Ein Hoch auf gemeinnütziges Tun

Eine Rezension zu Achtung, Stiftung!, dem Ratgeber für Gemeinnützige Stiftungsarbeit in Österreich

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Achtung Stiftung
Lesezeit: 4 Minuten

Das Thema Stiftung ist keines, das an den deutschen Grenzen endet, eher im Gegenteil. In Österreich zum Beispiel hat sich mit dem Verband für gemeinnütziges Stiften in Österreich 2014 eine Interessenvertretung gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht, einmal für das Stiften an sich in die Bütt zu gehen, zum anderen aber auch den bestehenden Stiftungen tatkräftig beizustehen, der immer komplexeren Welt auf Augenhöhe zu begegnen. So ist auch der Ratgeber „Achtung, Stiftung!“ entstanden, den wir uns einmal näher angeschaut haben.

Mit Ratgebern ist das ja immer so eine Sache. Mancher möchte einfach eine Botschaft absetzen, mancher bietet keinerlei Mehrwert, und mancher ist einfach gut gemacht. Für Achtung, Stiftung! gilt – Achtung, Spoiler! – Letzteres. Zunächst einmal kommen Stiftungsgründer in den „Genuss“ eines Überblicks dazu, was es alles braucht, um eine Stiftung zu errichten. Das erste Kapitel Stiftungsgründung gibt zudem mit der Empfehlung zum Stifterwillen direkt die richtige Richtung vor und zeigt dann die Stiftungsformen sowie die Pflichten rund um eine Stiftungsgründung sehr schön nachvollziehbar auf.

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STIFTER SPRECHEN ZUR STIFTUNGSGRÜNDUNG

Schön geraten ist auch der O-Ton zur Stiftungsgründung, genauer wurde ein Stifter zu seinen Erfahrungen rund um das Aufsetzen der Stiftung befragt, das macht eine Stiftungsgründung sehr schön anfassbar. Überhaupt ist es eine Qualität von Achtung, Stiftung!, dass nur über das Gründen von Stiftungen und über Stiftungen überhaupt gesprochen wird, sondern dass mit StifterInnen gesprochen wird, diese eingebunden werden. Denn die Erfahrungen, die diese weitergeben, zeigen Eines ganz deutlich: Eine Stiftung ist eine ganz individuelle Sache, und jeder, der sich mit dem Gedanken einer Stiftungsgründung befasst, wird sich dem Thema auf seine ganz eigene Weise nähern.

DEM STIFTERWILLEN AUF DER SPUR

Was beim Kapitel Stiftungsgründung vielleicht ein ganz klein wenig zu kurz geraten ist, ist das Übersetzen des Stifterwillens ins Hier und Jetzt. Natürlich ist der Stifterwille sankrosankt und so etwas wie das Urgesetz einer jeden Stiftung. Aber er lässt sich ins Hier und Jetzt übersetzen bzw. entlang aktueller Erfordernisse interpretieren, was vor allem in Bezug auf die Finanzen, die in Achtung, Stiftung! in Kapitel 4 eigens abgehandelt werden. Diese Übersetzung des Stifterwillens ist wichtig, denn daran hängt letztlich der Rahmen, um etwas das Stiftungsvermögen zu veranlagen. Das Kapitel Finanzen hält dafür aber andere wichtige Hinweise bereit.

GANZ WICHTIG: DAS BUDGET ALS FÜHRUNGSINSTRUMENT

So etwa den Punkt der Budget- und Planungsrechnung, dies lässt sich auch mit Liquiditätsplanung der Stiftung übersetzen. Wichtig ist, dass Achtung, Stiftung! den Bezug zwischen Budgetplanung und Stiftung richtig herstellt. Es handelt sich um eine zentrale Führungsaufgabe, jede Stiftung muss geführt werden, und an der Liquiditätsplanung hängt nun mal das Gestalten einer Stiftung. Dies so klar zu benennen, dass eine Stiftung geführt werden muss, ist aus Sicht zeitgemäßen Stiftungshandelns nur richtig, und es ist gut, dass potentielle StiftungsgründerInnen auch direkt mit dieser Kerndisziplin der Stiftungspraxis in Berührung gebracht werden.

STIFTUNGSVERMÖGEN UND DAS REPUTATIONSRISIKO

In den Stimmen zu Veranlagungspraxis ist ein kleiner aber ganz wichtiger Hinweis enthalten, den Stiftungen heute und in Zukunft definitiv auf dem Schirm haben sollten. Im Satz „Ebenso spielt das Reputationsrisiko für die Marshallplan-Jubiläumsstiftung in sämtlichen Handlungen der Stiftung eine zentrale Rolle.“ Steckt ja letztlich drin, dass Anlagen auch auf mögliche Reputationsschäden hin geprüft werden sollten, oder zumindest bei einem Anleiheinvestment das Ausfallrisiko des Emittenten auch unter diesem Gesichtspunkt analysiert werden sollte. Eine kleine Bemerkung am Rande: Dass eine Stiftung ausgewählt wurde, die vorwiegend und aus dem Aspekt der Sicherheit heraus in bonitätsstarken Anleihen investiert ist, hätte noch ergänzt werden können um eine Stiftung, deren Asset Allocation andere Schwerpunkte setzt.

FÜHRUNG ALS ZENTRALE STIFTUNGSAUFGABE

Insgesamt wird bei Achtung, Stiftung! viel Wert auf den Themenkreis Führung gelegt. Das Kapitel ist neben jenem zur Förderungspraxis das umfangreichste in der Publikation. Es werden hier auch Aspekte wie das Vergüten von Stiftungsorganen und Instrumente wie die D&O-Versicherung aufgegriffen, was das Gefühl verstärkt, dass in Achtung, Stiftung! sämtliche für erfolgreiches Stiftungshandeln erforderlichen Punkte aufgegriffen wurden. Wichtig ist auch der Impuls, den Dr. Franz Fischler, Vorsitzender der European Alpbach Foundation, auf Seite 86 liefert. StifterInnen sollten stolz auf ihr stifterisches Tun sein und kommunikativ ruhig Aktivität entfalten.

LIEBE STIFTUNGEN, ERZÄHLT EURE GESCHICHTEN!

Es macht die Publikation tatsächlich zu einem Ratgeber für die Praxis, wenn auch solche Themen nicht ausgespart werden. Denn in der Kommunikation liegen für Stiftungen ja durchaus viel Möglichkeiten begründet, über ihr Doing zu berichten, Begleiter und Spender zu begeistern und öffentlich Relevanz zu zeigen – und zu erzeugen. Solche kleinen Hinweise sind, die die Publikation auch leicht zu lesen machen, weil eben handwerkliche Kniffe genutzt wurden, um den Leser bei der Stange zu halten. Hier setzt auch das Kapitel zur Förderung an, vor allem zeigt es die vielen Varianten auf, die Stiftungen bei der Umsetzung von Projekten haben.

STIFTUNGSVERMÖGEN KANN MEHR

Über die richtige Förderstrategie und die Messung der Wirkung dessen bis hin zur Auswahl der Projekte, im Kapitel Förderung werden keine Aspekte ausgespart. Natürlich, es kann nicht alles in vollster Tiefe analysiert und aufbereitet werden, was spannend ist ist das gewählte Beispiel zum Impact Investing. Denn hierüber wird die Brücke gebaut in zeitgemäßes Stiftungshandeln. Einfach nur Projekte zu realisieren, ist genauso aus der Zeit gefallen wie einfach nur zu investieren, sei es sicher oder ertragreich. Es braucht Ansätze, das ganz individuelle Stiftungshandeln auf der Ausgabenseite auch auf die Einnahmeseite zu übersetzen, oder umgekehrt. Das Stiftungsbeispiel wurde hierfür gut gewählt, etwa auch der Hinweis, dass die Scheuch-Stiftung eine Rolle als „Aufbauhelfer“ für Social Startups ausfüllen kann. Auch das ist modernes Stiftungshandeln.

ZUSAMMENGEFASST

Mit Achtung, Stiftung! hat der Verband für gemeinnütziges Stiften in Österreich einen tollen publikativen Impuls zur rechten Zeit gegeben. Stark ist die Publikation an den Punkten, an denen sie Stiftungen und ihre MacherInnen zu Wort kommen lässt, und an denen sie die einzelnen Aspekte der Stiftungspraxis sehr detailliert aufzeigt. Manchmal fehlt ein wenig die Tiefe, etwa beim Themenkreis Vermögen, aber hier gilt es dann eben, sich einen auf das individuelle Vorhaben passenden Sparringspartner zu suchen. Kleiner Tipp am Rande: Blättern Sie mal in Ruhe durch den Anhang, hier sind Fachbegriffe rund um Stiftungen gut und griffig erklärt, ebenfalls werden Stiftungen in Österreich aufgelistet.

Derlei macht Achtung, Stiftung! zum Nachschlagewerk, in den Büros österreichischer Stiftungen sollte es deshalb auf jeden Fall auf dem Schreibtisch liegen. StiftungsgründnerInnen sei empfohlen, Achtung, Stiftung! einfach immer in der Tasche dabei zu haben. Zu erstehen ist Achtung, Stiftung! übrigens unter https://www.achtung-stiftung.at/.