und dem Ministerium für Finanzen. Genau dieser Diskurs wird von unseren Mitgliedern gleichermaßen geschätzt und erwartet. Für uns heißt das aber zum Beispiel auch, Foundation Governance Leitlinien aufzusetzen, also Wohlverhaltensregeln für gute Stiftungspraxis, so wie wir sie in der Schweiz kennen, mit dem Swiss Foundation Code.  

Julia Jakob: Schön, dass Du an dieser Stelle den Swiss Foundation Code, unser „Schweizer Taschenmesser“ für professionelle Stiftungspraxis erwähnst. Er ist kein Gesetz, sondern eben jenes Werkzeug, das dich als Stiftung einen höheren Professionalisierungsgrad erreichen lässt. 

Ruth Williams: Ich sehe eine unserer Rollen definitiv auch als Verknüpfer zwischen den Welten. Wir müssen aber auch den Sektor an sich für bestimmte Themen sensibilisieren, die dieser heute noch nicht ins Rampenlicht gerückt hat. Mittelfristig wird vielen Gemeinnützigen und Social Profits die Spendenbasis wegbrechen. Dann braucht es den Austausch, um „on the long run“ eine Diversifikation der Einnahmequellen zu erreichen. In Liechtenstein haben sie dafür eine Plattform ins Leben gerufen, auf der ganz unterschiedliche Zielgruppen, Vorstellungen, Interessen und Perspektiven zusammengebracht werden können. Hier als Verband im Lead für seine Mitglieder zu sein, das würde ich für uns in der Zukunft schon sehen. Letztlich können solch niedrigschwelligen Angebote vor allem jenen Stiftungen helfen, die über kleinere Budgets verfügen. In Zeiten von multiplen Krisen möchte ich Räume schaffen, in denen Akteure aus dem Sektor zusammenkommen können und im Idealfall über das Kennenlernen hinaus ihre Ressourcen bündeln und in der Zusammenarbeit so einen wesentlich größeren Hebel haben.  

Dr. Christoph Degen

FondsFibel: Also braucht es nicht nur die großen Stiftungen, über die wir in Deutschland so gerne sprechen? Die Stiftungslandschaft muss bunt bleiben, und dazu gehören auch die kleineren und mittelgroßen Stiftungen?  
Dr. Christoph Degen: Die enorme Vielfalt der Stiftungen – auch in Bezug auf die Größe und Vermögen – kann und soll als Chance gesehen werden.  Es gibt Stiftungen, die haben viel Geld und viele Ideen. Dann gibt es Stiftungen, die zwar viele Ideen, aber wenig Vermögen haben. Andere wiederum haben viel Geld und wenig Ideen. Da Stiftungen mit Kreativität einen Mangel an Mittel ausgleichen können, sind große und vermögende Stiftungen nicht zwangsläufig relevanter. Jemand sagte einmal „creativity beats money“, dem stimme ich zu. Alle Stiftungen verstehen sich als Partner für Lösungen heutiger aktueller Herausforderungen und können ihren ganz individuellen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten. Wir schauen bei proFonds jetzt auf eine mehr als 30-jährige Verbandsgeschichte zurück, und von unseren rund 500 Mitgliedern erzählen die allermeisten eine „Geschichten des Gelingens“.

Julia Jakob: Für mich gibt uns die digitale Welt eigentlich alle Möglichkeiten an die Hand, genau dieses Bunte auch zu zeigen. Wir sind als Verband jüngst als Mittler und Moderator aufgetreten bei der Plattform StiftungSchweiz. Dort ergab sich die Möglichkeit einer Beteiligung, also haben neun Schweizer Stiftungen ein Finanzierungskonsortium gegründet und sich an der Plattform beteiligt, zu der im Übrigen auch die Publikation The Philanthropist gehört, mit der wir Stiftungen auch auf dem klassischen Wege erreichen können. Swiss Foundations hat diese Aktion koordiniert und spielt nun dort auch inhaltlich eine Rolle. Solche Möglichkeiten gilt es als Verband zu nutzen. Jetzt entwickeln wir die ersten Formate und Inhalte dazu. Grundsätzlich wollen sich unsere Förderstiftungen auch noch besser untereinander vernetzen, beispielsweise sehen, wo es Förderlücken oder Kooperationspotenziale gibt. Plattformen können da eine Brücke bauen. Wir haben das angestoßen und es ist ein mutiger Schritt in Richtung Digitalisierung. 

Ruth Williams: Digitalisierung ist natürlich für Stiftungen aus unterschiedlichsten Perspektiven heraus relevant. Einmal aus Effizienzgründen, daneben aber auch bei Organisationen, die wachsenderweise Spenden einwerben. Da braucht es dann Datenbanken und deren Management, Spendenbestätigungen müssen verschickt werden, niemand will da bei uns zurück ins Analoge. Großflächig im österreichischen Stiftungssektor angekommen ist die Digitalisierung aber dennoch noch nicht. Es wird aber in den nächsten Jahren zwangsläufig ein wachsender Bereich werden. Die jüngere Generation der Stiftungsmanager*innen hat einen komplett anderen ihrer Generation angepassten Zugang. Das ist für uns als junger Verband eine Herausforderung, aber eben auch eine Chance. Der Sektor arbeitet hochprofessionell, aber es braucht hier immer wieder eine Weiterentwicklung, das gemeinsame Lernen. Die Menschen in den Stiftungen haben den Wunsch und den Anspruch, professionell zu arbeiten, dafür müssen Angebote wie unser Intensivlehrgang im Stiftungsmanagement geschafften werden. Und die jungen Menschen in Stiftungen wollen nicht nur über Social Media sprechen, sie wollen es nutzen. Es geht um das zeitgemäße Wie. 
 
FondsFibel: Das ist ja dann schon so etwas wie eine Stiftungsagenda 2030, das zeitgemäße Wie. 
Ruth Williams: Der Stiftungssektor muss Augenmerk auf moderne Rahmenbedingungen legen, die innovative Arbeit von gemeinnützigen Stiftungen möglich macht. Andererseits braucht es aber in meinen Augen auch die länderübergreifende Zusammenarbeit, weshalb ich für mich die Idee der europäischen Stiftung oder einer anderen hier zuträglichen Rechtsform für Gemeinnützige auch noch nicht ad acta gelegt habe. Es ist in meinen Augen künftig eher egal, ob ich in einer Stiftung in Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Liechtenstein arbeite, denn wenn die Stiftung sich zum Beispiel mit dem Erhalt der Artenvielfalt befasst, als Teil des Klimaproblems, dann hört diese Arbeit nicht an der Landesgrenze auf. Daher auch das Bestreben, zwischen den Stiftungsverbänden die innerverbandliche Kooperation auszubauen. Nicht zuletzt müssen wir am modernen Erscheinungsbild von Stiftungen in der Öffentlichkeit arbeiten, dass Stiftungen beispielsweise ein partizipatives Bild zeichnen. Dazu brauchen wir die digitale Welt, aber die digitale Welt wird auch von uns profitieren, denn wir erzählen die Geschichten des Gelingens und können so weitere Menschen mobilisieren 

Dr. Christoph Degen: Wir haben das Privileg, in Ländern mit einer freiheitlichen Grundordnung und politischer Stabilität zu leben. Das sind ideale Grundvoraussetzungen für gelingendes gemeinnütziges Engagement.  Daher sind diese Stiftungsstandorte vielleicht auch so prosperierend. Damit Stiftungen auch in Ländern mit antidemokratischen Tendenzen wirken können, ist es umso wichtiger, dass der Stiftungssektor länderübergreifend arbeitet und dafür sorgt, dass die Leistungen von Stiftungen von der Gesellschaft mehr anerkannt und geschätzt werden. Auch im Bereich der Interessenwahrung können wir voneinander lernen, denn die Herausforderungen sind teilweise vergleichbar. Wir müssen uns weiterhin gemeinsam dafür einsetzen, dass Bürgerinnen und Bürger sich für die Gemeinnützigkeit einsetzen und dass sie dies möglichst hürdenfrei tun können. Das ist und bleibt unsere Vision.

vtfds2023 - 4. Virtueller Tag für das Stiftungsvermögen

FondsFibel: Wie steht es um die Stiftungsagenda 2030 in Liechtenstein? 
Dagmar Bühler-Nigsch: Gemeinsam mit der Stiftungsaufsicht möchten wir das Thema Transparenz im Sektor verbessern. Heutzutage können Organisationen Geld nicht mehr einfach so annehmen, ohne die Herkunft zu überprüfen. Für eine effiziente Zusammenarbeit braucht es Transparenz auf beiden Seiten. Hier kann eine Verbandsmitgliedschaft große Hilfestellung leisten und als Gütesiegel auch die Zusammenarbeit mit Organisationen und deren Due Dilligence vereinfachen und eine professionelle Stiftungspraxis unterstützen. An dieser professionellen Stiftungspraxis müssen die Verbände arbeiten und unsere Mitglieder durch ein qualitativ hochwertiges Weiterbildungsangebot unterstützen.  
Ganz oben auf unserer Prioritätenliste steht aber auch, die Klima-Philanthropie in Liechtenstein noch weiter zu stärken. Es ist klar, dass diese nicht mehr von den klassischen Förderbereichen loszulösen ist. Dies muss sich jedoch noch stärker in den Förder- und Investitionstätigkeiten spiegeln und Bedarf Hilfestellung, um den Zugang für Stiftungen sowohl hinsichtlich ihrer Komplexität als auch der rechtlichen Rahmenbedingungen zu erleichtern.  

Julia Jakob: Dem ist kaum etwas hinzuzufügen. Ich denke alle Punkte, die wir heute besprochen haben, werden wichtig sein und bleiben bis 2030. Wir wollen vor allem weiterhin ein dynamischer und partizipativer Verband sein. Von Mitgliedern für Mitglieder. Wir wollen ganz nah an den Bedürfnissen der Stiftungen sein, diese Bedürfnisse in den Sektor tragen und weiter für liberale und moderne Rahmenbedingungen eintreten. Auch den Dialog zu stärken ist weit oben auf unserer Agenda. Genau deshalb finde ich es gut, wenn die Verbände besser zusammenfinden, das ist eine großartige Entwicklung. Sehen, was in anderen Ländern läuft, was Liechtenstein möglich macht, was Österreich anschiebt, was in Deutschland geschieht, den Dialog mit den Stakeholdern und den Behörden zu führen, das treibt uns an. Zumal das Stiftungswesen ja vor einem Generationswechsel steht und für junge Stiftungsräte als Arbeitsplatz auch interessant sein muss. Stipendienprogramme wie Board for Good wurden nicht umsonst lanciert. Und ja, auch das Sichtbarmachen der Themen des Dritten Sektors muss zu unserer Agenda gehören. Sichtbar bleiben, relevant sein und alle Kanäle nutzen, seien es die analogen und auch die digitalen, um hier den Sektor und die einzelnen Stiftungen zu stärken. Das bringt alle Beteiligten voran. 

vtfds2023 - Magazin-Download

FondsFibel: Wenn wir es zusammenfassen, dann sind die Zeiten jetzt eine Chance für die Philanthropie in Österreich, Liechtenstein, der Schweiz und auch Deutschland, und damit letztlich auch eine Chance für die Gesellschaft in diesen unseren Ländern. Wir danken Ihnen sehr für Ihre offenen Worte, Ihre Einblicke und auch die Ausblicke auf das Stiftungsmorgen, die uns optimistisch in ebenjenes blicken lassen.