Hands-on: Hilfe im Ukraine-Krieg aus der Mitte der Zivilgesellschaft

Ukraine-Krise AKTUELL: Zwei Studenten wollen nicht nur zusehen, sie packen selbst mit an

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youth for Ukraine
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Ukraine-Krise AKTUELL: An der ungarischen Grenze zur Ukraine ist es unübersichtlich. Zuallererst sind da die vielen Zivilisten, die vor dem Krieg fliehen. Man sieht hochbewaffnete Beamte vom Grenzschutz, und natürlich auch die Transporter und Mitglieder vieler Hilfsorganisationen. Mitten in diesem Geschehen: Zwei Studenten aus Passau, Vincent Freytag und Vincent Fottner, zwei Freunde, die nicht anders handeln konnten, als vor Ort zu helfen. Vor ein paar Tagen gaben sie sich den Namen Youth pro Ukraine, nachdem bereits Tonnen von Hilfsgütern an die Menschen vor Ort gebracht, Beförderungsmöglichkeiten für Flüchtende organisiert und ein Netzwerk mit Behörden und Hilfsorganisationen aufgebaut werden konnten. Ein Gespräch mit Vincent Freytag über eine Bewegung aus der Mitte der Zivilgesellschaft.

Hilfe bei der Flucht

Ich erreiche Vincent Freytag im Auto, auf einer ungarischen Straße Richtung ukrainischer Grenze. Er und Vincent Fottner, Mitinitiator von Youth pro Ukraine, werden dort die Familienangehörigen einer in München lebenden Ukrainerin, die ebenfalls mit Freund im Auto ist, abholen. Auch eine Schlafmöglichkeit für die Familie hat die Initiative bereits organisiert. Nur der Vater kann nicht mit ausreisen, er wird die Ukraine im Krieg verteidigen. Sie können ihm zumindest ein Paket mit medizinsicher Grundversorgung dalassen, zusammengestellt aus Spendenmitteln. Es sind viele Hilfegesuche wie diese, die Freytag und Fottner seit den letzten Tagen erreichen.

Für die Menschen aus der Ukraine werden massenhaft Hilfsgüter gesammelt, alles, um den Flüchtenden schnell mit dem Nötigsten zu helfen. Foto: Vincent Freytag/Vincent Fottner

Wie alles seinen Anfang nahm

Freytag ist für sein Auslandssemester in Budapest, als am 24. Februar 2022 Putin in die Ukraine invadiert. Knapp 900 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den beiden Hauptstädten Budapest und Kiew. Tausende aus der Ukraine Geflüchtete kommen in Zügen am Budapester Hauptbahnhof an. Die räumliche Nähe zur Ukraine drängt ein Handeln nahezu auf. Also starten Freytag und Fottner nur wenige Tage später einen Aufruf über Instagram: „Wir haben ein PayPal-Konto für Spenden eingerichtet. Mit dem Erlös wollen wir das kaufen, was die Menschen hier dringend brauchen“. In Budapest stellt Freytag einen Kontakt zur Ukrainischen Selbstverwaltung her. Diese von der ukrainischen Minderheit in Budapest betriebene Organisation steht im direkten Kontakt zu den Menschen in der Ukraine.

Ein Aufruf wird zur Bewegung

Zwölf Stunden nach dem Aufruf sind bereits 2000 Euro auf dem Spendenkonto eingegangen, viele von Freunden, Kommilitonen und Bekannten. Eine Woche später sind es über 16000 Euro. Zudem richten sie in einem Passauer Nachtclub eine Sammelstelle für Sachspenden ein, drei große weiße Transporter werden voll beladen, welche ebenfalls von lokalen Unternehmen gesponsert sind. Passauer Studierende, Einheimische, Leute aus der Umgebung und Menschen, die von der Aktion Wind bekommen haben und helfen möchten, tragen Sachspenden zusammen. Personenbeförderungen aus der Ukraine, über Ungarn, Österreich bis nach Deutschland werden organisiert. Die Hilfsgüter müssen sortiert und gebündelt, Kontakt zu Personenbeförderungsunternehmen und Organisationen hergestellt werden, Aufrufe und Updates an die Followerschaft gehen raus.

Effektiv und zugleich so nah am Geschehen

So organsierte das Kollektiv am Wochenende die Evakuierung von zehn Waisenkindern, welche in Begleitung eines Betreuers aus Kiew über die ukrainische Grenze nach Düsseldorf gebracht werden sollten. Intensiv wurde sich mit Bahnunternehmen und Fluggesellschaften verständigt, bis nach einem Aufruf im nordrhein-westfälischen Radio eine möglichst behutsame Evakuierung per Bustransport ermöglicht werden konnte. Was diese zwei und ihr Team in kurzer Zeit logistisch auf die Beine stellen, das kommt der Professionalität einer NGO gleich. Am darauffolgenden Donnerstag sind die Kinder bereits auf dem Weg nach Deutschland, als Proviant hat das Team am Abend zuvor noch Brote geschmiert.

Die Ukraine-Krise bzw. der Ukraine-Krieg ist an den Grenzen der EU insofern angekommen, als dass hier Menschen anlanden, die ob ihrer Flucht vor den Kriegswirren schneller Hilfe benötigen. Foto: Vincent Freytag/Vincent Fottner

Die Dinge selbst in die Hand nehmen

Woher kommt diese Motivation aus Teilen der Zivilbevölkerung, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen? Spenden an eine der vielen etablierten Organisationen konnte der verspürten Hilfslosigkeit nicht abhelfen, erklärt Vincent Freytag. Es klingt zuerst vielleicht ein wenig waghalsig, sich auf eigene Faust zu organisieren und an die Grenze eines Landes zufahren, in dem ein Angriffskrieg ein Land und seine Menschen bedroht. Youth pro Ukraine unterbindet jedoch Fahrten in die Ukraine, soweit es eine Alternative vor Ort gibt und arbeitet zu diesem Zweck im engen Kontakt zu den Behörden und den in der Ukraine aktiven Organisationen. Es wird kein unnötiges Risiko eingegangen, Youth pro Ukraine ist weit entfernt von ahnungslosem Aktivismus.

Zusammen stärker über Social Media

Es ist schwer vorstellbar, dass die Initiative ohne Social Media und den direkten Austausch zu ihren Unterstützern so schnell und effektiv Hilfe leisten könnte, wie sie es tut. Das Internet, insbesondere Social Media, bringt uns das Schicksal von Menschen in Notlagen näher als je zuvor, verleiht ihnen eine mediale Stimme und Gesicht. Gleichzeitig prasseln zahlreiche Bilder und Nachrichten auf uns ein. Ständig verändert sich die Situation. Es fällt schwer, die Gedanken zu ordnen. Vielleicht ist dies neben altruistischen Motiven auch einer der Gründe, weshalb die Unterstützung für private Initiativen so schnell so groß werden kann, wie sich an dem Beispiel von Youth pro Ukraine verdeutlichen lässt. Wir sehen die zwei Studenten und ihr Team, während sie Hilfsgüter verladen und Transporte organisieren, wie reagieren auf Aufrufe und wollen Teil einer Lösungsfindung sein. Es gibt unserem Gehirn ein Gefühl von Ursache und Wirkung. Nebenbei bemerkt: Genau das sollte auch Stiftungskommunikation vermitteln.

Es ist weniger eine Frage des „Wies“, sondern mehr des „Warums“

Wie wird es nun in der nächsten Zeit für die zwei Vincents von Youth pro Ukraine und ihrem Team weitergehen? Diese Frage können sie momentan noch nicht beantworten. Je größer das Projekt wird, desto größer werden auch die logistischen Herausforderungen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Hygieneartikeln, Medikamenten, Thermounterwäsche, Schlafsäcken für Menschen in Not. Selbst die größeren Hilfsorganisationen scheinen an das Limit ihrer Kapazitäten zu gelangen. „Die Lage ist sehr unübersichtlich. Es gibt keine Planungssicherheit, man kann nicht vorhersagen, wo man morgen ist. Es verändert sich halbtäglich.“, beschreibt es Freytag. Und fügt zum Ende unseres Gesprächs hinzu: „Jeder kleinste Erfolg motiviert zum Weitermachen.“ Es sind noch 30 Kilometer bis zur Grenze. Dann werden sich der ukrainische Vater und seine Tochter noch einmal in die Arme schließen können.

Spenden und Kontakt zu Youth pro Ukraine

PayPal: Help for Ukrainian refugees in Hungary, https://www.paypal.com/pools/c/8HGOakqmoa

Sachspenden (Hygieneartikel, Medikamente, Thermounterwäsche, Schlafsäcke) werden weiterhin benötigt, es sind Sammelstellen von Organisationen in vielen deutschen Städten eingerichtet. Erkundigen Sie sich, was konkret benötigt und vor Ort gesammelt wird.

Es werden laufend FahrerInnen gesucht, die sich zur Personenbeförderung oder zum Hilfsgütertransport anbieten.

Kontaktaufnahme über:

Mail: youthproukraine@gmail.com

Instagram: youthproukraine