Welchen Stiftungssektor wollen wir

Gedanken zur Frage, wie ich das scheue Reh Erbmasse in meine Stiftung lotse

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Welchen Stiftungssektor wollen wir
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Wie steht es um die deutsche Stiftungslandschaft anno 2026? Ist sie stark, verfasst, innovativ, schnell, visibel, kraftstrotzend? Ja und Nein. Vieles von dem, was sich künftig im deutschen Stiftungssektor abspielen wird, hängt unseren Beobachtungen nach davon ab, dass sich Stiftungen hierzulande freischwimmen. Speziell kapitalseitig kann die Unterausstattung vieler deutscher Stiftungen zum Problem werden – und den Pfad, den die Stiftungslandschaft beschreiten könnte, beschwerlicher machen. Drei Gedanken dazu.

Eigentlich ist der deutsche Stiftungssektor eine Erfolgsgeschichte. Seit Jahrhunderten steht er für gesellschaftliches Gelingen. Nach dem Melt Down des Sektors im Nachgang zu den beiden Weltkriegen konnte sich der Sektor konservieren, und ab 2000 auch wieder reaktivieren. Der Stiftungsboom seitdem sucht seines Gleichen. Deutschland ist hier spitze, der deutsche Stiftungssektor ist der zweitgrößte der Welt. Wir können stolz auf das sein, wofür der Sektor steht, was er bewirkt, welche Funktion er ausübt in diesem unserem Gesellschaftsgebilde. Aber, diese Erfolgsgeschichte ist eben auch eine Erbfolgegeschichte. Die den Sektor konstituierende Stiftungsvermögensmasse ist Erbmasse, das was hier noch kommt qua Erbengeneration wird den Sektor aus den Angeln heben.

Unentbehrlich sein heißt unentwegt an sich arbeiten

Gleichzeitig haben sich im Sektor auch viele Prämissen und Prinzipien vererbt, die deutschen Stiftungen auch ein Stück weit den Weg verbaut, noch unentbehrlicher zu sein für das deutsche Gemeinwesen. Der deutschen Industrie und der deutschen Start-up-Landschaft fehlt es am Zugang zu Kapital. Nicht das Kapital fehlt also, sondern der Zugang dazu. Analysen zeigen, dass die etwas ist, was Europa eint. Sämtliche 80 industriellen Cluster leiden darunter, nur schwer Zugang zu Kapital zu bekommen. Die Parallele zum Stiftungssektor ist um eine um die Ecke. Natürlich haben Stiftungen ein Stiftungsvermögen, aber ihr Zugang zu neuen Kapitalspielräumen, zu neuen Möglichkeiten, die Einnahmeseite zu stärken, fußt auf professionellerem Vermögensmanagement und professionellem Donor Management. Genau hier stehen Prinzipien wie „Ertragreich und sicher“ und Prämissen wie „Niemand kann uns zwingen, zu zeigen, was wir tolles machen“ schlichtweg im Weg. Stiftungen müssen auf die Einnahmesphäre anders schauen.

Wer Stiftungen in Frage stellt, stellt Konsense unseres Gemeinwesens in Frage

Auch die deutsche Stiftungslandschaft muss erkennen, wie sich der Zeitgeist verändert hat. Und er hat sich verändert. Der Stiftungsgedanke wird in Frage gestellt. Von Politikern, die nicht sehen, was Stiftungen leisten, und auch von den neuen Erben, die nicht mehr an das Konstrukt Stiftung glauben. An dieser Veränderung des Zeitgeists hängt auch die Frage, welche Stiftungslandschaft wir wollen. Wir wollen sicherlich eine Stiftungslandschaft, die sich nicht im Kleinen verliert, die – so sie ihre Kräfte bündelt – Großes für unser Gemeinwesen bewirken kann. Wir brauchen eine Stiftungslandschaft, die sich bewusst ist, dass sie nur als kapitalstarke Einheit auch Impulse setzen kann, und dass ihre Kapitalstärke auch ihre Existenz sichert.

LeseTipp:
Ist die Mission 6% für Stiftungsvermögen zu ambitioniert? Aber sichert nicht diese Ambition auch den Zugang zur neuen philanthropischen Masse? Unser VTFDS 6% Mission Statement.

Wie ziehst Du das scheue Reh namens Kapital an?

Eine kapitalstarke Stiftungslandschaft wiederum ist sich auch dessen Gewahr. Sie weiß, dass sie weiteres Kapital anziehen kann und wird und damit in der Lage sein kann, ein Perpetuum mobile des Gelingens zu bauen. Genau mit diesem ist sie dann „draußen“ so sichtbar, dass man am Sektor nicht vorbei kann und schlecht daran täte, ihn anzugreifen, in Frage zu stellen, oder zu ignorieren. Auf eine allgemeine Stiftungs- und NGO-Skepsis wäre genau das die passende, richtigerweise aktive wie zeitgemäße Antwort. Damit eine Stiftung aber Kapital anzieht, muss sie sich häuten. Sie muss das Anlagemanagement des Aussitzens hinter sich lassen, das Verwalten der Stiftungskapitalien ohne Ziel, das Anlegen des Stiftungsvermögens ohne jegliche konzeptionelle Idee und jegliche Ambition.

Advantage Stiftungslandschaft

Für die Welt, in der wir in 10 oder 20 Jahren leben, haben Stiftungen einen ganz entscheidenden Vorteil. Sie sind mit ihrem Gelingen nahe am Menschen dran. Sie werden eine Branche sein, in der KI-gestützte System und Prozesse das Gelingen ermöglichen, aber das Spielen mit Kindern, das Sitzen am Bett eines Palliativpatienten, das Trösten eines Jugendlichen, das Motivieren eines Jungstudenten, das wird Aufgabe von Menschen sein. Im Wettbewerb um das Dasein in einer Arbeitswelt, in der KI Vieles wegrationalisieren wird, haben Stiftungen, hat der Stiftungssektor diesen einen Vorteil. Spielt sie diesen richtig aus, indem sie sich professionell aufstellt, wird die Erbmasse gar nicht anders können, als sich der Stiftungslandschaft in großem Maße zuzuwenden, dem Sektor damit Motor sein, weiter zu wachsen. Auch Erbmasse ist ein scheues Reh, das nur dort anlandet, wo es gut umsorgt wird.

Zusammengefasst

Ambitions- und ziellos Stiftungsvermögen zu verwalten, das muss der Vergangenheit angehören. Auch die schweigende Masse muss kleiner werden. Wer sich mit der Stiftungslandschaft von morgen auseinandersetzt, der muss sich auch mit der Arbeitswelt von morgen auseinandersetzen. Denn Stiftungen, die verstehen, welchen Wettbewerbsvorteil sie ob ihrer Instrinsik haben, werden das schnell unter anderem in professionelleres Vermögensmanagement und professionelles Donor Management übersetzen, sich damit neue Zugänge bauen. Die Stiftungslandschaft steht in den kommenden 20 Jahren genau dann vor einer weiteren Blüte, wenn sie hier mit dem Zeitgeist geht. Die Welt ist ruppiger, rauer, der Stiftungssektor spürt hier und da bereits den Atem der – ich nenne sie jetzt mal so – Neider. Ob diese auch zu Geiern werden, das hat der Stiftungssektor, das hat die Stiftungslandschaft selbst in der Hand. Beziehungsweise: Das hat jede Stiftung, jede einzelne (Frage Dich, was Du mit Deiner Stiftung für den Sektor tun kannst…), für sich in der Hand. Jede für sich. Genau das ist auch der Stiftungssektor, den wir uns alle wünschen sollten.