Verlässlichkeit als Basis

Bettina Model spricht mit Wilhelm Schmid, einem der erfolgreichsten philosophischen Publizisten in Deutschland, darüber, wie Stiftungen Menschen eine Heimat schaffen können und warum sich Stiftungen auch mit dem Ungewissen in vielen Variationen beschäftigen müssen.

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Bettina Model im Gespräch
Lesezeit: 3 Minuten

Wilhelm Schmid ist einer erfolgreichsten, philosophischen Publizisten in Deutschland, seine Bücher werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bekannt wurde er durch seine Arbeiten zu Themen wie Gelassenheit, Glück, Sinn und Liebe. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen. Er ist freier Philosoph, hält zahlreiche Vorträge im In- und Ausland und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt, außerdem war er viele Jahre Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien.

Wilhelm Schmids neues Buch „Heimat finden – vom Leben in einer ungewissen Zeit“ ist ein philosophisches Buch, das anstelle von fertigen Antworten wichtige Denkanstöße und Inspiration bietet. Stiftungen können Heimat für Menschen schaffen und müssen sich auch mit dem Ungewissen in vielen Variationen beschäftigen. Es ist großartig, dass ich Wilhelm Schmid dazu Fragen stellen durfte…

Bettina Model: In Ihrem neuen Buch „Heimat finden – vom Leben in einer ungewissen Zeit“ findet man sehr viel Inspiration und Motivation nachzudenken. Sind wir gerade in einer besonders ungewissen Zeit, oder erscheint es uns nur so?
Wilhelm Schmid: Die Zeiten sind ganz sicher ungewiss. Die politische Lage, der Klimawandel, unsere Gesundheit, vieles an neuer Technik und der Wandel, der daraus entsteht. Sinnverlust, zerbrechende  Beziehungen. Wir leben in einer ungewissen Zeit, ja. Die Welt ist jedoch immer ungewiss – aber immer aus einem anderen Grund. In früheren Zeiten gab es keine Klimawandel, dafür gab es weniger ungewisse Beziehungen und weniger Sinnverlust.

Viele Stiftungen und Vereine bieten in sehr unterschiedlicher Form Heimat für Menschen, die aus einem Raster gefallen sind, oder Hilfe benötigen. Wenn Sie eine Stiftung gründen würden, mit welchen Themen oder Projekten würde sie sich beschäftigen?
Mit Lebenskunst.

Was wäre das genaue Ziel dieser Stiftung?
Menschen zu helfen Ihr Leben zu leben. Sie dabei zu unterstützen Ihren Alltag zu bewältigen und Ihnen zu vermitteln, wie Beziehung funktionieren kann. Es gibt einen Verlust des Selbstverständlichen in menschlichen Beziehungen und im alltäglichen Tun. Wie will ich leben? Wie führe ich Freundschaften und Beziehungen? Was brauche ich? Viele Menschen wollen Beziehung, wissen aber nicht mehr, wie Beziehung geht. Es ist der Verlust dessen was Selbstverständlich ist. Meine Mutter konnte kochen, sie hatte Kinder und lebte Beziehungen ganz selbstverständlich. Dieses Selbstverständnis hatte ihr wiederum Ihre Mutter vermittelt.

In Ihrem Buch „Das Leben verstehen“, beschreiben sie, wie wichtig das philosophische Gespräch in der Seelsorge ist. Philosophieren wir in sozialen Einrichtungen und Orten zu wenig?
Philosophieren ist vielleicht ein zu großes Wort. Aber die Bereitschaft über das Leben zu sprechen und Fragen zu stellen, das tun wir ganz sicher zu wenig. Das hat auch damit zu tun, das kaum jemand Fragen stellen möchte. Denn er würde vom Leben eines Anderen erzählt bekommen. Jedoch möchten die meisten Menschen von Ihrem eigenen Leben erzählen. Es gibt ein sehr großes Bedürfnis von sich und dem eigenen Leben zu sprechen. Das Sprechen über sich selbst hat den Vorteil, dass man im Erzählen mehr Klarheit über sich selbst bekommt. Kann man das auch mit sich selber, ohne dass jemand zuhört? Nein kann man nicht, da es keinen Zeugen des Gesprächs gibt.

In Zeiten der Pandemie, hört man oft den Begriff von „Spaltung der Gesellschaft“. Es ist sicher auch eine Form von Lebenskunst sich als Gesellschaft nicht spalten zu lassen. Ist es unsere Gesprächskultur, oder unsere Denkkultur die sich verändern sollte?

Ich halte die Gesellschaft nicht für gespalten, da es ja keine 50/50 Aufteilung in den verschiedenen Meinungen gibt. Dann wäre es schwierig wie in Zeiten der Pandemie. Dann käme die Frage auf, wer soll wem folgen. Es gibt also eine Minderheit, die eine andere Meinung vertritt, die sollte es auch immer geben, sonst würden wir in einer Totalität leben. Gäbe es wirklich eine 50/50 Spaltung, wäre das eine sehr schwierige Situation, für die ich auch keine Lösung hätte.

Welche Eigenschaften benötigt ein Mensch, um Anderen eine Heimat sein zu können in einer ungewissen Welt?
Verlässlichkeit ist eine gute Basis. Eine relativ gute Verlässlichkeit, denn niemand kann sich restlos auf jemanden verlassen. Es würde bedeuten, dass jeder kleinste Schaden in der Verlässlichkeit die Beziehung erschüttert. Es bedeutet auch die Bereitschaft den Alltag zu akzeptieren. Jede Liebe beginnt spektakulär und danach kommt der Alltag. Die Kunst ist es, diesen Alltag leben und teilen zu können so wie die Liebe. In einer Beziehung ist der Alltag die Regel und nicht das Spektakuläre. Daran zerbrechen viele Beziehungen, weil der normale Alltag dem Spektakulären weicht.

Wie fühlt man sich als Experte in Lebenskunst und Philosoph, wenn man auf Fragen, die man sich selbst stellt, keine Antwort findet?
Auch Virologen beantworten derzeit Fragen, die sie nicht restlos beantworten können, tun aber ihr Bestes. Ich denke seit Jahrzehnten über Lebenskunst nach. Ich denke darüber nach was das Leben braucht. Ich denke über die ökologischen Grundlagen und menschlichen Grundlagen nach und bin mir bewusst, dass ich nicht jede Frage beantworten kann und muss. Es kommt immer auf die Frage an. Ich werde als Philosoph oft nach dem Sinn des Lebens gefragt. Ich kann darauf immer nur Vorschläge einer möglichen Antwort geben. Mögliche Antworten sind, der Sinn des Lebens sind Kinder, der Sinn des Lebens sind Freundschaften, der Sinn des Lebens ist die Liebe. Die Antwort nach dem Sinn muss jedoch jeder Mensch dann für sich beantworten. Ich kann immer nur Vorschläge machen.

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!!