Wie das manchmal so ist im Leben. Auf einmal findet sich eine E-Mail im Postfach, mit einer Anfrage, für einen Universitätslehrgang einen Beitrag als Dozent zu leisten. Thema soll das Stiftungsland Deutschland sein. So aber entstand genau das, was jüngst auf Schloss Seeburg nahe Salzburg an der Privatuniversität Seeburg stattfand: der erste Lehrgang für Stiftungsmanagement in Österreich. Kopf und Vater dessen ist Manfred Wieland, Gründer der Stiftung Nextgen, mit dem mich seit Jahren ein intensiver Austausch verbindet. Ich sagte „Manfred, das machen wir“, direkt danach fragte ich mich, was ich den Studenten zum Stiftungsland Deutschland erzählen soll. Also entschied ich mich für ein Plädoyer.
Das Stiftungsland Deutschland ist das Stiftungsland, in dem ich lebe, und das als Stiftungsstandort vermutlich der besonderste dieser unserer Welt ist. Der Stiftungsstandort ist Jahrhunderte alt, er ist durch Zäsuren gegangen, hat Friktionen erlebt, den totalen Stillstand, das Abgewickeltwerden, das Implodieren, die zweite Blüte. Zum Gemeinwesen auf deutschem Boden gehört das Stiftungswesen seit Jahrhunderten, Hospiz-, Krankenhaus-, Weinbaubetriebe, um nur einige Beispiele zu nennen, haben oft seit Jahrhunderten Bestand. Sie sind Beispiele für das fortwährende Gelingen des Sektors, für eine Idee, wie gesellschaftliches Rückgrat auf einem menschen-nahen Gemeinwesen und gemeinwohlorientierten Prinzipien beruht. Bis 1914 war der Stiftungsstandort Deutschland mit seinen rund 100.000 gemeinnützigen Stiftungen der größte der Welt, zwei Weltkriege, zwei Diktaturen brauchte es dann, um die deutsche Stiftungslandschaft um 90% zu schrumpfen.
Die deutsche Stiftungslandschaft kann Zäsur und Resilienz
Gemessen am Stiftungsboom seit dem Jahr 2000 (dem Jahr in dem wir in Deutschland 10.000 gemeinnützige Stiftungen zählten) befindet sich der deutsche Stiftungssektor inmitten seiner zweiten Blüte. Gut 28.000 gemeinnützige Stiftungen, zehntausende Treuhandstiftungen und 4 Billionen EUR Erbmasse, aus der heraus ein Teil auch im deutschen Stiftungssektor landen wird, künden davon, dass die Blüte ihren Zenit noch nicht erreicht hat. Damit ist der Stiftungssektor einer der Sektoren, der wächst, dem sich Gelingen attestieren lässt, und der weiter reüssieren wird ob der Parameter, für die der Sektor wiederum nichts kann. Was er aber kann ist, sich entlang der Parameter so aufzustellen, dass er auf der Höhe der Zeit unterwegs ist – und sich dadurch unangreifbar macht.
Der Stiftungssektor zeigt sein Gelingen zu wenig
An diesem Punkt wurden „meine“ Studenten hellhörig. Auf der Höhe der Zeit, unangreifbar? Sagt er da etwa, dass in Stiftungen manches nicht professionell genug läuft, dass Stiftungspraxis sich zu sehr auf die gute Sache beschränkt, dabei aber nicht gut agiert? Möchte er uns mitteilen, dass der Sektor angreifbar ist, indem er zu wenig Wert auf das Zeigen des Gelingens und den maximalen Fokus auf das Verdienen des Steuerprivilegs legt? Nun ja, schon. Es gab im vergangenen Jahr einen Test, wie der Sektor auf Angriffe reagiert, die für den Stiftungssektor durchaus gefährlich sein können – so sie breit verfangen. Für mich hat der Stiftungssektor eine oberste Verantwortung: Stifterwillen zu realisieren, sich das dafür gewährte Steuerprivileg zu verdienen, schlanke und effiziente Organisationen dafür drumrumbauen. Aber schaffen alle Stiftungen genau das?
Vor sich hin projekten, ist es das wofür Stiftungen errichtet wurden?
Schaffen Stiftungen das, wenn sie ihr Stiftungsvermögen so arbeiten lassen, dass am Ende des Jahres nach Kosten ein gutes Prozent ordentlicher Ertrag steht? Schaffen Stiftungen das, wenn sie im Stillen vor sich hin projekten? Schaffen Sie das, wenn sie nicht greifbar sind für denjenigen, der ihnen ihr Steuerprivileg vergeben hat? Schaffen sie das, wenn sich zwar tolle Projekte machen, dieses Gelingen aber der breiten Öffentlichkeit aber nicht zeigen? Schaffen Stiftungen das, wenn sie nirgends irgendeinen Bericht zu ihrem Tun im vergangenen Jahr veröffentlichen? Schaffen Stiftungen das, wenn sie jede für sich werkelt, wo es doch besser wäre, die Kräfte im Sinne des großen Ganzen (=Gemeinwohl) auch des Öfteren mal zu bündeln? Schaffen Stiftungen das, wenn sie oft überalterte Stiftungsgremien und überdimensionierte Kuratorien mit sich herumschleppen oder vor sich herschieben? Hier können Sie drauf schauen wie Sie möchten. Diese Fragen warf ich meinen Studenten im Schloss Seeburg auf die Studientische, und beantwortete jede von ihnen mit Nein.

Stiftungszukunft zu machen heißt, nicht auf die Stiftungszukunft zu warten
Sie merken es, ich redete mich bei den Fragen gewissermaßen a bisserl in Rage. Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass der deutsche Stiftungssektor deshalb so reüssiert und so resilient ist, weil er die Fähigkeit hat, sich immer wieder neu zu erfinden. Wenn zu diesem Neuerfinden heute gehört, dass ich professioneller Stiftungsvermögen manage und lebendiger Stiftungsgeschichten erzähle, dann ist das die Aufgabe der Zeit. Das Stiftungsland Deutschland wird das wuppen, das Stiftungsland Deutschland wird sich gewahr werden, dass vom zweitgrößten Stiftungsstandort der Welt und größten Stiftungsstandort Europas diesbezüglich eine Vorreiterrolle verlangt wird. Nur reicht es dafür nicht, dass nur die großen Stiftungen vorangehen, alle Stiftungen müssen diesen Weg beschreiten. Oder welche Geschichte wollen sie dem Erbkapital erzählen, um das sie sich in immer mehr Fällen auch bemühen? Zukunft, auch von Stiftungen, wird gemacht, wer immer auf die Zukunft gewartet hat, hat sie nicht mitgestaltet.
Zusammengefasst
Der Universitätslehrgang Stiftungsmanagement an der Privatuniversität Seeburg ist für die österreichische Stiftungslandschaft Chance und Impulse zugleich. Mein Dank gilt den Verantwortlichen auf Schloss Seeburg, dem Macher hinter dem Lehrgang Manfred Wieland, und natürlich den Studenten, die mit ihren Fragen und Gedanken dazu beigetragen haben, dass ich mir für meinen Lehrgangsslot Gedanken zum Stiftungsland Deutschland machen musste. Heraus kam ein Vormittag, der regnerisch begann, sich dann aber umso lebendiger gestaltete. Denn das was für die deutsche Stiftungslandschaft gilt, gilt auch für die europäische, und damit auch für die österreichische, so besonders verfasst diese auch sei. Stiftungspraxis muss professioneller werden, denn nur das stärkt Stiftungen von innen heraus. Stiftungen sind keine Liebhaberei, sie sind Player für gesellschaftliches Gelingen und gesellschaftliches Vorankommen. Aus diesem Grund wird ihre Bedeutung wachsen. Sie sind jede für sich ein Powerhouse, nur muss ein jedes das Gute auch tatsächlich richtig gut machen. Genau das hat ihre Existenz immer legitimiert, legitimiert sie im Heute – und im Morgen erst recht.










