Wie ist das jetzt nochmal genau mit dem Kapitalerhalt? Diese Frage stellen sich Stiftungen immer wieder. Speziell die Frage ob das Stiftungsvermögen nominell oder real zu erhalten ist, erhitzt immer wieder die Gemüter. Denn beide Kapitalerhaltungskonzepte haben ihre Berechtigung, verlangen aber unterschiedliche Herangehensweisen. Gleich gilt es, das Gebot des Kapitalerhalts zu verstehen, auch in seinen Ausprägungen, um als Stiftung auf der Höhe der Zeit zu agieren. Die Juristin Vanessa Glaser hat sich des Themas angenommen, und gleich noch eine vergleichende Arbeit daraus gemacht. Wir haben quergelesen.
Schriftenreihe zum Stiftungswesen, Band 53. Das liest sich erstmal etwas sperrig, aber man lernt recht schnell, dass es in dem Buch etwas zu lernen gibt. Beispielsweise über das Stiftungswesen als solches. OK, dass die bekannteste Stiftung der Welt die Bill & Melinda Gates Foundation sei, das überliest man vielleicht noch, denn obwohl sie bekannt ist, fielen einem noch andere nennenswerte Beispiele für Großstiftungen ein. Weitergelesen lässt sich aber so einiges über die Stiftungslandschaften im deutschsprachigen Raum erfahren, qua Zahlen und auch qua Kenngrößen wie etwa der Stiftungsdichte. Kostprobe gefällig? Wussten Sie, dass in Deutschland auf 10.000 Einwohner ziemlich genau drei Stiftungen kommen? Oder hatten Sie mitbekommen, dass die Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform des Stiftungsrechts, die dann auch 2023 auch in Kraft trat, seit 2014 tagte? Profis wussten das, Beobachter ahnen, dass 9 Jahre dennoch nicht gereicht haben, um ein in allen Aspekten modernes Stiftungsrecht aufzugleisen.
Die Eckdaten zum Buch
Titel: Kapitalerhaltungspflicht bei Stiftungen im Rechtsvergleich
Sortierung: Schriftenreihe zum Stiftungswesen, Band 53 (Hrsg.: DSZ – Deutsches Stiftungszentrum im Stifterverband der Dt. Wissenschaft)
Autorin: Vanessa Glaser
Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft mbH
Erscheinungsjahr: 2025
Stiftungsvermögen qua Stiftungsrechtsreform
Vanessa Glaser hat es im ersten Kapitel geschafft, einige neue Daten und Hintergründe zum Stiftungswesen in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz zu liefern, und leitet aus der Unterschiedlichkeit der Stiftungsstandorte zu den Konzepten des Kapitalerhalts über. Stiftungen in Deutschland sollten die Seiten 100 bis 102 auswendig lernen, denn hier beschreibt die Autorin sehr schön, wie es um das Stiftungsvermögen seit der Stiftungsrechtsreform bestellt ist. Die Begriffe Grundstockvermögen und Sonstiges Vermögen müssen bei Stiftungsverantwortlichen einfach sitzen. Genauso müssen sie die verschiedenen Stoßrichtungen beim Kapitalerhalt kennen. Schlagworte sind hier nominal, real, Substanz, dem Stifterwillen folgend. Vanessa Glaser schlägt auch den Bogen zu den Landesstiftungsgesetzen, und interpretiert deren Novellierungen im Nachgang zur Stiftungsrechtsreform.
Gestalten statt auslegen als Gebot der Stunde
Lesen wir die Analyse richtig, so wird es den Stiftungsverantwortlichen mehr überlassen, das Konzept zum Erhalt des Kapitals zu wählen und dann auch mit entsprechend Leben zu füllen. Vanessa Glaser regt aber an, sich als Stiftung (Stiftungsverantwortliche) weiterführende Gedanken zur Thematik Kapitalerhalt zu machen. Denn beim Kapitalerhalt ist ja auch der von den Kapitalmärkten und dem politischen Umfeld gelieferte Kontext durchaus gewichtig. Es gibt womöglich Zeiten, in denen realer Kapitalerhalt nicht zu schaffen ist, es muss auch die Überlegung geben, den Kapitalerhalt vom Kalenderjahr zu lösen und diesen in ein anderes Zeitraster zu packen. Vanessa Glaser fasst es zum Ende Ihres Buchs recht treffend zusammen. Gestalten statt Auslegen, das ist das Gebot der Stunde, wir interpretieren dies als Appell, aktiv an den Stiftungsparametern zu bauen, Stiftungsvermögen und Kapitalerhalt auf der Höhe der Zeit zu denken – und zu machen.
Zusammengefasst
Natürlich ist das Thema Kapitalerhalt ein etwas sperriges, aber eben auch eines, mit dem sich jede Stiftung auseinandersetzen muss. Heute vermutlich mehr denn je. Vanessa Glaser schafft es in ihrem Buch, den richtigen Blick auf den Themenkreis Kapitalerhalt zu werfen. Da das Buch zudem vergleichend ausgelegt ist, damit also für den gesamten deutschsprachigen Raum, macht es umso relevanter. Kapitalerhalt ist nicht nur ein Wort, es ist ein Konzept. Dieses kann ich als Stiftung auslegen, oder ich kann es gestalten. Investiere ich auf der Höhe der Zeit, wird auch mein Konzept für den Kapitalerhalt auf der Höhe der Zeit angesiedelt sein. Denn dann habe ich als Stiftung jene Erträge im Blick, die es zum Erhalt des Kapitals entsprechend braucht. Auch beim Kapitalerhalt gilt, mit der Zeit zu gehen.












