Schnuppert eine Stiftung ins Metaverse…

Unser drei Lehren vom Schweizer Stiftungstag 2023

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Lehren Schweizer Stiftungstag 2023
Lesezeit: 5 Minuten

Schnuppert eine Stiftung heute ins Metaverse hinein, wird sie nicht selten etwas schräg angeschaut. Metaverse? Man kann es auch übertreiben mit „modern sein“, so lautet immer noch nicht selten der Tenor. Auf dem Schweizer Stiftungstag schilderte eine Stiftung, die sich um das Wohl älterer Menschen sorgt und kümmert, wie ihre Reise ins Metaverse begann und welche Wellen diese Reise schlug. Zweierlei kochte in mir hoch: Ein „siehste, geht doch“, und ein „Wow!“. Das war aber nicht der einzige AHA-Effekt auf dem Schweizer Stiftungstag 2023 – unsere drei Lehren.

Der Schweizer Stiftungstag fand in diesem Jahr in Basel statt, dortselbst im von außen etwas kastigen Theater. Vom Bahnhof Basel SBB waren es gut 10 Minuten Fußweg, im Theater Basel angekommen war man direkt im Geschehen, und genau das macht für mich seit mehr als 10 Jahren den Schweizer Stiftungstag aus. Man kommt an, und ist mittendrin. Beim Ausziehen der Jacke konnte ich schon der Diskussion über Demokratie und was diese ist lauschen, im Programm standen dann noch unter anderem Panels etwas zu Stiftungen und KI, Stiftungen im Metaverse und der Überblick zu dem, was sich stiftungsrechtlich und im Stiftungsmarkt Schweiz überhaupt so tut. Diese Einblicke sind spannend, aber sie sind auch wertvoll. Die Schweizer Stiftungslandschaft ist damit nicht nur anonyme Stiftungsmasse, sondern sie wird in ihrer Vielfalt sichtbar.

Impressionen Schweizer Stiftungstag
Rund 300 Gäste waren beim Schweizer Stiftungstag 2023 im Theater Basel zugegen, das Thema zur Rolle der Stiftungen in der Demokratie war auf der Höhe der Zeit gewählt. Quelle: Bildarchiv stiftungsmarktplatz.eu

Lehre Nummer 1: Demokratie geht alle Stiftungen an

Es war ein Tippfehler, weil meine l-Taste hängt, also die mit dem kleinen „l“. Manchmal muss ich mir ein l kopieren, um es in den Text einzusetzen. Auf dem Schweizer Stiftungstag kopierte ich ein l mit einem i, was dazu führte, dass ich bei gelebter Demokratie geliebte Demokratie schrieb. Genau dieser kleine Schreibfehler wurde aber auch auf der Bühne im Panel darüber, was Demokratie ist und welche Rolle Stiftungen in dieser spielen, implizit diskutiert. Profonds-Chef Dr. Christoph Degen brachte in seiner Moderation des Eröffnungspanels auf den Punkt: „Stiftungen sind Töchter der Demokratie, ohne Demokratie gibt es Stiftungen nicht. In totalitären Systemen gibt es keine Stiftungen, dessen müssen sich Stiftungen Gewahr sein. Eine Stiftung die gegen die Demokratie arbeitet ist eigentlich suicidal unterwegs.“

Es waren Worte wie ein Donnerhall, Stefanie Bosshard von der Swiss Democrazy Foundation ordnete sie ein: „Wir müssen anfangen, die Demokratie zu feiern. Demokratie ist nicht selbstverständlich, und Stiftungen schaffen dabei vielleicht jene Räume, in jenen gerade junge Menschen das erste Mal mit Demokratie in Berührung kommen.“ Wenn wir also nach einer Rolle für Stiftungen fragen, um die Demokratie zu stärken, diese könnte eine Rolle sein, mit der ich sehr sympathisiere. Stiftungen pflegten darüber auch die sozialen Errungenschaften, die es ohne Demokratie nicht gäbe. Und nicht zuletzt könnten Stiftungen jene positiven Bilder der Demokratie malen, die viele Menschen heute nicht mehr mit ihr verbinden. Jene Bilder vom Glauben an die Zukunft, von der Freiheit des Einzelnen und von den Chancen, die die Demokratie allen eröffnet. Ich muss sagen, an dem Punkt kam ich ins Grübeln.

Mit Miriam Schwarz Schweizer Stiftungstag
Auf dem Schweizer Stiftungstag 2023 trafen wir unter anderem Miriam Schwarz, Stiftungsspezialistin bei Engagement Global. Quelle: Bildarchiv stiftungsmarktplatz.eu

Lehre Nummer 2: Stiftungen kreieren die Räume von morgen (mit)

Stiftungen sind Teil der Demokratie, sie sollten sich der engagierten Demokratie verpflichten. Diese engagierte Demokratie, die den Einzelnen nicht vereinnahmt, sondern ihm jene Verwirklichungsräume gibt, die in einer Diktatur nicht exitieren. Glauben Sie mir, ich bin in der DDR aufgewachsen, ich weiß, wovon ich rede an dieser Stelle. Stiftungen schaffen in diesem Kontext Räume, die jungen Menschen einen Zugang zu ihren Rechten in einer Demokratie vermitteln. Auch können Stiftungen jene Räume schaffen, in denen Quellenlehre betrieben wird, also jene kritische Distanz gegenüber Inhalten und vermeintlichen News vermittelt wird. Nicht jeder Influencer ist automatisch ein Experte, nicht jedes dort promotete Meinungsbild ist ausgewogen oder anhand von verlässlichen Quellen reflektiert zusammengesetzt worden. Von diesen Räumen brauchen wir mehr, von diesen Räumen müssen wir mehr hören, sehen und lesen, und Stiftungen sind in ihrer Unabhängigkeit dazu prädestiniert, diese Räume zu schaffen. An dieser Stelle hat de Schweizer Stiftungstag in diesem Jahr einen wichtigen, gesellschaftlich hochrelevanten Punkt gemacht.

Lehre Nummer 3: Im Metaverse ist noch Platz für Stiftungen

Meine dritte Erkenntnis aus dem 2023er Schweizer Stiftungstag ist jene: Stiftungen können Zukunft. Wir lauschten dem Vortrag des Chefs der Stiftung Pro Senectute, die sich um Wohl älterer Menschen kümmert und sorgt. Erst hörte ich nur mit einem Ohr hin, aber das was Michael Harr, der Geschäftsleiter der Stiftung Pro Senectute beider Basel dann für Insights lieferte, das begeisterte mich. Er erzählte vom „Ausflug“ seiner Stiftung in das Metaverse, er erzählte davon, wie die Stiftung im Metaverse Grundstücke kaufte, und wie sie das Geld dafür über den Verkauf von NFTs einwarb. Er berichtete, wie sich seine Organisation gegen Kritik und Widerstand durchsetzen musste, wie die Stiftung als Organisation gestärkt aus diesem Weg ins Metaverse herauskam. Eine Stiftung müsste so was auch aushalten können, denn das Bewältigen solcher Konflikte „sage viel über eine Stiftung aus“. Wie Recht er hat.

Michael Haar ließ die rund 300 Gäste des Schweizer Stiftungstag dann an den Folgen dieses Weges ins Metaverse teilhaben, und dort packte er uns dann. Plötzlich war die Stiftung in aller Munde, plötzlich war eine Stiftung, die mit dem Älterwerden befasst, state of the art, wie es so schön heißt. Die Idee hinter dem Gang ins Metaverse war eine einfache aber nachvollziehbare: „Wo erreiche ich die Menschen morgen?“ Michael Harr, rief dem Auditorium zu, dass es sich davon verabscheiden sollte, dass „sich ältere Menschen nur für Brettspiele interessierten. Die Welt ist vielfältig, also sind es die Interessen der älteren Menschen auch.“ Er brachte das Beispiel von Menschen mit, die „im Metaverse im Rollstuhl sitzend einen Berg erklimmen könnten, so wie sie sich dies schon lange gewünscht hätte. Wir können für ältere Menschen etwas kreieren, was es in der realen Welt nicht mehr gibt. Und das ist toll.“ Womit Harr wieder Recht hatte, und womit er letztlich allen Stiftungen ins Pflichtenheft schrieb, sich mit diesem neuen Raum der Möglichkeiten heute aueinanderzusetzen.

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Zusammengefasst

Was ist Demokratie, und was können Stiftungen tun, um sie zu feiern? Das war eine der Fragen, die auch in den Pausen die Gäste umtrieb, das Bild der engagierten Demokratie, das blieb hängen. Hier knüpfte der Schweizer Stiftungstag einige Fäden, die wir künftig zu einem großen Ganzen verweben müssen. Zu diesem Bild vom stifterischen Morgen passte auch der Impuls der Stiftung Pro Senectute zu ihrem Ausflug ins Metaverse – und wie derlei eine Stiftung und ihr Tun verändern kann, in kürzester Zeit. Es ist eine Mär, dass Stiftungen nicht Zukunft können, dass in Stiftungen nur in gesetzten Runden an den Themen gearbeitet wird. Stiftungen können Zukunft, und Stiftungen können Demokratie. Wir danken Christoph Degen und dem Team von profonds für den tollen Tag in Basel, und wir werden sehr gerne wieder dabei sein beim Schweizer Stiftungstag 2024.