Stiftungsvermögen und die guten alten Gewissheiten

#vtfds2021 – die Nachlese: Welche neuen Gewissheiten alte Gewissheiten im Stiftungsvermögen ablösen werden

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vtfds2021 Nachlese Diskussion Nupens, Gatzweiler
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#vtfds2021 – die Nachlese: Mit den Gewissheiten ist es so wie mit alten Gewohnheiten. Sie sind eine wohlig warme Haut, ein gemütliches Plätzchen, das es schwer fällt zu verlassen. Gewissheiten haben aber etwas Tückisches an sich, denn sie blenden gerne aus, dass sich die Welt „da draußen“ weitergedreht hat – und weiterdrehen wird. Warum derlei im Stiftungsvermögen nicht mehr funktioniert, das diskutierten wir beim zweiten Virtuellen Tag für das Stiftungsvermögen mit Birgit Nupens von der Stiftungsaufsicht Detmold und Immo Gatzweiler, Stiftungsexperte bei AXA Investment Managers.

Mit Birgit Nupens, die in Detmold allein 570 Stiftungen beaufsichtigt und betreut, sprachen wir zunächst einmal über einen Begriff, der sich immer noch in den Köpfen vieler Stiftungsverantwortlicher hält, und dieser Begriff heißt mündelsicher. Birgit Nupens ordnete den Begriff aber sogleich ein: „Es gibt immer noch Stiftungen, die den Begriff mündelsicher kennen und meinen, mündelsicher anlegen zu müssen. Letztendlich ist ein Stiftungsvorstand verpflichtet, Erträge zu erwirtschaften, und wenn ich nicht über den Tellerrand hinausschaue, kann es sein, dass ich mich auch im Bereich der Pflichtverletzung als Stiftungsvorstand befinde.“ Diese Aussage wirkt natürlich nach, denn so klar haben das StiftungslenkerInnen sicherlich nicht in allen Fällen vor Augen.

SICHERLICH MUSS ICH AUCH MAL AUF EXPERTISE AUSSERHALB MENER HAUSBANK ZURÜCKGREIFEN


Birgit Nupens vertiefte dies an der Stelle auch noch, in dem sie erklärte, dass sie sich die Erträge anschaut, vor allem schaut sie aber mittlerweile darauf, wo keine Erträge mehr erwirtschaftet wurden und was die Gründe hierfür waren. Genau dieses Warum ist für Stiftungen häufig gar nicht so einfach zu sagen, natürlich muss dann der Nullzins herhalten, aber dieser ist ein seit Jahren bekannter Parameter, er kann eigentlich heute nicht mehr als alleiniger Grund angeführt werden, warum es mit den Erträgen nicht mehr klappt. Birgit Nupens hob implizit auf die fachlichen Ressourcen in einer Stiftung ab, indem sie sagte: „Sicherlich muss ich auch mal auf Expertise außerhalb meiner Hausbank zurückgreifen.“

VIDEOTIPP: Den kompletten Stream des zweiten Virtuellen Tags für das Stiftungsvermögen im RE-LIVE sowie die Mediathek zum #vtfds2021 finden Sie auf www.vtfds.de.

STIFTUNGSVERANTWORTLICHE MÜSSEN ERTRÄGE ERWIRTSCHAFTEN


Dies lässt sich auch zuspitzen, auf einen Begriff, und dieser Begriff wäre dann das schon oft von uns genannte Delegieren. Stiftungsverantwortliche müssen Erträge erwirtschaften, es gehört zu ihren Pflichten, aber sie müssen dies nicht selbst tun, durch eigenes Asset Management, das steckt hier natürlich auch drin. Zwei Dinge sollten Stiftungen im Hinterkopf haben: „Natürlich kann es mal sein, dass die Erträge mal schwächeln, ich erinnere an den 31.12.20218, der ein ganz schlechter Stichtag für die Jahressrechnung war, weil die Aktienmärkte tief notierten, aber Stiftungen können das aussitzen. Und wir schauen natürlich darauf, ob die Zwecke verwirklicht werden konnten. Womit soll ich die Zwecke verwirklichen, wenn keine Erträge da sind?“

GANZ WICHTIG IST DIE ANLAGERICHTLINIE

Auch wies sie auf eine Hemmschwelle hin, die in vielen Stiftungen nach wie vor vorhanden ist: jene vor dem Investment in Aktien oder Aktienfonds. „Ganz wichtig ist mir dabei eine Anlagerichtlinie, dass diese regelmäßig überprüft wird, dann lässt sich diese Hemmschwelle auch überwinden. Genau das brauchen wir in der modernen Stiftungswelt.“ Hierin bestätigte sie Immo Gatzweiler, Stiftungsexperte bei AXA Investment Managers, denn das Aktienrisiko ließe sich durchaus auch in Aktienchancen umdeuten, und schlagartig wäre die Herangehensweise eine andere. Immo Gatzweiler führte aus: „Dass die Anleihe ein zinsloses Risiko ist, ist schon in vielen Stiftungen angekommen, und an diesem Punkt geht es jetzt darum, nach Alternativen Ausschau zu halten, ohne das Grundkonstrukt der Sicherheit über Bord zu werfen.“

PODCAST-TIPP: Mit Immo Gatzweiler haben wir für unsere FondsFibel eine vierteilige Podcastreihe zur Rentenanlage von Stiftungen aufgenommen, mit praktischen Tipps, wie Stiftungen Anleihen heute immer noch gut im Stiftungsvermögen einsetzen können.

STIFTUNGEN SOLLTEN DIE AKTIENQUOTE SCHRITT FÜR SCHRITT UMSETZEN

Ganz klassisch bewegen sich Stiftungen in die Aktie als Anlageklasse, schauen eher auf nachhaltige Dividendenpolitik, und lösen sich dann etwas von der Jahresdenke. Immo Gatzweiler weiter: „Für mich sind Stiftungen da auf dem richtigen Weg, vor allem sollten sich aber eine Zielquote etwa von 35% Aktienquote geben, und diese dann Schritt für Schritt umsetzen.“ Diesen Praxistipp weitergedacht bedeutet dies, dass eine Stiftung ihre Aktienquote von null auf 35% in vier Jahren sukzessive hochfährt, dabei Erfahrungen macht und womöglich auch Cost-Average-Effekte nutzt. „Mit so einer Aktienquote, ergänzt um andere Allokationsbausteine, dürften sich Stiftungen immer noch in einem Renditekorridor von 4% oder vielleicht sogar mehr bewegen.“ Was in dieser Aussage auch drinsteckte: Das Problem des wegbrechenden Ertrags gäbe es so nicht.

ZUSAMMENGEFASST


Die drei Learnings aus dem Gespräch mit Birgit Nupens von der Stiftungsaufsicht Detmold und dem Stiftungsexperten Immo Gatzweiler von AXA Investment Managers sind schnell aufgezählt. Erstens sollten sich Stiftungen endgültig vom Begriff der Mündelsicherheit lösen, sie sollten zweitens verstehen, dass das Erwirtschaften von Erträgen die Basis für das Zweckverwirklichen ist und dass dies damit zur Pflicht der Stiftungsverantwortlichen gehört, und sie sollten drittens ggf. mit externer Expertise ein Anlagekonzept entwickeln, das auf mehreren Beinen fußt und zu dem auf Seiten der Anlageklassen mindestens Aktien und Anleihen gehören. Diese drei Punkte beachtet, kann Stiftungsvermögen schnell zeitgemäß veranlagt werden. Allerdings, und auch das gehört zur Wahrheit dazu, muss „Das haben wir immer schon so gemacht“ als Handlungsleitfaden endgültig ad acta gelegt werden. Neue Gewissheiten eben.