Stiftungsvorstände wie ein Ärzteteam am Krankenbett

Wir blicken zurück auf den Berliner Stiftungstag 2022

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Dass sich Stiftungsvorstände wie ein Ärzteteam am Krankenbett um ihre Stiftung kümmern müssen, ist zugegebenermaßen ein recht hartes Bild. Dieses Bild stammt aber nicht von uns, sondern von einem Stiftungsvorstand, der dieses während des diesjährigen Berliner Stiftungstags prägte. Gemeint war damit aber weniger, dass Stiftungen heute kränkeln, sie sind eher mannigfaltig herausgefordert. So gesehen traf die 2022er Ausgabe des Berliner Stiftungstags den Nerv der Zeit, hielt sich mit dieser Analyse aber nicht auf. Der Blick richtete sich unter anderem auf den Stiftungssektor im Jahr 2032 – und dieser Blick hielt spannende Fragen bereit.

Für den Berliner Stiftungstag 2022 traf sich die Berliner Stiftungslandschaft im Roten Rathaus zu Berlin. Das Rote Rathaus kennt man, es liegt praktisch schräg gegenüber dem Fernsehturm, diesem zu DDR-Zeiten gebauten Wahrzeichen Berlins. Im Foyer ist ein Modell des Roten Rathauses aufgebaut, aus Legosteinen. Dort gehen die Dinge ihren Gang, und genau dieses Gefühl nehmen wir auch mit, wenn wir über die Berliner Stiftungslandschaft nachdenken. Denn was wir hörten waren sehr viele reflektierte Ansichten zum Stiftungssektor, und auch dessen Fortkommen im Morgen. Nicht zuletzt war in Berlin doch eine gewisse Begeisterung für die Stiftungslandschaft zu spüren, was nicht zuletzt an der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey lag.

Lehre Nummer 1: Stiftungstag geht auch mit großer Politik

Denn Franziska Giffey kam nicht nur zum Rundgang bei den Ausstellern vorbei, spielte quasi die Hausherrin, nein. Die Regierende Bürgermeisterin hielt ein fast schon flammendes Plädoyer für die Berliner Stiftungslandschaft, nannte dabei etliche Stiftungen direkt beim Namen. Sie war vorbereitet auf den Berliner Stiftungstag gekommen. Was sie mitbrachte waren einmal zwei Zahlen. In Berlin sind mittlerweile 1.049 rechtsfähige Stiftungen domiziliert, ihre Zahl ist – und das war sehr beeindruckend zu hören – in den 30 Jahren seit der Wende im Jahr 1989 um mehr als 800 gestiegen. Damals, vor 33 Jahren, gab es in Berlin kaum mehr als 200 Stiftungen. Der Stiftungsstandort Berlin ist also ein Erfolgsmodell, das muss so offen gesagt werden.

Det is Berlin wa
Eine Kapelle sorgte zwischendurch für gute Stimmung bei den Stiftungsverantwortlichen. Det is Berlin, waa?

Eine lebedinge Stiftungslandschaft kann zwischen Städten einen großen Unterschied machen

Franziska Giffey sagte aber auch noch einen sehr schönen Satz, der durchaus hängenblieb: „Der Mensch nimmt nichts mit. Aber welche Spuren kann der trotzdem hinterlassen?“ Um zu ergänzen: „Wer Engagement will, der muss Sinn geben.“ Da ist viel Wahres dran. Natürlich kam sie als Politikern auf den aktuellen Krisenmodus zu sprechen, sie nannte das Umfeld ein von multiplen Krisen geprägtes. Sie nannte aber auch das Beispiel der Älteren, die in Berlin schon ganz andere Krisen erlebt haben. Als Berlin in Trümmern lag, als Berlin geteilt war, das waren noch einmal ganz andere Zeiten. Umso wichtiger ist, dass Stiftungen weiter ihre wertvolle Arbeit leisten können, denn diese legitimiert ihre Existenz. Für Franziska Giffey sind demgemäß die Rahmenbedingungen entscheidend. „Eine lebedinge Stiftungslandschaft kann zwischen Städten einen großen Unterschied machen“. Womit sie definitiv Recht hat – und haben wird.

Lehre Nummer 2: Der Stiftungssektor 2032 braucht gute Entscheidungen in 2022

Um die Zukunft des Stiftungssektors ging es konkret in mehreren Workshops. Eine spannende Frage stand im Raum: „Müssen wir lernen neu denken, oder denken neu lernen?“ In einem Workshop des Deutschen Stiftungszentrums wurden zunächst einmal Beobachtungen mit dem Publikum geteilt. Einmal sei ein langfristiger Strukturwandel im Engagement erkennbar. Engagement sei schlichtweg nicht mehr so verbindlich wie früher. Hinzu komme, dass es zwar de facto nicht mehr Krisen in der Welt gäbe, uns diese aber via Social Media und Smart Phone viel frequenter und schneller erreichten. Derlei bedeutet, dass die Rahmenbedingungen für gemeinnützige Organisationen weniger belastbar seien. Zum Dritten, und hier steckte auch ein Ansatz für eine Erklärung so manchen Rückstands des Dritten Sektors mit drin, fahren Stiftung & Co. mehr auf Sicht.

Das Prinzip Apfelbaum

Der Blick in die Zukunft öffnet Gestaltungsspielräume

Aus diesen Beobachtungen resultiere ein höherer Anpassungsdruck für Stiftungen, Vereine, NPOs insgesamt, und die Erkenntnis, sich umfassender mit der Zukunft auseinandersetzen zu müssen. Hierzu wurde die Foresight-Methode vorgestellt, die ihre Anfänge in den Zeiten des Kalten Krieges hat. Diese Technik blickt viele Jahre voraus, sondiert Einflussfaktoren und Trendannahmen, baut Szenarien und leitet aus diesen konkrete Handlungsoptionen ab. Es gehe bei der Foresight-Methode weniger darum, herauszubekommen, welches Szenario am wahrscheinlichsten ist, sondern welches das Plausibelste wäre. Die Notwendigkeit, sich viel eingehender mit der Zukunft zu befassen, ist absolut logisch. Dort wo Anpassungsdruck auf ein anderes Umfeld trifft, existieren daneben auch vielfältige Chancen, die Zukunft zu gestalten. Für uns heißt dies übersetzt: Schaut eine Stiftung dezidiert ins Morgen, methodisch sauber und ohne Scheuklappen, dann sichert und erschließt sie sich in diesem Morgen Gestaltungskraft und Gestaltungsmacht. Genau das also, was relevantes Stiftungshandeln auch ausmacht.

Lehre Nummer 3: Der Fußabdruck des Stiftungskapitals kann etwas verändern

Auf dem Berliner Stiftungstag wurde Zukunft aber auch beim Thema Stiftungsvermögen aufgehangen. Stiftungsvermögen kann etwas bewirken, etwa indem beim Investieren bestimmte nachhaltige Parameter eingezogen werden. Stiftungen sollten dabei aber nicht zuerst nach Branchen oder Trends fragen, sondern sich selbst löchern. Wie stehen wir zum Wunsch nach Wachstum, wie gehen wir mit unseren Werten um, wie wichtig ist es für mich, beim Thema Stiftungsvermögen zu glauben, alle Fragen selber beantworten zu können. Stiftungsvermögen ist immer auch eine Art Ausdruck des Handelns der Stiftungsverantwortlichen. Würden hier Aktivitäten bspw. gebündelt, würde dieser Ausdruck kleiner oder gar nicht mehr wahrnehmbar sein. Dieses Bündeln ist in einer Welt, in der es scheinbar immer mehr Länder, Regionen und Menschen gibt, die unsere Werte nicht teilen, umso wichtiger. Kräfte zu bündeln, heißt die Zivilgesellschaft als Ganzes zu wappnen, für das das, was auf sie zukommt. Wir nehmen mit aus den Diskussionen: Hierzu hat jede Stiftung einen Beitrag zu leisten, exakt dann kommt der Sektor voran, hat mit Blick auf 2032 Chancen und Spielräume im Blick.

vtfds2023 Save the Date

Zusammengefasst

Der Berliner Stiftungstag 2022 war einer der Sorte „Det is Berlin, waaa?“. Mir gefiel diese Mischung der Themen, der doch recht offene Diskurs und auch das kritische Darlegen von Realitäten, die nicht allen Verantwortlichen im Stiftungssektor gefallen haben dürften. Dennoch ist es gut, dass es Foren wie eben jene regionalen Stiftungstage gibt, in denen diese Themen ihren Raum erhalten. Denn es ist wichtig, über das Morgen zu sprechen, mal Szenarien zu kreieren für den Stiftungssektor 2032. Nur so weiten Stiftungen den Blick, nur so entstehen notwendige Räume für Neues. Dass Franziska Giffey, die Regierende Bürgermeisterin Berlins, am Vormittag vorbeischaute, davon sollten sich andere Städte etwas abschauen. Und auch, wie Panels eröffnet werden können. Mit einer Jazz-Kapelle, die erstmal für Stimmung unter den Stiftungen sorgte. Wie jesaacht: Det is Berlin. Wa?