„Die Stiftungsgremien müssen zu allen Zeiten arbeitsfähig sein“

Auf ein Schälchen Heeßen unter drei Leipz’schern mit Klaus Hinze und Michael Hoffert von der Wilhelm Weidemann Jugendstiftung

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Klaus Hinze und Michael Hoffert
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Stiftung 2.0. Auf diesen Weg hat sich die Wilhelm Weidemann Jugendstiftung gemacht und dabei einige entscheidende Weichenstellungen vorgenommen. Fragen nach der Anpassungsfähigkeit der Stiftung, dem richtigen Wertekanon der Stiftungsgremien und dem passenden Verwalter für das Stiftungsvermögen wurden intensiv diskutiert – und in Grundsatzpapiere überführt. Die beiden Vorstände der Stiftung, Klaus Hinze und Michael Hoffert, geben im Gespräch einen Einblick, was es hieß, eine Stiftung neu aufzustellen.

FondsFibel: Wir wollen über die Neuausrichtung Ihrer Stiftung sprechen, weil das für so manche Stiftung morgen auch ansteht. Natürlich interessiert uns daher zuerst, warum dies notwendig geworden war?

Klaus Hinze: Hier muss ich ein bisschen ausholen. Die Wilhelm Weidemann Jugendstiftung existiert seit 2007 und wurde von Martin Weidemann, dem Enkel von Wilhelm Weidemann, und seiner Frau Erika als Stifterehepaar in Berlin gegründet. Sie also noch eine recht junge Stiftung. Im Jahr 2019 stellte sich der Vorstand personell neu auf und ein Jahr später wurde im Frühjahr 2020 das Kuratorium gegründet. Diese strukturellen Veränderungen warfen in ihrer Folge neue Fragestellungen und Themen auf. Einmal entstanden kritische Fragen zum damaligen Portfolio, die wir an den Vermögensverwalter richteten. Die Aspekte Nachhaltigkeit, Transparenz und Plausibilität standen auf der Agenda, wir fragten uns, wie eine Neuausrichtung im Stiftungsvermögen aussehen könnte, wenn wir stärker auf nachhaltige, soziale und ökologische Faktoren Bezug nehmen. Diese Diskussion kam rasch auf, das muss ich so sagen. Hinzu kam, dass der Wertekanon einzelner Mitglieder des Kuratoriums und des Vorstandes sowie die Ausrichtung des Stiftungszweckes mit bestimmten Einzelaktien in unserem Portfolio kollidierten. Diese Widersprüche aufzulösen, machte es notwendig, sich zu hinterfragen, sich neu aufzustellen.

Michael Hoffert: Ebenfalls war es uns wichtig, die Frage zu eruieren, wie die Zusammenarbeit in den Gremien künftig gestaltet werden soll. Das ist für uns eine essentiell wichtige Frage gewesen, denn die Stiftungsgremien müssen zu allen Zeiten arbeitsfähig sein. Die Gremiendiskussion fiel auch zusammen mit der Frage, ob wir uns als Stiftung stärker in der Öffentlichkeit präsentieren wollen. Und auch bei den Förderungen gab es Richtungsfragen zu klären: Wollen wir Förderungen strategischer angehen, also über mehrere Jahre hinweg, oder sollen wir bewusst einzelnen Projekten eine Anschubfinanzierung vorneweg gewähren? Das verändert natürlich die Projektpraxis. Nicht zuletzt war es uns wichtig, festzustellen, wie wir mit Konkurrenzsituationen bei den eingereichten Anträgen umgehen. Das geht zwar schon sehr ins Detail, aber genau mit diesen Details mussten wir uns einfach einmal ausgiebig befassen.

Klaus Hinze

FondsFibel: Wie weit sind Sie denn vorangekommen mit dem Projekt Neustart?

Michael Hoffert: Manche der Themen und Fragestellungen konnten inzwischen gut und orientiert auf die Zukunft gelöst werden, wie zum Beispiel die Suche nach einem neuen Vermögensverwalter. Bei den anderen sind wir auf dem Weg.

Klaus Hinze: Durch die Neuaufstellung unserer Gremien entstand ein manchmal langwieriger, notwendiger und durchaus innovativer Diskussionsprozess, den wir nachträglich nicht missen wollen. Hauptschwerpunkte waren dabei unsere Arbeitsweise, eigene Wertvorstellungen und die für uns wesentliche Erarbeitung von Grundsatzpapieren. Die bisher nur gesprächsweise und zeitlich punktuell „auftauchenden“ Werte, Einstellungen und Positionen konnten nun über einen mehrmonatigen Prozess in vier Strategiepapiere eingeordnet, verdichtet und verallgemeinert werden. Für unsere Stiftung existiert jetzt also eine Vision mit Zielen und den notwendigen Strategien. Dazu gibt es mittlerweile eine Förderricht-linie, in der auch die Förderpraxis festgelegt ist. Natürlich gibt es heute auch eine Anlagerichtlinie und zu dieser eine klar formulierte Haltung, wie wir es mit dem Thema Nachhaltigkeit halten, einmal in der Kapitalanlage aber auch in der Stiftungsarbeit als solche. Was wir durch die intensiven Diskussionen also bekommen haben ist, dass sich unsere Stiftungsinhalte erneuert haben und auch das Management der Stiftung auf die Höhe der Zeit gebracht wurde.

FondsFibel: Womit die Weiche gestellt wurden, dass Ihre Stiftung re-silienter und auch anpassungsfähiger ist? Lässt sich das so sagen?

Michael Hoffert: Veränderung ist ein fließender, dauerhafter und nicht widerspruchsfreier Prozess, der sich für uns als Stiftung allerdings grundsätzlich am Stifterwillen und somit an der Satzung orientiert. Die Stiftungssatzung gibt uns die grundsätzliche Richtung vor. So wie die Stiftung quasi auf Ewigkeit angelegt ist, gilt Gleiches für den Willen des Stifters. Die Anpassungsfähigkeit einer Stiftung an die jeweiligen gesellschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und Notwendigkeiten hängt unseres Erachtens nach wesentlich mit den handelnden Personen und ihrem Wertekanon, den Zielen und Visionen, die sich die Stiftung gegeben haben, zusammen. Dies wiederum kann stets nur im Abgleich mit der Satzung vollzogen werden. Resilienz und Anpassungsfähigkeit für eine Stiftung korrespondieren miteinander, bedürfen jedoch eines kritischen und eigenständigen Prozesses.

FondsFibel: Daraus lesen wir heraus, dass Stiftungsgremien mit der Zeit gehen müssen. Geben Sie uns doch einmal einen Einblick in das, was Sie im Zuge der Neuausrichtung in Ihren Gremien alles zur Diskussion gestellt haben.

Michael Hoffert: Vorstand und Kuratorium befanden sich in arbeitsfähiger Zusammensetzung, so dass strukturelle oder personelle Veränderungen für den vor uns liegenden fast ein Jahr dauernden Gesprächsprozess nicht erforderlich waren. Zuerst stand für uns der Thema Vermögensverwaltung auf dem Plan. Im Zuge der Diskussion kam dann die Frage auf, ob wir möglicherweise Gewinne aus Aktien erzielen, die wir als Stiftung nicht unterstützen würden und sollten? Diese Frage hatten wir uns noch nie so gestellt. Oder nehmen Sie das Thema Kosten. Wie bewerten wir denn das Verhältnis von Verwaltungskosten und unseren Einnahmen, das hat den Blick noch einmal verändert. Am Ende standen wir vor der Frage, ob der Wechsel unseres Vermögensverwalters unausweichlich war und ob die Philosophie, die wir künftig umsetzen wollen, nicht auch in Grundsatzdokumente gehört. Immerhin ist die Stiftung auf ewig bestehend, wir in den Gremien sind es aber nicht.

Klaus Hinze: Eine Sache möchte ich noch ergänzen, in der Hoffnung, dass dies viele Stiftung auch so sehen. Wir sind nachträglich sehr froh, dass unsere Neuausrichtung trotz Corona gelungen ist. Die neuen Formen elektronischer Kommunikation waren dabei sehr hilfreich, wir haben hier viel hinzugelernt.

FondsFibel: Die Suche nach dem geeigneten Vermögensverwalter fiel nun genau in die Corona-Phase. War es wie die Suche von Indiana Jones nach dem Heiligen Gral, oder nicht?

Klaus Hinze: Naja, von Felsen stürzen mussten wir uns nicht (lacht). Der Stiftungsvorstand hatte im Jahr 2021 sechs Vermögensverwalter angeschrieben und um ein Angebot für die zukünftige Verwaltung des Vermögens gebeten. Fachkompetent und ehrenamtlich beraten wurden wir dabei vom Finanzvorstand einer großen caritativen kirchlichen Einrichtung. Im gleichen Zeitraum erkrankte allerdings unser Stifter Martin Weidemann so schwer, dass er unerwartet im Januar 2022 verstarb. Die Stiftungsarbeit kam durch diesen schmerzhaften Verlust für ein halbes Jahr gewollt zum Stillstand. In dieser Zeit entstand durch Vermittlung eine neue Idee, das Suchen des passenden Vermögensverwalters in externe Hände zu geben. Wir bekamen einen Kontakt zu den Fuchsbriefen, eine Zusammenarbeit zwischen Stiftung und den Fuchsbriefen sowie der Fuchs Richter-Prüfinstanz wurde im April 2022 vereinbart. Für die Suche nach einem neuen Vermögensverwalter eröffneten sich der Wilhelm Weidemann Jugendstiftung nun völlig neue Horizonte.

vtfds2023 - 4. Virtueller Tag für das Stiftungsvermögen

FondsFibel: Das müssen Sie uns erklären.

Michael Hoffert: Es kam zu einer erneuten und erweiterten Ausschreibung, in deren Folge 30 verwertbare Angebote durch die Fuchsbriefe gesichtet, geprüft und uns vorgeschlagen werden konnten. Am Ende wurden 8 Vermögensverwalter zu einem Beauty Contest eingeladen. Für uns war das mit dem Beauty Contest etwas völlig Neues. Mit deutlichem Abstand zu den Mitbewerbern hat sich unsere Stiftung für die BW-Bank aus Stuttgart als neuen Vermögensverwalter entschieden. Das Ausschreibungsverfahren hatte dabei eine solche Tiefe, wie wir diese niemals allein hätten bewerkstelligen können. Diesen Impuls von außen hätten wir nie als so wertvoll erachtet.

FondsFibel: Das nehmen wir Ihnen sofort ab, Delegieren ist das neue Selbermachen. Wie steht es nun um den Außenauftritt Ihrer Stiftung. Sie sprachen die neuen Medien bereits an, gibt es hier auch Pläne? Wo wollen Sie mit der Stiftung nach draußen treten?

Klaus Hinze: Bisher lag der Schwerpunkt für uns eindeutig in der Selbstreflexion und der nachhaltigen Neuausrichtung der Stiftung. Dieser Prozess umfasste insgesamt zweieinhalb Jahre. Nun sind für uns wesentliche Grundsatzfragen beantwortet und der Blick kann sich nun über die Förderung von Projekten hinaus auch auf extern wirkende Themen richten. Wir wollen in den Erfahrungsaustausch mit anderen Stiftungen treten, das treibt uns um, wie es andere eben in Zeiten wie diesen machen in der täglichen Stiftungspraxis. Und hier ist man dann automatisch beim Thema Kommunikation und Website, da geht es uns wie vielen Stiftungen, hier sind wir noch nicht auf der Höhe der Zeit. Auch gibt es Ideen, mit anderen Stiftungen strategisch zusammenzuarbeiten, um bestimmte Projekte zur fördern. In diese Richtung könnte es gehen. Grundsätzlich sind wir gespannt und freuen uns auf die Zukunft, für die wir unsere Stiftung nun besser aufgestellt sehen.

vtfds2023 - Magazin-Download

FondsFibel: Der Zukunft ausgeliefert zu sein, ist ja für Stiftungen keine Option, schon eher die Zukunft zu gestalten. Wir danken Ihnen für die Einblicke in den spannenden Prozess der Neuausrichtung, und drücken die Daumen für alles was kommt.