„Wir orientieren uns sehr stark am Gedanken der Stiftungsfonds der US-amerikanischen Universitäten“

Auf eine Straßenbahnfahrt mit Bernhard Matthes, Leiter Vermögensmanagement bei BKC Asset Management

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Bernhard Matthes
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Mit Bernhard Matthes von BKC Asset Management zu sprechen ist immer ein Vergnügen. Denn er kann sehr schön herleiten, wie es um die Verfasstheit von Märkten bestellt ist – und was sich daraus für das Stiftungsvermögen ableitet. Bei ihm schwingt zwar immer ein gewisser skeptischer Bias mit, wenn er das große Ganze beurteilt, aber er hat auch immer ein paar sehr konkrete Ideen in petto, wie Stiftungsvermögen zeitgemäß und zukunftsfest veranlagt werden sollte. Außerdem ruft er uns ins Bewusstsein, dass sich 2023 ein Ereignis zum hundertsten Mal jährt: die Hyperinflation in Deutschland im Jahr 1923.

FondsFibel: Stiftungsvermögen, Epochenwechsel, Zeitenwende – in was für Zeiten leben wir gerade?
Bernhard Matthes: Das müssen wir etwas sortieren, glaube ich. Ein Niedrigrenditeumfeld haben wir schon länger dadurch, dass die Notenbanken ohne Not den Realzins nach unten manipulieren. Alle Anlageklassen hängen, wenn Sie das analysieren, am Realzins. Die Renditemöglichkeiten bauen auf dem Realzinsumfeld auf. Das Niedrigrenditeumfeld ist jetzt seit vielen Jahren eine Konstante. Eine zweite Ebene ist das Politische. Hier sehen wir schon eine Zeitenwende, ganz klar. Wirtschaftlich wiederum treten wir wieder in ein dankbareres Umfeld ein. Beim Realzins existiert eine sehr schöne Direktionalität zwischen dem vorherrschenden Realzins zu Beginn einer Investmentperiode und den darauffolgenden Erträgen, beispielsweise über einen rollierenden Fünf- oder Siebenjahres-Zeitraum. Demnach gehen hohe Positivrealzinsen, wie wir sie Anfang der 1980er hatten, einher mit nachfolgend sehr ansprechender Risikokompensation, wo Sie gute und vernünftige Erträge erwirtschaften können. Ein Umfeld niedriger oder negativer Realzinsen dagegen geht typischerweise einher mit enttäuschenden Anlagerenditen in allen Anlageklassen.

FondsFibel: Wie gehe ich damit nun als Stiftung um?
Bernhard Matthes: Erst einmal gilt es, keine Angst vor Einbrüchen an den Börsen zu haben. Die Rückschau zeigt, dass die Zeit für Anleger arbeitet und zwischenzeitliche Schwankungen meist zügig aufgeholt werden können. Wenn Sie eine Stiftung oder eine Kirche oder jemand, der in Jahrzehnten oder Jahrhunderten denkt, sind, ist das in einem Chart über 50 Jahre kaum zu erkennen. In dem Moment ist es natürlich schmerzhaft, auch das, was wir letztes Jahr hatten, ist schmerzhaft, wenn ich es meinem Gremium erklären muss. Aber auf einen langen Zeitraum ist es nicht erheblich. Viel wichtiger ist es, bei einer einmal gewählten Disziplin zu bleiben und sich in solchen Phasen nicht ins Bockshorn jagen zu lassen.

Bernhard Matthes

FondsFibel: Das heißt, ich muss mir als Stiftung jetzt schon einmal Gedanken machen, ob ich die letzten zehn, fünfzehn Jahre richtig aufgestellt war?
Bernhard Matthes: Unserer Beobachtung nach haben sich viele Stiftungen diese Gedanken schon gemacht. Viele haben ihre traditionell hohen Zinsquoten reduziert, Anlagerichtlinien überarbeitet, höhere Aktienquoten zugelassen, sich auch anderen Anlageklassen geöffnet – unglücklicherweise denjenigen, die jetzt stärkeren Risiken ausgesetzt sind, etwa Immobilien oder Private Equity. Die Finanzrepression wird in Zukunft wohl eine Konstante bleiben. Wir hatten ja gehofft, dass das Thema irgendwann zu den Akten gelegt werden kann. Aber jetzt sehen wir, dass der Spielraum für Preisstabilität nur so weit trägt, wie die Systemstabilität nicht in Gefahr gerät, wie wir das jetzt beim Krisenmanagement der Silicon Valley Bank-Rettung gesehen haben.

FondsFibel: Was bedeuten solche Ereignisse für die Bekämpfung der Inflation?
Bernhard Matthes: Eine glaubwürdige Inflationsbekämpfung wird kaum mehr möglich sein, weshalb uns die negativen Realzinsen nach vorne erhalten bleiben werden. Dies liegt natürlich im politischen Interesse der hoch verschuldeten Staaten, die auf negative Realzinsen angewiesen sind, um ihre Schuldenberge, man müsste eher sagen Schulden-Himalayas, abzutragen. Insgesamt glauben wir, dass der Inflationsdruck strukturell hoch bleibt, aus ganz verschiedenen Themen. Krieg ist immer inflationär, zum anderen wirkt das Thema Onshoring sehr stark inflationär mit auf Jahre bestehender Nachfrage. Zudem laufen deflationäre Effekte in erster Linie aus. China hat jahrelang Deflation in den Westen exportiert, jetzt steigen auch dort die Lohnkosten sehr stark. Auch der Zerfall der Welt in zwei Lager, von der unipolaren zur multipolaren Ordnung, wird inflationär wirken, wie auch Demographie (Stichwort Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer) und vermutlich strukturell höhere Rohstoffpreise. Allerdings haben Länder wie Mexiko, Peru oder Brasilien deutlich niedrigere Inflationsraten als die Eurozone. Diese Regionen, die früher herablassend als Bananenrepubliken, als Hochinflationsgebiete klassifiziert wurden, haben heute teilweise eine höhere Disziplin und einen besseren Fokus auf Geldwertstabilität, als das bei EZB, FED oder Bank of England der Fall ist. Ein Ökonom der tschechischen Notenbank hat einmal gesagt: „Wir haben ein Auto konstruiert, das explodiert, wenn es stehen bleibt.“ Und genau das ist die korrekte Analogie zu unserem Finanzsystem. Alle reden über Nachhaltigkeit, aber niemand über die Nachhaltigkeit unseres Finanzsystems, das mit vielen problematischen Eigenschaften behaftet ist. Niemand redet über Generationengerechtigkeit (Stichwort Verschuldung). Die Antwort wäre eine Rückkehr zu solider Haushaltsführung. Die Staaten müssen von ihren Ausgabeorgien weg. Freiwillig werden sie das nicht tun. Politiker, die wiedergewählt werden wollen, begrenzen sich nicht im erforderlichen Maße.

FondsFibel: Es schwingt bei Ihnen ein eher pessimistischer Bias mit. Gibt es irgendetwas, wo positive Effekte herkommen könnten?
Bernhard Matthes: Die regionale Differenzierung ist da wahrscheinlich genau der richtige Fokus. Sehr viel Positives aus Europa würde ich mir jetzt nicht erwarten, weil da natürlich auch alles drangesetzt wird, die Erfolgsvoraussetzungen leichtfertig bis vorsätzlich zu beschädigen. Ein Gewinner werden natürlich die USA sein, man sieht ja jetzt schon die Wanderungsbewegungen, dass produzierendes Gewerbe aus dem Mittelstand zusammenpackt und dort produziert, einfach weil es dort verfügbare und bezahlbare Energie gibt. Die Amerikaner haben auch viel stärker als die Europäer ihre eigenen Interessen im Blick. Dass Subventionen die richtige Politik sind, würde ich als Freund der Marktwirtschaft nicht unterschreiben, aber es wird – wie beim sog. Inflation Reduction Act – praktiziert und verfehlt zumindest im Standortwettbewerb die beabsichtigte Wirkung nicht. In den Emerging Markets muss man sehen, wie diese Blockbildung – auf der einen Seite die westliche Welt, auf der anderen Seite die BRICS Plus mit überraschenden Annäherungen, etwa China und Saudi-Arabien – sich auswirken wird. Ich könnte mir vorstellen, dass es dort interessante Investmentmöglichkeiten gibt. Aber aus der Sicht dessen, der dort nicht ansässig ist, bestehen auch Risiken, wie wir jetzt in Russland gesehen haben. Sie wissen nicht, ob Ihr Invest morgen noch werthaltig sein wird oder ob Staaten, die sich aus westlicher Sicht nicht wohlverhalten, mit Sanktionen belegt werden und Sie nicht wissen, ob Sie morgen noch Zugang zu Ihren Investments haben, was gerade bei China eine aktuelle Frage ist.

vtfds2023 - 4. Virtueller Tag für das Stiftungsvermögen

FondsFibel: Also muss ich als Stiftung in jedem Fall auch mehr an Geopolitik denken?
Bernhard Matthes: Oder einen Verwalter haben, der das macht (lacht). Ja, und deutlich höhere Risikoprämien verlangen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Sicherlich bleibt trotzdem die Bewertung, dass viele EM-Währungen günstig bewertet sind, die haben gerade 2020 ihren ultimativen Stresstest überstanden. Sie hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Sie sind gegenüber den großen Krisen sehr viel resilienter geworden. Weniger Verschuldung, bessere Außenposition, viele haben ja unter Schmerzen eine vom IWF verordnete Rosskur durchgeführt. Heute sind diese Währungen oft resilienter gegenüber westlichen Währungen, die ihre Reformen noch vor sich haben. Aber bei uns oder in Italien oder Frankreich sehen wir mangelnde Reformwilligkeit und auch Reformfähigkeit. Die Unternehmen in Europa müssen sich ja mehr mit den Tiefen von Daten-, Brand- und Denkmalschutz beschäftigen, aber nicht mit ihrem Geschäftsmodell. Insofern sind Emerging Markets und die USA da attraktivere Standorte, ebenso Großbritannien als Brexit-Gewinner.

FondsFibel: Und unsere Anspruchshaltung ist vermutlich auch nicht mehr zeitgemäß.
Bernhard Matthes: Diese stellt eine Gefahr für den Wohlstand dar. Die Schuldenpolitik der letzten Jahrzehnte kann in jedem Fall nicht als nachhaltig bezeichnet werden. Gleichzeitig hat man sich gerade in Deutschland zu stark auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht und Innovationsfähigkeit verloren. Dabei spielt auch der Euro eine Rolle. Die feste DM zwang das Geschäftsmodell Deutschland, wie heute die Schweiz, zu beständiger Innovation und Weiterentwicklung. Und wenn wir uns alle gegenseitig nur noch Essen liefern, werden wir das Wohlstandsniveau sicher nicht halten können. Es geht eben um das Thema der geographischen Differenzierung in Europa, und auch das Thema der antifragilen Vermögenswerte spielt ein Rolle.

FondsFibel: Was genau heißt das?
Bernhard Matthes: Nach Nassim Taleb bedeutet antifragil nicht nur, dass etwas robust ist im Stressfall, sondern dass es unter allgemein ungünstigen Bedingungen gar profitiert. Da fällt mir zuallererst Gold ein. JP Morgan wusste schon vor über 100 Jahren: Gold is money, everything else is credit. Gold hat sich tatsächlich als kaufkrafterhaltende Währung bewährt und wertet seit Euro-Einführung 1999 zuverlässig mit acht, neun Prozent pro Jahr gegenüber dem Euro auf. Gold steigt in dem Maße an, in dem die Notenbanken vorsätzlich die Geldmenge verwässern. Auf lange Sicht kann Gold Kaufkraft wesentlich besser erhalten als Renten oder ähnliches mit über 2.000 Jahren akkumulierter Vertrauenshistorie. Papierwährungen kommen im Schnitt auf 30, 40 Jahre Lebenszeit.

FondsFibel: Weil Sie von Gold sprechen, in diesem Jahr jährt sich ja die Hyperinflation im Jahr 1923 zum hundertsten Mal.
Bernhard Matthes: Ich habe kürzlich von Frank Stocker, WELT-Journalist, das lesenswerte Buch ,,Die Inflation von 1923 – Wie es zur größten deutschen Geldkatastrophe kam “ gelesen, in dem auch Beispiele aus der damaligen Zeit, etwa Hungerrevolten, behandelt werden, worüber man sich heute gar keine Gedanken mehr macht, allenfalls noch aus Erzählungen kennt. Oder wenn Sie ein Haus verkauft haben, um ein neues zu kaufen, waren Sie ruiniert, weil Sie für den Erlös vielleicht noch ein Brot bekommen haben. Dieses „Nie wieder“, was in Deutschland lange Zeit galt und Bundesbank-Tradition, Bundesbank-Mentalität begründet hat, ist sehr stark in Vergessenheit geraten, auch weil es keine Zeitzeugen mehr gibt, die hiervon berichten könnten. Man hat den Deutschen ja auch immer den Willen zur Finanzstabilität zugeschrieben, der inzwischen stark nachgelassen hat. Und wenn wir einmal zurückschauen, welche Folgen die Hyperinflation sozioökonomisch und politisch hatte, ist es ein Spiel mit dem Feuer.

FondsFibel: Womit wir den Kreis zum Stiftungsvermögen schließen können. Welches Setup könnte ein zeitgemäßes für Stiftungen sein?
Bernhard Matthes: Das Modell Aktien und Gold ist für viele Stiftungen wahrscheinlich ein geeigneteres Setup als eine Grundausrichtung, die sehr stark Zins und Cash umfasst. Das ist ja die Beobachtung, dass viele Stiftungen aus dem genannten Verhalten immer noch recht zinslastig unterwegs sind. Wir orientieren uns sehr stark am Gedanken der Stiftungsfonds der US-amerikanischen Universitäten, die eine breite Diversifikation seit Jahrzenten erfolgreich praktizieren und nicht nur auf die Monokultur-Aktienrenten, sondern im Rahmen des Möglichen auch andere Risikoprämien ins Portfolio holen, die gerade nicht aktien- und zinskorreliert sind. Dies hat natürlich den Preis von etwas mehr Schwankungen, als eine typische deutsche Stiftung oftmals traditionell praktiziert hat, aber auch das muss man wieder langfristig betrachten. Langfristig sehen Sie Crashs wie jenen im Jahr 1987 oder 2008 oder 2020 kaum noch im Chart. Langfristig ist dieses Kurzfristige egal. Die großen Jahrhundertkatastrophen – Krieg, Währungsreform oder Hyperinflation – überleben Sie aber viel eher mit realen Sachwerten als mit Zinspapieren.  

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FondsFibel: Wieder mal ein sehr tiefer Einblick in die Statik des Finanzsystems und der Finanzmärkte, wir danken Ihnen sehr dafür.