Auch Stiftungen wandeln sich

Wir blicken voraus auf die Jahrestagung von Stiftung & Sponsoring am 25.4.2023 – mit Michael Beier, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung.

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Interview Michael Beier
Lesezeit: 6 Minuten

Dass auch Stiftungen sich wandeln müssen, darüber besteht kaum Zweifel. Zu viele Zäsuren haben auch Stiftungen schon erlebt, zu wandelhaft zeigte sich die Welt drumherum. Mit Michael Beier, dem Vorstandsvorsitzenden der Heinz Sielmann Stiftung, sprachen wir anlässlich der Jahrestagung von Stiftung & Sponsoring am 25.4.2023 über die Herausforderungen unserer Zeit, wie Stiftungen ihnen begegnen – und wie er mit seinem Team diese in der Stiftung des Tierfilmers Heinz Sielmann jeden Tag aufs Neue meistert.

#stiftungenstärken: Wie gehen Stiftungen mit einer Zeit wie der jetzigen um. Das Wort des Jahres 2022 ist Zeitenwende, wie begegnen Stiftungen dem?

Michael Beier: Indem wir den Stiftungsalltag und das Stiftungsmanagement unserer Stiftung kontinuierlich hinsichtlich der gesellschaftlichen Ansprüche an steuerbefreite Stiftungen hinterfragen, lässt sich herausfinden, ob wir uns als Stiftung noch auf der Höhe der Zeit befinden. Dies betrifft insbesondere die Themen wie Nachhaltigkeit, Lieferkettenmanagement, Compliance und Transparenz, aber vor allem auch die Frage nach der Wirkung und Akzeptanz des Stiftungshandelns.

#stiftungenstärken: Welche Bereiche im Stiftungssektor sind einem Zeitenwandel besonders ausgesetzt?

Michael Beier: Ein Wandel mit der Zeit zeigt sich vor allem in der Strukturierung des Stiftungsvermögens: In den letzten fünfzehn Jahren erlebten wir in Deutschland eine Niedrigzinsphase. Deshalb mussten Stiftungen ihr Vermögensmanagement völlig neu bewerten – weg von festverzinslichen Papieren und hin zu einer risikoaversen Anlage wie in Aktien. Nur so konnte der Stiftungszweck aus Renditeerträgen weiterhin erfüllt werden. Gerade Stiftungen mit einem konservativen Vermögensmanagement mussten sich anpassen. Dass ein Umdenken auch in anderen Bereichen stattgefunden hat, zeigte der letzte Stiftungstag in Leipzig: Gerade für ESG-konformes und nachhaltiges Vermögensmanagement gab es ein starkes Interesse auf Stiftungsseite. Spannend ist auch, dass der Veränderungsdruck bezüglich Nachhaltigkeit in Stiftungen vor allem durch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erzeugt wird, indem sie die Nachhaltigkeit des Handelns im Stiftungsalltag und im Verhalten nach außen kritisch hinterfragen, sich selbst mit ihren Haltungen stärker einbringen. 

#stiftungenstärken: Sie von der Heinz Sielmann Stiftung sind eine der wenigen Stiftungen, die einen Nachhaltigkeitskodex haben. Warum sind Nachhaltigkeitskodizes in der Stiftungswelt so selten?

Michael Beier: Zum einen liegt das an der Größe von Stiftungen: Mehr als 60% der Stiftungen in Deutschland sind mit einem Kapital von weniger als einer Million Euro ausgestattet. In dieser Größenordnung muss auf Ehrenamt gesetzt werden, was die Umsetzung von neuen Management Tools schwieriger gestaltet. Zum anderen hängt dies davon ab, ob eine Stiftung operativ oder fördernd tätig ist. Gerade das operative Geschäft ist eng mit dem Thema der Nachhaltigkeit verbunden, hier gibt es mehr Berührungspunkte mit Nachhaltigkeitskodizes. Was fördernde Stiftungen aber tun können – und das machen wir von der Heinz Sielmann Stiftung auch gegenüber unseren Förderpartnern – ist das Einfordern von Nachhaltigkeitsberichten in den geförderten Projekten.  Gerade weil es – leider – keine Publikationspflichten für Stiftungen gibt, sind Nachhaltigkeitsberichte wichtig für das Vertrauen der Zivilgesellschaft in den Stiftungssektor.


Veranstaltungs-Tipp:
Am 25.4.2023 findet in Berlin in den Räumlichkeiten der ESV Akademie die Jahrestagung von Stiftung & Sponsoring statt, die wir sehr gerne als Plattformpartner begleiten. Das Motto in diesem Jahr lautet „Reform und Aufbruch – wie Stiftungen aus Herausforderungen Chancen machen“. Ein Hinweis noch: Bis zum 3.4.2023 können Sie sich Ihr Ticket für die Jahrestagung zum Vorzugspreis sichern.

#stiftungenstärken: Brauchen wir gesetzliche Publikationspflichten auch für Stiftungen?

Michael Beier: Ja, es ist nicht verständlich, warum Stiftungen den Kapitalgesellschaften diesbezüglich nicht gleichgestellt sind. Ein Beispiel hierfür ist das kommende Whistleblower-Gesetz (Anm. der Red.: Hinweisgeberschutzgesetz), welches für Unternehmen ab einer Größe von 50 Mitarbeitenden anwendbar sein wird. Auch Stiftungen benötigen gesetzlich vorgegebene Transparenzregeln, wie es die Fortschreibung des Lobbyregisters aktuell zeigt. NABU und WWF Deutschland wehren sich dagegen, dass Großspender ab 20.000 Euro namentlich genannt werden. Warum? Gleiche Pflichten für alle, in Unternehmen wie bei NGOs, um auch die gleichen Rechte im Lobbyismus zu haben. Wir brauchen eine gesetzlich geregelte Publikations- und Transparenzpflicht für den dritten Sektor durch den deutschen Gesetzgeber!

#stiftungenstärken: Womit wir beim Thema Compliance wären. Warum wird dem Compliance-Management in vielen Stiftungen noch eine untergeordnete Bedeutung zugemessen?

Michael Beier: Das kann zum einen von der Größe einer Stiftung abhängen. Zum anderen sind nicht alle Stiftungen spendenfinanziert und auf Fundraising angewiesen, folglich nicht gegenüber Spenderinnen oder Spendern rechenschaftspflichtig. Für uns als mittelgroße Stiftung ist das Thema Compliance sehr wichtig geworden. Professionalität im Compliance-Management ist nahezu eine Selbstverständlichkeit, wenn eine Stiftung, so wie wir, in einen Publikumsfonds investiert. Beispielsweise können sich Spender und Spenderinnen, aber auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen direkt an die Rechtsanwaltskanzlei, die das externe Compliance-Management führt, wenden, sie dient bereits jetzt dem Whistleblower-Gesetz.

#stiftungenstärken: Die Heinz Sielmann Stiftung durchlief viele organisatorische Transformationsprozesse. Ist dies auch eine Reaktion auf die Veränderungen in der Stiftungswelt?

Michael Beier: Ja, insbesondere der Generationenwechsel verändert den Stiftungssektor bereits deutlich. Gerade in der Verantwortungsebene werden Stiftungen weiblicher, diverser, internationaler und vor allem auch jünger. Die nachwachsende Genration stellt andere Ansprüche an Personalentwicklung, Work-Life-Balance, die Ausstattung von Arbeitsplätzen und Digitalisierung sowie mobiles Arbeiten. Beispielsweise fördern wir Dienstfahrräder mit bis zu 2500 EUR für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Auch Essensgutscheine und Jobtickets bieten wir an. Als familienfreundliche Stiftung beteiligen wir uns mit 150 Euro monatlich an den Kosten für Kita-Plätze.

#stiftungenstärken: Eine bedeutende Aufgabe im Change Management scheint darin zu bestehen, Stiftungen zu attraktiven Arbeitgebern zu machen.

Michael Beier: Das ist unumgänglich. Früher bekamen wir auf eine Stellenanzeige 30 bis 50 Bewerbungen. Heute kommen 10 Bewerbungen auf eine Stelle schon einem Wunder gleich, bis zu fünf Bewerbungen sind dagegen die Norm. Deshalb hat sich die Rolle der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen gegenüber Stiftungen als Arbeitgeber deutlich verändert. Auch gibt es deutlich mehr Fluktuation, die Rolle des einen Arbeitgebers in der Vita der Beschäftigten ist vorüber. Dies bedeutet wiederum einen großen Aufwand hinsichtlich Einarbeitung und Ausstattung neuer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

#stiftungenstärken: Attraktiv ist eine Stiftung heute auch dann, wenn sie remote-Arbeitsplätze anbietet. Digitalisierung, noch so eine Baustelle für Stiftungen?

Michael Beier: Was eine Stiftung hierfür unternehmen kann, hängt von den Bedürfnissen und gesetzten Schwerpunkten der Stiftung ab: Ob dies die Gestaltung der Stiftungswebsite bezüglich Barrierefreiheit und DSGVO-Konformität ist oder der Einsatz von Social Media. Unsere erste Investition in die Digitalisierung war in das Personal, indem wir speziell Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Bereiche Website und Social Media eingestellt haben. Um Reichweite zu erzielen ist es wichtig, gerade auch die Kanäle zu bedienen, die von der nachwachsenden Generation verwendet werden. Auch das Online-Fundraising haben wir sehr erfolgreich ausgebaut. Hierin konnten wir im letzten Jahr das bisher beste Ergebnis erzielen. Gleiches gilt für das Erbschafts- und Nachlass-Management, für das wir immer stärker in eigenes Personal investieren, um Beratung und Betreuung bundesweit stetig ausbauen zu können. Zudem haben wir eine externe Datenschutzbeauftragte, die die Stiftung auf die Einhaltung von DSGVO-Vorgaben kontrolliert.

vtfds2023 Save the Date

#stiftungenstärken: Viele Themen also, die „beackert“ werden müssen. Lassen Sie uns mal ein Gedankenspiel anstellen. Wenn Sie einer neugegründeten Stiftung als Berater zur Seite stünden, zu was würden sie ihr raten?

Michael Beier: Zuallererst würde ich am Leitbild ansetzen. Hierfür ist zu fragen, welches Kernthema die Stiftung ausmacht und wie die Stiftung wahrgenommen werden soll. Als nächstes geht es dann an die Satzung der Stiftung, insbesondere daran, sie an die Neuerungen der Stiftungsrechtsreform anzupassen. Vor allem aber würde ich einer Stiftung raten, sich „Tandempartner“ zu suchen, wie es auch beim Erlernen einer Fremdsprache gemacht wird. Die Entwicklungsprozesse in der Anfangsphase können so in Zusammenarbeit mit einer anderen Stiftung über einen Beirat laufen, insbesondere können hieraus langfristige Kooperationen entstehen. Beispiele wie den Senior Expert Services in der Wirtschaft können auch für den Stiftungssektor genutzt werden. Gleiches gilt für die Nachfolgeregelungen in Stiftungen, die einen rechtzeitig zu organisierenden hohen Beratungsbedarf haben.

Von Stiftungen mit gleichen Stiftungszwecken kann eine neu gegründete Stiftung viel lernen, zudem sehe ich zwingend die Notwendigkeit für Kooperationen in der Stiftungswelt. Statt eine eigene selbständige Stiftung zu gründen, sollten Stifterinnen und Stifter die Zustiftung in eine bestehende Stiftung prüfen und dort ihre Mitwirkung in den Gremien und Organen anbieten. Die Stiftungswelt ist zu kleinteilig, oftmals nur regional tätig und es fehlt ihr in der Masse und Breite die bundesweite Ausstrahlung und Effizienz, es fehlt vielen Stiftungen die gesamtgesellschaftliche Wirkung. Die wenigen großen Stiftungen machen den Kohl nicht fett. Damit einher geht auch, dass der tatsächliche volkswirtschaftliche Nutzen bei Stiftungen mit einem Kapital von weniger als eine bis 5 Mio. EUR Kapital als zu gering erscheint.  Inflation, Kostensteigerungen auf allen Ebenen und die Lieferengpässe, die Energiekrise, die Demografie und der Fachkräftemangel gehen auch am Dritten Sektor nicht spurlos vorüber. Dem kann durch Kooperationen und Zustiftungen sowie Zusammenlegungen von Stiftungen und Vereinen wirksam entgegengewirkt werden. Im Weg steht oftmals nur die Eitelkeit des Einzelnen.
 
#stiftungenstärken: Noch so ein Thema, über das wir an anderer Stelle gerne einmal vertieft sprechen. Lieber Michael Beier, wir danken Ihnen für Ihre Einblicke in Ihre tägliche Stiftungspraxis, und freuen uns auf Sie am 25.4.2023 in Berlin.

Das Gespräch führten Hanna Günther (h.guenther@stiftungsmarktplatz.eu) & Tobias Karow (t.karow@stiftungsmarktplatz.eu)