Für Unternehmen reicht es nicht mehr aus, an bekannte NGO’s zu spenden

Wir blicken voraus auf die Jahrestagung von Stiftung & Sponsoring am 25.4.2023 – mit Karenina Schröder, Geschäftsführerin von Wider Sense

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Interview Karenina Schröder
Lesezeit: 5 Minuten

Die Unternehmensspende an eine Stiftung geben, um damit die Aufgabe CSR zu erledigen – damit ist es schon längst nicht mehr getan. Unternehmen treten stattdessen in den Wirkmarkt ein, professionalisieren ihre CSR-Bemühungen und werden damit zum Konkurrenten auch für Stiftungen. Oder nicht? Dazu sprachen wir im Vorfeld der Jahrestagung von Stiftung & Sponsoring am 25.4.2023 mit Karenina Schröder von Wider Sense. Wir lernen: N‘ bisschen CSR bzw. Scheck gegen Kinderlächeln, diese Zeiten sind vorbei.

#stiftungenstärken: Sie sind Expertin für CSR. Wie wird man das eigentlich?

Karenina Schröder: Also zunächst Mal: Spaß an zivilgesellschaftlichen Themen. Ich arbeite seit 25 Jahren im Dritten Sektor und bin seit zweieinhalb Jahren in der Geschäftsleitung von Wider Sense. Davor war ich wie gesagt 25 Jahre vor allem bei internationalen NGO’s beschäftigt, darunter zehn Jahre bei Transparency International und 15 Jahre beim International Society Centre, einem Zusammenschluss vieler internationaler Zivilgesellschaftsorganisationen. Meine Themen waren dabei meist: Strategie, Beratung, Organisationsentwicklung und Wirkungsmessung.

#stiftungenstärken: Von diesen Disziplinen ist es zum Thema CSR nicht mehr weit. Ist die CSR-Strategie (CSR ist die Abkürzung für Corporate Social Responsibility) als neues Thema in ihrer Tätigkeit hinzugekommen?

Schröder: Ja und Nein. Bei CSR geht es im Endeffekt auch um Sozial- und Umweltprojekte, nur dass diese nicht von NGO’s und Stiftungen durchgeführt werden, sondern das Geld, Sachmittel und manchmal auch technische Ressourcen von Unternehmen kommen.

#stiftungenstärken: Dass Unternehmen in den Wirkungsmarkt eintreten, ist für viele wahrscheinlich noch eine neue Nachricht. Erklären Sie gerne, was dahintersteckt.

Schröder: Bei Wider Sense beobachten wir, dass sich CSR in den letzten Jahren deutlich professionalisiert hat. Unternehmen achten bei Gemeinnützigkeit nicht mehr nur auf Bilder und beindruckende Zahlen, sondern vermehrt auch auf das Wirken des eigenen Handelns, also ob Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft messbar sind. Für einen großen internationalen Pharmakonzern haben wir kürzlich Kriterien zur Wirkungsmessung für deren Bildungsprojekte in Indien, Lateinamerika und Europa entwickelt. Die Ergebnisse welche dann in den ESG-Bericht des Unternehmens einfließen werden. Gerade auch die Nachhaltigkeits- und Purpose-Debatte treibt Unternehmen um: Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels hoffen sie, durch Engagement für Soziales und Umwelt junge Mitarbeitende leichter anzusprechen. Natürlich hat es die Wirtschaft als Akteur in Krisenzeiten schon immer gegeben – vor allem als Spenderin. In jüngster Zeit beobachten wir jedoch eine zunehmende Professionalisierung des Engagements – es geht also um mehr als den „Scheck gegen Kinderlächeln“.

Veranstaltungs-Tipp:
Am 25.4.2023 findet in Berlin in den Räumlichkeiten der ESV Akademie die Jahrestagung von Stiftung & Sponsoring statt, die wir sehr gerne als Plattformpartner begleiten. Das Motto in diesem Jahr lautet „Reform und Aufbruch – wie Stiftungen aus Herausforderungen Chancen machen“.
Ein Hinweis noch: Bis zum 3.4.2023 können Sie sich Ihr Ticket für die Jahrestagung zum Vorzugspreis sichern.

#stiftungenstärken: Gibt es auch Unternehmen, die sich hauptsächlich auf regionales Engagement konzentrieren? Gerade bei globalen Konzernen stelle ich es mir das ein wenig schwieriger vor.

Schröder: Wir arbeiten tatsächlich eher mit größeren Unternehmen zusammen. Natürlich ist  gerade bei kleineren, familiengeführten Unternehmen das regionale Engagement besonders stark ausgeprägt. Aber auch bei den großen Konzernen gibt es immer einen regionalen Aspekt. So sehen die eben erwähnten Bildungsprogramme des Pharma Konzerns in Indien ganz anders aus als in Deutschland. Es gibt auch immer lokales Engagement von Belegschaften, das je nach Kontext regional sehr unterschiedlich und angepasst ist.

#stiftungenstärken: Wie gehen Unternehmen bei der Ausrichtung ihres Wirkungshandelns vor?

Schröder: Das kann auf zwei Ebenen stattfinden. Die einen schauen genauer auf ihr gesellschaftliches Engagement in verschiedenen Ländern und Themen, entwickeln entsprechende Indikatoren, ein Monitoring System und Berichtswesen. Weiter Fortgeschrittene schauen auch noch, was das Corporate Engagement mit dem Kerngeschäft des Unternehmens zu tun hat und ob es hier Synergien gibt. Die Deutsche Post DHL Group ist ein gutes Beispiel hierfür. Sie verfügt über eine enorme Konzernkompetenz im Bereich der Logistik. Durch eine Partnerschaft mit den Vereinten Nationen können bei Ausbruch von Katastrophen und Krisen, wie beispielweise das Erdbeben in der Türkei und Syrien oder dem Ukrainekrieg, sofort abrufbare Logistik zur Verfügung gestellt werden, um  benötigte Güter in die Krisengebiete zu bringen. Das ist eine hochprofessionelle Unterstützung für NGO‘s, welche aus dem Kerngeschäft des Konzerns gewachsen ist. Ein weiteres Beispiel ist das Engagement der SAP: Ihre Programmierer unterstützen NGO’s aktiv dabei, IT-Probleme zu lösen. Im Bereich der Professionalisierung von Wirkungsmessung gibt es beispielsweise einen weltweit tätigen Konsumgüterhersteller, der während der Corona-Pandemie einen sehr großen Betrag an zwei NGO’s gespendet hat, die sich für die Bildung von Mädchen einsetzen. Wider Sense wurde nun beauftragt, die Wirksamkeit dieser Spenden zu evaluieren. Für Unternehmen reicht es nicht mehr aus, an bekannte NGO’s zu spenden. Vielmehr soll die größtmögliche Handlungswirksamkeit erzielt werden.

#stiftungenstärken: Unternehmen werden also deutlich zielstrebiger. Können sich Stiftungen dann in ihrem Handeln noch mit Unternehmen messen? Schließlich können gerade Großkonzerne auf viel mehr Mittel zurückgreifen. 

Schröder: Ich glaube, das ‚Sich-miteinander-messen‘ ist irrelevant. Es geht vielmehr um eine Neubestimmung des eigenen Beitrags. Wenn neue Akteure auf den Plan rücken, sollte sich eine Stiftung darüber Gedanken machen, ob sich ihr Beitrag dadurch verändert. Unternehmen werden sich zuvorderst an leicht skalierbare Aufgaben wagen, wie das Bereitstellen von Impfungen. Stiftungen dagegen könnten in diesen Bereichen überlegen, ob sie mit Unternehmen kooperieren möchten oder ob sie stattdessen andere Nischen bedienen, um wirklich innovative und vielleicht auch leicht riskantere Lösungen auf den Weg zu bringen. Mit der wachsenden Rolle von Unternehmen im Sozial- und Umweltbereich könnten Stiftungen z.B. stärker auf Exploration, Innovation und Risiko setzen oder die Verbreitung von guten Ansätzen in Zielgruppen, die Unternehmen nicht erreichen. SAP hat z.B. eine Software entwickelt, die Unternehmen bereits beim Vorgang des Einkaufs mit klimarelevanten Informationen versorgt. Das ist potentiell ein großer Hebel, um die Beschaffung von Unternehmen umweltfreundlicher zu gestalten. Eine Umweltstiftung könnte nun z.B. zusammen mit SAP für die Nutzung dieser Software auch bei Stiftungen und der Zivilgesellschaft sorgen.

#stiftungenstärken: Ist wirkungsorientiertes Handeln für Stiftungen essenziell oder kann hierauf in manchen Situationen auch mit guten Gründen verzichtet werden?

Schröder: Bei wirkungsorientiertem Handeln sind vor allem die größeren NGO’s bereits weiter als Stiftungen, was eine historische Ursache hat: In den 90er Jahren haben externe Geldgeber wie die GIZ oder Sida ein stringenteres Berichten von NGO’s gefordert. Bei Stiftungen hingegen wird so etwas nicht von außenstehenden Akteuren eingefordert und wirkungsorientiertes Handeln ist somit bisher weniger stark ausgeprägt. Aber es tut sich viel in diesem Bereich – auch bei Stiftungen.

#stiftungenstärken: Gerade Spender und Spenderinnen einer Stiftung könnten dies jedoch einfordern.

Schröder: Ja, das kann gut sein. Eine Stiftung lebt aber meistens nicht von Spenden, sondern von Endowments. Aber natürlich gibt es auch Stifterfamilien und Stiftungen, die sehr darauf achten, dass die gewünschte Wirkung auch erzielt. Im Übrigen ist auch die Wirtschaft in Sachen Wirkungsmessung noch sehr am Anfang. Ich glaube allerdings, dass sich die Wirtschaft diesbezüglich schneller bewegt als der Stiftungssektor – auch weil es in die neuen ESG-Berichte einfließen wird.
Stiftungen sollten auch noch mehr in ein Wirk-orientiertes Handeln investieren. Allerdings gehört auch zur Wahrheit dazu, dass Wirkungsmessung in einigen Bereichen wir z.B. Förderung von Demokratie viel schwieriger ist, als bei Impfungen, die man am Ende nur zählen muss. Wichtig ist, dass man immer wieder Proxis findet, wie Fortschritte doch erkannt und bewertet werden können, um ggf. nachzusteuern und immer auf dem bestmöglichen Kurs Richtung Wirkung zu bleiben.

#stiftungenstärken: Steigt der Professionalisierungsdruck für Stiftungen, indem Unternehmen als Akteure hinzutreten?

Schröder: Man muss sich zunächst fragen, was Professionalität hier überhaupt bedeutet. Vermutlich werden Unternehmen schnell effiziente Systeme aufbauen, mit denen gemessen wird, ob die Mittel richtig allokiert und die Effekte erzielt wurden. Das richtig interessante an Wirkungsmessung ist aber im Vorfeld wirklich strategisch darüber nachzudenken, was der echte komparative Vorteil eines Akteurs – wie z. B. einer Stiftung oder auch eines Unternehmens ist – und dieses optimal für die Wirksamkeit im Feld einzusetzen. Wenn Stiftungen z. B. den Vorteil haben, dass sie mehr ins Risiko und die Innovation gehen können, als die meist etwas konservativeren CSR-Abteilungen von Unternehmen, dann sollten sie dies nutzen. Dann lässt sich professionell beurteilen, welche Bereiche offen für Innovationen sind, wo es sich lohnt, Risiken einzugehen, oder wo ein konkreter lokaler Beitrag geleistet werden kann, den sonst keiner leistet. Statt „Professionalisierung“ würde ich von „Strategieentwicklung“ sprechen. Ein Vergleich mit anderen Handlungsakteuren ist also vielmehr ein „Reality-Check“ für Stiftungen und eine Chance für Neuorientierung als Professionalisierungsdruck.

#stiftungenstärken: Über Chancen sprechen wir aus Stiftungssicht besonders gerne, insofern danken wir Ihnen für Ihre Zeit und auch für die neuen Denkanstöße.

Das Gespräch führten Hanna Günther (h.guenther@stiftungsmarktplatz.eu) & Tobias Karow (t.karow@stiftungsmarktplatz.eu).