Moderation: Kathrin Succow, Tobias Karow; Text: Tobias Karow; Media Enhancement: Andreas Wagner
#sokoms25: Wo steht die deutsche Stiftungs- und NGO-Landschaft beim Thema KI. Diese Frage soll uns heute beschäftigen im #sokoms25 Frühschoppen, lieber Herr Prof. Weber, Ihre Studie bringt hier Licht ins Dunkel, richtig?
Prof. Dr. Karsten Weber: Wir haben eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt, das Ziel der Studie war es herauszufinden, was die Voraussetzungen, Ressourcen und Bedarfe von NGOs bei der Nutzung von KI in ihrem täglichen Geschäft sind. Anfangs haben wir dazu explorative Interviews durchgeführt, haben also Vertreter von NGOs befragt. Danach haben wir rund 2.000 Organisationen mit einem Fragebogen angeschrieben, von den Fragen her drehte es sich um das Nutzungsverhalten, wer der Kümmerer ist, wie die Ressourcenlage ist. Und noch so Einiges mehr. Knapp 350 Organisationen haben sich daraufhin zurückgemeldet. Auf Basis dessen haben wir dann vertiefende Gespräche geführt. Der Tenor aus der Studie ist nun: Ja, viele Organisationen sind bereits unterwegs beim Thema KI, aber oftmals treibt eine Person das Thema voran. Die meisten Organisationen haben noch keinen Plan, wie sie KI strategisch einsetzen und noch keine Idee, wie KI und ihr Wertekanon zusammenpassen.
#sokoms25: Wie offen stehen NGOs KI gegenüber? Konnten sie Besorgnisse heraushören?
Prof. Dr. Karsten Weber: Ja, jede Menge, um ehrlich zu sein, oftmals getrieben von der Angst, KI könne eine kleine Organisation durchaus auch überfordern. Ob ihrer Größe könnten NGOs beispielsweise nur freie KI-Systeme nutzen, woraus sich die Angst ableitet, es könnten Daten abfließen.
Prof. Dr. Karsten Weber sagt, bezugnehmend auf die von ihm durchgeführte Studie: „Die meisten Organisationen haben noch keinen Plan, wie sie KI strategisch einsetzen und noch keine Idee, wie KI und ihr Wertekanon zusammenpassen.“
#sokoms25: Sind diese Sorgen berechtigt?
Prof. Dr. Karsten Weber: Also teilweise schon, aber diese Sorgen entspringen der Tatsache, dass viele Organisationen eben genau nicht strategisch beim Thema KI vorgehen, sie hier noch ohne Plan und weitestgehend ohne Ressourcen agieren. Manche Organisationen haben demgemäß geäußert, KI-Systeme selbst zu hosten, aber wir merken schon, dass die Reflektion an diesem Punkt noch nicht sehr tiefgreifend war.
Inken Paland: Natürlich lassen sich die Besorgnisse nachvollziehen, jedoch finde ich, dass manches hier dann auch zu Ende gedacht werden muss. Mein Thema sind ja digitale Charaktere, und ja, ich gebe meine Daten ab, wenn ich beispielsweise einen digitalen Klon von mir erstellen lasse. Aber auch wenn ich die Maschine auf meinen Klon hin trainiere, heißt das nicht, dass dann sofort an jeder Ecke eine Werbekampagne mit meinem Klonbild geschaltet werden kann. Auch als Stiftung oder NGO muss ich verstehen, wie diese Systeme funktionieren,
Steffen Ackermann: Die Datenschutzproblematik ist dem geschuldet, dass wir KI nicht kennen, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Wir müssen verstehen, was KI ist, wie KI-Systeme funktionieren.
Die Diskutanten des #sokoms25 Frühschoppens
Prof. Dr. Karsten Weber, OTH Regensburg
Inken Paland, Expertin für Digitale Charaktere
Steffen Ackermann, Ainlighten
Robert Schultes, Effeqt
#sokoms25: Wie schaffen wir es denn, dass Stiftungen und NGOs ihre Besorgnisse vor KI überwinden? Ist es bei KI wie mit Stiftungskommunikation, es macht einen Unterschied, ob ein Mitarbeiter diese Aufgabe „mit macht“, oder ob die ganze Organisation etwa Stiftungskommunikation oder eben KI „lebt“?
Inken Paland: Definitiv, ich glaube dass die Hürden abgebaut werden, wenn man etwa das Nutzen von KI-Systemen vorlebt.
Prof. Dr. Karsten Weber: NGOs beruhen häufig auf der Arbeit von Ehrenamtlichen. Baut sich dort Knowhow auf und verlässt der Ehrenamtliche die Organisation, dann ist das Knowhow weg. Das ist ein Problem. Ein anderes ist tatsächlich das Datenschutzthema. Es geht weniger um die Frage, was mit den Daten passiert, wenn ich von mir als Mitarbeiterin einen Klon machen lasse, der für die Stiftung Fragen beantwortet. Es geht den Ehrenamtlichen um die Klienten, die sie in den Projekten betreuen. Wir reden über Menschen in Problem- und Krisensituationen, deren Daten gilt es zu schützen, und damit fühlen sie viele NGOs unwohl.
#sokoms25: Wie viel Rückstand haben deutsche NGOs denn beim Einsatz von KI? Ist die deutsche NGO-Landschaft wie der Deutsche insgesamt einfach zu skeptisch bei Neuem?
Prof. Dr. Karsten Weber: Die Daten der Studie geben hierzu zu wenig her. Etwa die Hälfte der Organisationen aber, die sich gemeldet haben, gaben an, sich mit dem Einsatz von KI zu befassen, vor allem für Tätigkeiten wie Recherchen, Sprache übersetzen, Bilder generieren und kleine Texte produzieren. Ganz wenige sagten, dass sie KI für strategische Zwecke nutzen. Wenn überhaupt sind hier die Großen zu nennen.
Inken Paland: In meinen Augen hinkt Deutschland bei KI schon gewaltig hinterher. Nicht weil wir nicht neugierig sind, sondern weil wir die Voraussetzungen nicht geschaffen haben. KI braucht Struktur, wenn Verträge nicht standardisiert sind, kann KI nicht helfen. Die Datengrundlage muss einfach passen, muss vorhanden sein, um KI nutzen zu können. Anwendungsseitig gäbe es ja inzwischen jede Menge. Digitale Charaktere können zum Beispiel bei Krisen helfen, Anfragen abzufangen, oder sie können helfen, wenn bei Katastrophen rund um die Uhr gearbeitet werden muss. Im Internet sind Krisen ja ggf. sehr laut, und man kann als Mensch gar nicht überall sein. Servicemitarbeitende können durch KI ersetzt oder eben unterstützt werden.
Steffen Ackermann: Die Arbeit mit Texten, das Schreiben von Social Media Posts, das ist die ‚low hanging fruit‘, die viele inzwischen auch nutzen. Digitale Charaktere, Avatare, machen menschenähnliche Kommunikation möglich. Wenn ich mich zum Beispiel in ein Thema vertiefen möchte, dann ist es heute möglich, via Notebook LM Studien oder anderes Material einzuliefern, aus denen ein Podcast entlang meiner Hörgewohnheiten erstellt wird. Diesen kann ich im Auto hören, oder wo auch immer, im komme in das Thema sehr schlank rein. Der größte Anwendungsfall ist in meinen Augen das Back Office einer Stiftung. KI ist wahnsinnig gut darin, Routinen zu ersetzen. Das Erstellen von Zeugnissen für Mitarbeiter, die die Organisation verlassen, ist so ein Fall, in dem bei entsprechendem Training der KI am Ende ein fast fertiges Zeugnis heraus. Die Erstellungsarbeit am Anfang umfasst vielleicht 3 Stunden, aber pro Zeugnis spart der HR-Mitarbeiter dann 2 Stunden, perspektivisch also viele Stunden.
Robert Schultes: Stiftungen und NGOs haben in der Regel zu wenige Personen, die sich mit den IT-Systemen auseinandersetzen. Bei KI ist das ähnlich, und KI musst Du trainieren, sonst bringt Dich die KI nicht ans Ziel. Und KI musst Du auch einfach mal ausprobieren, aber das wiederum braucht Zeit, die Dir gegeben werden muss. Kommunikation dazu komplett auf KI auszulagern, kann auch Probleme mit sich bringen, es mag heute Texte geben, die KI produziert hat, die emotionaler sind, aber sie sind womöglich aus Sicht der Organisation heraus nicht authentisch.
Inken Paland: Wir müssen in die Zukunft schauen, wie will ich denn als Organisation bestehen bleiben. Sam Altman von Open AI hat gesagt, dass viele Geschäftsführungsaufgaben künftig von KI erledigt werden können. Bei der Weitergabe von Wissen der Geschäftsführung kann ein KI-Charakter eine große Rolle spielen. Der nachfolgende Geschäftsführer erfährt vom KI-Klon des Vorgängers, was er wann wie warum entschieden hat und wo es kritische Aspekte gibt. So was geht heute bereits.
Steffen Ackermann: Die Disziplin Wissensmanagement ist heute eine Riesensache, ein Riesenmarkt, eine Riesenaufgabe. Die Baby Boomer gehen in Rente, wir sprechen über viele Stellen, die nicht mehr besetzt werden können qua mangelnden Nachfolgern. Hier kann mit KI angesetzt werden, aber es muss heute angesetzt werden. Es darf in Organisationen und Unternehmen nicht passieren, dass Wissen in kritischen Bereichen wegbricht. Wissen zu sammeln ist die Basis, diese Daten in eine semantische Datenbank zu überführen, können von KI ausgelesen und genutzt werden. Wir müssen nur aufpassen, dass wir den KI-Zug verpassen, nur weil wir jetzt Datenbasen anlegen und warten, bis diese perfekt aufgegleist sind. Es geht ums Loslegen im Hier und Jetzt. Der KI-Zug rollt bereits, und fährt pünktlich. Für Stiftungen und NGOs heißt es Aufspringen, oder besser noch: Drinsitzen.
Inken Paland zitiert einen KI-Vordenker in Bezug auf die tägliche Managementpraxis auch in Stiftungen: „Sam Altman von Open AI hat gesagt, dass viele Geschäftsführungsaufgaben künftig von KI erledigt werden können.“
#sokoms25: Sind die Datenhaushalte vieler Stiftungen also eine Hürde?
Robert Schultes: Es geht um den Aufbau von KI-Kompetenz, kontinuierlich, und es geht darum zu erkennen, dass auch unstrukturierte Daten heute bereits von KI genutzt werden können. Es braucht natürlich eine strukturelle Datenhygiene, so hören wir es auch mit diesen Worten von Stiftungen und deren Verantwortlichen, aber ehrlich gesagt ist das manchmal eben auch vorgeschoben. Stiftungen können heute sofort mit KI loslegen und die Datenhaushalte dahinter sukzessive entwickeln, das stellt letztlich keine Hürde mehr dar. Hinter diesem Argument, das keines ist, verstecken sich viele Stiftungen oftmals noch. Und verschlafen damit manches.
Inken Paland: Verschlafen? Da bin ich mir nicht sicher. Kann man diese Entwicklung wirklich verschlafen? Jeder wird mit KI in Berührung kommen, und dann müssen wir über Systeme reden, die funktionieren. Wir müssen darüber nachdenken, was KI mit Systemen machen kann und wie sie unsere Gesellschaft und durchaus auch Stiftungshandeln verändern kann.
Prof. Dr. Karsten Weber: Bis jetzt haben wir viel über Back-Office-Tätigkeiten gesprochen, hier ist das aber Mittel zum Zweck und nicht der Zweck selbst. Wir wissen ja, dass Stiftungen und NGOs in Bereichen mit hoher sozialer Interaktion arbeiten. Hier viele Tätigkeiten durch technische Kommunikation zu ersetzen, widerspricht womöglich den eigenen Handlungsvoraussetzungen. Im Vergleich zu Unternehmen müssen Stiftungen und NGOs darüber nachdenken, ob sie ihre Reputation gefährden, indem Kommunikation, die bisher zwischen Menschen ablief, plötzlich zwischen Menschen und Maschinen abläuft. Da könnte das Vertrauen in diese Organisationen durchaus leiden. Und ein Hinweis sei mir als älterer Mensch in dieser Runde gestattet. Es gab vor 40 Jahren schon mal einen KI-Hype, der ist vollkommen im Nirwana verschwunden. Vielleicht, vielleicht, kann es auch eine Idee sein, später in den KI-Zug einzusteigen.
Inken Paland: Natürlich muss ich als KI-Enthusiastin sagen, dass ich nicht auf das „später“ setzen würde als Stiftung oder NGO. Für mich überwiegen klar die Chancen aus Stiftungssicht. Wir sprechen hier ja auch über KI-Charaktere, über Avatare. Für Stiftungen oder Stiftungspersönlichkeiten ergibt sich dadurch ja die Möglichkeit, die eigene Identität zu erweitern. Zu schauen, was noch in mir steckt, die digitale Bühne als Theater zu begreifen, das ist schon spannend und in Identitätssäulen zu denken. Kommunikationstechnisch werden wir künftig überlegen, was wir weiter bzw. selber machen und was wir abgeben. Die Schnelllebigkeit bedingt, dass wir bestimmte Dinge werden abgeben müssen. Das Internet wird immer voller und lauter, und ich muss mir überlegen, wie ich gute, hochqualitative Inhalte kreieren, die meine Message nach draußen tragen.
Prof. Dr. Karsten Weber: Unserer Studie nach sehen Stiftungen und NGOs KI als Werkzeug, sind neugierig darauf, wollen es einsetzen. Dort, wo KI aber den Kern ihrer Tätigkeit tangiert, dort lesen wir aus den gelieferten Angaben eine gewisse Zurückhaltung heraus.
Steffen Ackermann wirft im #sokoms25 Frühschoppen einen Blick auf Transfer und Erhalt von Wissen in einer Organisation: „Die Disziplin Wissensmanagement ist heute eine Riesensache, ein Riesenmarkt, eine Riesenaufgabe.“
#sokoms25: Bleiben wir nochmal bei der Neugier. Ein klassischer Anwendungsfall für die KI kann der Jahresbericht sein. Ist das so eine Routine, die mit KI viel besser und schneller erledigt werden kann?
Steffen Ackermann: Jahresbericht, das klingt mir nach einer klassischen Routine. Alle Daten, die in einem Bericht landen sollen, müssen dafür fertig sein, ebenso die Textbausteine, die verwendet werden sollen.
Robert Schultes: Genau das mit den Textbauseinen stelle ich mir nicht trivial vor. Manches geht bereits auf Knopfdruck, manches nicht. Der Jahresbericht ist ein Werkzeug, mir berichten die Stiftungsaufsichten, dass sie diesen gerne standardisierter vorgelegt bekommen möchten, das aber nicht auf den Weg gebracht wird. Da sind wir wieder bei dem Thema Ressource. Eine verantwortliche Person muss sich hier kümmern, muss die Daten aufbereiten, die Texte vorbereiten, und rationalisiert dann womöglich dadurch den eigenen Arbeitsplatz weg. Sind auch Überlegungen, die manches ausbremsen.
Robert Schultes nennt die Schwelle, „Stiftungen können heute sofort mit KI loslegen und die Datenhaushalte dahinter sukzessive entwickeln, das stellt letztlich keine Hürde mehr dar.“
#sokoms25: Angenommen es läge wahnsinnig viel Wissen noch bei der Figur des Stifters. Wie geht man damit um?
Steffen Ackermann: Auch so ein Anwendungsfall. Wenn dieses Wissen für eine Stiftung erfolgskritisch ist, dann muss man prüfen, wie dieses Wissen relativ schnell an neutraler Stele gesammelt werden kann. Das können Audiodateien sein, Textstücke, das Material muss nicht einmal strukturiert sein. Aber, es muss vorhanden sein. Es heißt sammeln, sammeln, sammeln.
#sokoms25: Wie beurteilen wir nun abschließend im Digitalen insgesamt Chancen für Stiftungen und Vereine qua KI? Bzw. die Nicht-Chancen?
Inken Paland: Mit KI und digitalen Charakteren kann ich Barrieren abbauen. Ich kann mehr Menschen erreichen, und ich kann mehr Menschen empathisch erreichen.
Steffen Ackermann: Für mich steht die Frage im Raum, was jede Stiftung mit KI eigentlich erreichen möchte. KI gehört auf jeden Fall in den Arbeitsalltag von Stiftungsmitarbeitern, wenn diese Werkzeuge einen Mehrwert haben, dann sollten sie eingesetzt werden. Und wenn Wissen rund um KI in einer Stiftung oder in einem Verein aufgebaut habe, dann sollte ich es in jedem Fall teilen. KI-Knowhow muss raus aus der Schattennutzung, es muss im Lichte genutzt werden. Daran kann eine Organisation wachsen, und das ist eine Chance.
Prof. Dr. Karsten Weber: Ich möchte mal eine Analogie aufgreifen. In Fachpublikationen werden viele Fachbeiträge mit KI generiert, das Grundrauschen wird größer und das Rauschen an sich wird lauter. Bei Stiftungen und NGOs kann sich Ähnliches einstellen, mit dem Effekt, dass die Zielgruppen die Jalousien herunterlassen, weil es ihnen zu viel wird.
#sokoms25: Von der Authentizität ganz zu schweigen. Aber KI-Wissen zu teilen, das kann hier doch sicher Enormes bewirken?
Steffen Ackermann: Also hier ein dick unterstrichenes JA von meiner Seite. Als Stiftungen, Vereine und NGOs habt ihr einen Vorteil, und der ist einzigartig. Ihr seid in keiner Konkurrenzsituation untereinander. Teilt das Wissen, das ihr zu KI erworben habt, verschwenderisch, macht Euer KI-Knowhow allen zugänglich, schafft hierfür die Räume.
Prof. Dr. Karsten Weber: Von der Vorgängerregierung wurde ein Civic Data Lab eingerichtet für die NGO-Welt, da sollte die Stiftungsszene mal hinschauen. Die Idee hier ist, unter anderem KI-Anwendungsfälle zu teilen.
#sokoms25: Also raus aus der eigenen Bubble, der Aufruf hier aus Leipzig an die Stiftungslandschaft mit vollem Nachdruck. Ein herzlicher Dank in die Runde, auf zu neuen Ufern und Botschaften.










