Eine Stiftung kann im Vermögen grundsätzlich alles

Wie ein Stiftungsberater einen richtigen Mix aus Stiftungsfonds zusammenstellt

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Eine Stiftung kann im Vermögen grundsätzlich alles
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Jörg Müller ist im Beraten und Betreuen von Stiftungsvermögen ein alter Haase. Für ihn ist jede Stiftung ein individuelles Gebilde, das in der Vermögensanlage ganz individuelle Ziele verfolgt, und entlang dessen berät er jede Stiftung und entwickelt eine Idee für eine Portfolioallokation. Dass diese in der Regel aus Stiftungsfonds und stiftungsgeeigneten Fonds besteht, hat einen einfachen Grund: Hierüber lässt sich besagte Individualität einfach sehr gut und buchhalterisch überschaubar abbilden. Wir haben Jörg Müller mal in einer Beratungssituation begleitet.

Wir treffen Jörg Müller im Rheinland, mit seinem Unternehmen Advice & Opinion begleitet er Stiftungen vor allem in der Frage, wo ordentliche Erträge auch künftig noch herkommen und wie Stiftungen ihr Stiftungsvermögen perspektivisch richtig aufstellen. Denn heute ist heute, und morgen ist morgen, weiß der Vermögensprofi zu berichten. „Jetzt, nach der aller Voraussicht nach sicheren Wahl von Joe Biden zum nächsten US-Präsidenten und dem Finden eines ersten richtigen Corona-Impfstoffes ist die Welt schon wieder eine andere als noch vor vier Wochen.“ Genau auf diese Unberechenbarkeit muss Stiftungsvermögen heute reagieren, und die Unsicherheiten werden nicht weniger werden, da ist sich Jörg Müller sicher.

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3% ORDENTLICHER ERTRAG GEHT NICHT MEHR NUR MIT ANLEIHEN

Die Ausgangssituation für die zu beratende Stiftung ist denkbar einfach, einerseits. Denn es muss einfach gewährleistet werden, dass ordentliche Erträge in ausreichendem Maße fließen. Andererseits gilt es stets, die stiftungsspezifische Struktur einer Analyse zu unterziehen. Für Jörg Müller kein Neuland: „Wir haben schon vor zehn Jahren Stiftungen darin unterstützt, ihre Anlagerichtlinie zu überarbeiten, die bestehenden Anlagen auf mögliche Risiken abzuklopfen und nach neuen Quellen für ordentliche Erträge im Rahmen einer Asset Allocation zu suchen. Heute ist es nur so, dass die Anleihe oft ein Totalausfall ist.“ Was er damit meint ist jeder Stiftung mittlerweile klar. Brauche ich 3% ordentlicher Ertrag, und liefern 70% meines Stiftungsvermögens, weil in Anleihen investiert, nur mehr 0,5% Zinsen pro Jahr ab, wird es nix werden mit den 3%.

FÜR STIFTUNGEN SIND SCHWANKUNGREN KEIN RISIKO

Stiftungsverantwortliche sind sich dessen gewahr, wissen, dass viele Stiftungsfonds genauso aufgestellt sind, davon ist Jörg Müller überzeugt. Aber er weiß auch, dass sich viele Stiftungen schwer damit tun, ihre Schlüsse daraus zu ziehen. „Weil sie Angst haben, einen Fehler zu machen, weil sie Angst vor Verlusten haben. Aber gerade für Stiftungen sind Schwankungen kein Risiko, weil sie diese aussitzen können, solange die ordentlichen Erträge kontinuierlich kommen.“ Entsprechend ist sich der Stiftungsexperte sicher, dass Stiftungen den Aktienanteil nach oben nehmen und entsprechend an ausschüttungsorientierte wie -starke Aktienfonds kaum vorbeikommen. Auch weil dadurch das Stiftungsportfolio einen zunehmenden nachhaltigen Fußabdruck bekommt.



PODCAST-TIPP:
Mit Jörg Müller sprachen wir auch in Folge 23 unseres FreitagsPodcasts AHOI, NPO! dazu, wo es noch Zinsen gibt und wie sich Stiftungen auf den Weg machen, solche Investments in ihrem Portfolio zu berücksichtigen. So viel vorab: Man muss bis zum Tellerrand, und dann noch ein bisschen weiter. https://stiftungsmarktplatz.eu/blog/hinterm-tellerrand-gibts-zinsen/ 

ES GEHT UM ECHTE NACHHALTIGKEIT, NICHT GEFÜHLTE

„Viele Stiftungsfonds bauen Nachhaltigkeit jetzt ein, haben ESG & Co. aber eigentlich bisher kaum auf dem Schirm gehabt. Mit Aktienfonds tun sich Stiftungen hier leichter, aber wohlgemerkt immer eingebettet in ein ganzes Portfolio.“ Das ist für Jörg Müller ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Punkt. Er erklärt, dass wenn er sich ein Stiftungsportfolio anschaut und dieses Analysiert, er dann viele Portfolien vorfindet, die auf gleiche Konzepte und gleiche Stile setzen, und dass Stiftungen hier viel verschenken. Nur Stiftungsfonds, ist er sich sicher, werden allein den Stiftungserfordernissen in den kommenden Jahren nicht mehr gerecht werden. Es braucht den Mix, zu dem beispielsweise auch ausschüttungsstarke und streng nachhaltige Aktienfonds gehören.

WIR BEGLEITEN STIFTUNGEN

Seine Rolle als Berater sieht er hier sehr klar vor Augen: „Wir begleiten Stiftungen, wir sind ihr Sparringspartner, wir versorgen mit Ideen, wir objektivieren aber auch Dinge, die die Stiftung vielleicht mit Scheuklappen betrachtet.“ Jörg Müller erzählt uns dabei von einer Stiftung, die partout nicht von ihren Fonds „runter wollte“, die nicht einsehen wollte, was dauerhaft rückläufige ordentliche Erträge mit ihrer Fähigkeit machen, die Zwecke zu verwirklichen. „Das war dann schon bitter zu sehen. Einerseits durfte aus der Ausgabenseite nichts gekappt werden, andererseits wollte oder konnte sich der Stiftungsvorstand nicht bewegen.“

MANCHMAL KÖNNEN STIFTUNGEN UND IHRE GREMIEN NICHT AUS IHRER HAUT

Was er dann in diesem Fall riet? „Naja, wir haben ein alternatives, extrem konservativ aufgestelltes Portfolio aus Stiftungsfonds und stiftungsgeeigneten Fonds zusammengestellt und der Stiftung kontinuierlich die Ergebnisse gespiegelt. Einfach als Anregung. So konnte immerhin belegt werden, dass man sich „mal“ kundig gemacht hat, ob es anders auch ginge.“ Solche Fälle sind für Jörg Müller aber selten. Eher schon greifen Stiftungen auf sein Knowhow zurück und vertrauen auf dessen analytisches Können. Dabei weiß auch er um seine Verantwortung. „Geht bei einer Stiftung etwas grundsätzlich schief, dann hat das auch direkt Auswirkungen auf die Zwecksphäre und damit die Reputation der Stiftung, und genau das darf nicht passieren.“

KOSTENSTRUKTUREN WERDEN ZUM THEMA

Für ihn ist entsprechend zunehmend auch die Infrastruktur mit Depot & Co. ein Thema. Die hier versteckten Kosten werden bei niedrigen Erträgen zum Problem, und Jörg Müller ergänzt: „Natürlich ist die Hausbank für eine Stiftung wichtig, aber vielleicht ist sie auch ein Problem, wenn es zum Beispiel an das Eliminieren des Ausgabeaufschlags geht.“ Für Kostenstrukturen zu sensibilisieren, das ist ein zunehmendes Thema in der Beratungspraxis, und wird es auch bleiben, solange der Ertragsseite nicht neues Leben eingehaucht wird, ist sich der der Stiftungsprofi sicher.  

ZUSAMMENGEFASST

Mit einem Stiftungsberater durch das Rheinland zu reisen, bestätigt Goethe der schon wusste, dass Reisen berichtigt, belehrt und bildet. Für mich habe ich gelernt, dass es sehr gute Cappuccinos TO GO gibt und dass das Beraten einer Stiftung ein sehr facettenreiche Aufgabe ist, die manchmal auch undankbar ist. Auf der anderen Seite werden Stiftungen ohne einen Berater kaum mehr werden klar kommen können angesichts der mannigfaltigen Unsicherheiten, die Kapitalanlage heute nun mal mit sich bringt. Wie soll das gehen, Stiftungsfonds raussuchen und die Aktienseite auf E, S und G hin analysieren? Es braucht hier einen roten Faden, und eine Hand, die diesen roten Faden immer wieder aufnimmt, eben jemanden wie Jörg Müller. Für ihn spielen Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds eine große Rolle beim Lösen des Vermögensrätsels für Stiftungen, für ihn ist das breite Streuen über Anlageklassen und Anlagestile des Rätsels Lösung. Und das Bewusstsein für die Freiheit, die Stiftungen speziell in der Vermögensanlage haben. Sie müssen sie nur richtig zu nutzen wissen.