In Europa wird Stiftungsvermögen diversifiziert

Zum Tag der Stiftungen: Wie Stiftungen in Europa ihr Stiftungsvermögen verwalten

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Stiftungsvermögen in Europa
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Der Tag der Stiftungen in Europa ist immer auch ein Tag, an dem wir hier in Deutschland mal schauen können, wie andere Stiftungen so arbeiten. Denn nur weil der deutsche Stiftungssektor der größte in Europa und der zweitgrößte der Welt ist, heißt das noch lange nicht, dass wir hierzulande alles richtig machen. Zum Beispiel können einige deutsche Stiftungen durchaus etwas von ihren europäischen Kollegen lernen, wenn es ans Verwalten des Stiftungsvermögens geht. Denn Stiftungsvermögen wird hinterm Tellerrand gestreut, aber nicht nur das.

Wie Stiftungsvermögen gestreut wird, darüber gibt es nicht nur zwei Meinungen, sondern unendlich viele. Unsere europäischen Nachbarn haben aber dabei eines bereits seit Jahren berücksichtigt: Das Wörtchen mündelsicher existiert im Sprachschatz der Stiftungsverantwortlichen nicht. Es gibt nicht diese eine zentrale Verengung der Anlagemöglichkeiten, vor allem aber wird das Stiftungsvermögen nicht vom Begrenzen der Möglichkeiten her gedacht, sondern von deren Maximierung. Das Mindset unterscheidet sich also ganz erheblich von der deutschen Denke in immer noch zahlreichen Stiftungen und deren Verantwortlichen.

MÜNDELSICHER TRÄGT DEN BART DER GESCHICHTE

Mündelsicher ist einfach ein Begriff aus einer anderen Zeit, und diese Zeit wurde bestimmt durch das Schreiben eines Sozialgesetzbuches. Diese mehr als hundert Jahre alten Denkmuster existieren in europäischen Stiftungen nicht oder wenig stark ausgeprägt, nein, dort ist man eher darauf aus, sich den Zukunftsthemen zu widmen – und den auch daraus erzielbaren ordentlichen Erträgen. Im Wörtchen mündelsicher steckt ja auch immer der Begriff der Sicherheit mit drin, und diese Sicherheit bedeutet, sich auf den Kapitalerhalt zuvorderst zu konzentrieren. Mit der Folge, dass vieles, was zeitgemäßer wäre, auf dem Altar des Kapitalerhalts geopfert wird.

VERENGTE SICHTWEISE AD ACTA GELEGT

Europäische Stiftungen machen das nicht, sie legen anders an. Sie haben ihre Sichtweise auf die Verwaltung von Stiftungsvermögen nicht bei der verengten Mündelsicher-Denke verortet, sondern dort, wo sie künftig Chancen für das Erzielen ordentlicher Erträge und den Aufbau des Stiftungsstocks wittern. Entsprechend haben sich europäische Stiftungen vielerorts mit Aktien bzw. noch weitaus mehr Anlageklassen als Aktien und Anleihen befasst. Stiftungen in Großbritannien oder den Niederlanden können hier exemplarisch genannt werden, hier sind viele Stiftungen mit globalen Aktienanlagen „unterwegs“, aber auch mit alternativen Anlageklassen wie REITs oder Mikrofinanz.

STIFTUNGSVERMÖGEN UND DER HOME BIAS

Was in europäischen Stiftungen zudem zu beobachten ist: Sie haben den home bias überwunden, also das Investieren in der Heimat. Während deutsche Stiftungen immer noch Bundesanleihen oder DAX-Aktien favorisieren, haben ihre europäischen Pendants erkannt, dass eine Stiftungsallokation umso resilienter ist, je breiter sie über Assetklassen aber auch über Anlageregionen gestreut ist. Und global bedeutet hier auch, dass nicht nur amerikanische Emittenten zur Allokation gehören, sondern auch solche aus den Emerging Markets. Derlei wird hierzulande von vielen Stiftungen immer noch unter risikobehaftet abgeheftet, so als dürften Stiftungen auch ihrer DNA wegen gar nicht in den Schwellenländern investieren.

DIE AKTIE WIRD NICHT VERSCHMÄHT

Aber hier irren sie, wie es ihnen viele europäischen Stiftungen vormachen. Es ist auch nicht so, dass Stiftungen in anderen europäischen Ländern Aktien aus taktischen Gründen erwerben, und dass sie für sich in Anspruch nehmen, ihre Aktienanlagen selbst managen zu müssen. Auch so ein Feld, auf dem sich deutsche Stiftungen schwertun: dem des Delegierens. Für europäische Stiftungen ist es normal, Ideen etwa auf der Aktienseite mit Fonds abzubilden. Sie haben keine Probleme damit zuzugeben, dass sie eben nicht so versiert in der Aktienanlage sind, und geben das Verwalten ihrer Aktienideen an Fondsanbieter und deren Produkte ab.

NACHHALTIGKEIT IST BUSINESS A USUAL

Gleiches gilt für Anleihen bzw. alle anderen Anlageklassen auch. Es ist bezeichnend, dass zudem viele europäische Stiftungen beim Thema Nachhaltigkeit viel weiter sind als ihre deutschen Kollegen. Analysiert man Stiftungen in Nordeuropa, dann ist Nachhaltigkeit dort schon seit vielen Jahren tief in der Anlagepolitik vieler Stiftungen verankert. Gleiches gilt für Stiftungen in Großbritannien und den Niederlanden. Hier sind Begriffe wie Engagement (also das Wahrnehmen von Aktionärsinteressen) oder Governance (die gute Unternehmensführung) keine Begriffe, sondern gelebte Praxis. Stiftungen in Europa haben in vielen Fällen eine klare Haltung zum Themenkomplex Nachhaltigkeit und formulieren der Fondsindustrie gegenüber selbstbewusst, was ihnen in Fondsprodukten missfällt.

ENGAGEMENT GEHÖRT DAZU

Das Verwalten des Stiftungsvermögens hat im europäischen Ausland natürlich in den meisten Fällen auch den Zweck, über ordentliche Erträge Projekte zu verwirklichen, wodurch das Verwalten des Stiftungsvermögens auf den Stiftungszweck einzahlt. Gleichzeitig verstehen viele Stiftungen, was es heißt, Anteilseigner einer Firma zu sein und welche Einflussmöglichkeiten das bedeutet. Hieraus wiederum entstehen Spielräume, Unternehmenspolitiken zu verändern und Unternehmen dazu zu bringen, verantwortungsbewusster zu agieren. Dies ist ein großer Unterschied, und zu wenige Stiftungen sagen klar und deutlich, welche Art von Nachhaltigkeit sie schätzen.

EUROPÄISCHE STIFTUNGEN HABEN EINE HALTUNG ZU ESG & CO

Fondsanbieter in den Niederlanden oder Großbritannien laden Stiftungen auch zum Produktdialog ein, diskutieren, welche Investments ihrem ESG-Regime entsprechen und welche Haltungen Stiftungen zum Thema Nachhaltigkeit haben. Je klarer die Haltung einer Stiftung zu Nachhaltigkeit und ESG ist, desto eher wird sie sehen, ob ein Stiftungsfonds oder stiftungsgeeigneter Fonds das liefert, was sie braucht. Die Haltung vieler europäischer Stiftungen zu ESG und Nachhaltigkeit ist weitaus klarer als bei vielen deutschen Stiftungen, entsprechend sind in ihren Portfolien weit weniger potentiell für das Portfolio „gefährliche“ Investments enthalten. Bei diesen resultieren aus nicht verantwortungsvollem Tun im zeitlichen Verlauf Risiken für die Werthaltigkeit des Emittenten.

ZUSAMMENGEFASST

In Europa sind viele Stiftungen versierter in der Anlage ihres Stiftungsvermögens und auch versierter in der Anlage von Stiftungsfonds. Allerdings existiert dieser Duktus so eigentlich nur hierzulande, denn in Europa investieren Stiftungen breit gestreut in verschiedene Konzepte, bei denen die objektiven Leistungsmerkmale im Vordergrund stehen und weniger die reine subjektive Orientierung auf Stiftungsziele. Deutsche Stiftungen können von ihren europäischen Pendants für die Verwaltung ihres Stiftungsvermögens ferner lernen, sich vom home bias zu lösen, breiter – also globaler – zu diversifizieren und das Thema Nachhaltigkeit zu leben statt zu studieren. Das machen Stiftungen in Europa irgendwie scheuklappenfreier, zumindest nimmt man es so wahr, und genau das täte auch hiesigen Stiftungen und deren Verantwortlichen gut. Denn Stiftungsvermögen darf nicht „rumliegen“, Stiftungsvermögen muss arbeiten, damit es wirken kann.