Fondsanlage für Stiftungen & NPOs | Tobias Karow | 14.08.2019 | Lesezeit: 4min10

Tour de France übertragen auf ESG-Güte

Machen Stiftungsfonds ihre Hausaufgaben?

Fonds, die Stiftungen als Anleger ansprechen, müssen heute Ausschüttung und ESG zusammenbringen

Immer Ende Juli stehen in Paris drei Herren auf einem Siegerpodest. In den drei Wochen davor haben Sie radfahrend Frankreich durchquert, im Rahmen der grande boucle, der großen Schleife, wie die Tour de France genannt wird. Entschieden wird die Tour stets in den Bergen – ok, nicht wenige sagen in der Apotheke –, aber in den Alpen und Pyrenäen zählt es, dort weiß man, wer die besten Beine und seine Hausaufgaben gemacht hat. Um Hausaufgaben geht es auch beim Thema ESG, da müssen Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds einfach ran.

Bei der Analyse von Stiftungsfonds und stiftungsgeeigneten Fonds gilt der erste Blick Ausschüttung und Ausschüttungspolitik, Wertentwicklung, Rückschlägen und Kosten. Das lässt sich klar quantifizieren, das weiß ich auf einen Blick ob der Fonds liefert oder nicht. Immer mehr Stiftungen verlangen zudem von sich selbst, und damit auch von Fondsanbietern, dass die Kapitalanlage nachhaltig sein soll. Das Stiftungsvermögen soll also nachhaltig angelegt werden, was übersetzt bedeutet, es solle verantwortungsbewusst angelegt werden. Das wiederum heißt, es werden Investments in Länder oder Unternehmen bevorzugt, die mit ihren Ressourcen und mit ihrer Zukunft verantwortungsbewusst umgehen. Antworten darauf muss der Fondsanbieter der Stiftung zurückspiegeln, und zwar so, dass eine Stiftung damit auch etwas anfangen kann. Ein etwas tieferer Blick zeigt nun, dass manche Fonds das schon ganz gut schaffen, bei anderen ist noch etwas Aufholbedarf auszumachen. Sensibilisiert sind jedoch alle Anbieter für den Themenkomplex ESG, das Thema ist also auf dem Weg.

Manche Fonds sind Vorreiter beim Thema ESG

Vorreiter beim Thema ESG sind einmal jene Aktienfonds, die von Beginn an nur in solche Unternehmen investierten, die bestimmte Anforderungen hinsichtlich verantwortungsbewussten Wirtschaftens erfüllten. EB Ökoaktienfonds, GLS Aktienfonds oder terrassisi Aktien AMI greifen auf eine disziplinierte Auswahl von Aktien zurück, haben relativ enge Filter scharf geschaltet und schaffen es dazu, das auch via eines aussagefähigen Reportings an den Anleger zu transportieren. Wichtig bei diesen Fonds ist, dass die Filter recht feinmaschig sind, es also nicht allzu viele Titel tatsächlich auch durch schaffen. Bei vielen Fonds werden auch Universen gefiltert, aber wenn von einem Basisuniversum mit 1.200 Aktien nach dem Nachhaltigkeitsscan 1.100 Einzelwerte übrig bleiben, dann stimmt etwas nicht. Dann hat der Fondsanbieter noch nicht verstanden, dass das Universum natürlich kleiner wird, wenn ich die Filter strenger auslege. Auf solche Kleinigkeiten können Stiftungen achten, danach können sie fragen, wie groß das Ausgangsuniversum war und wie groß es nach dem Filtern ist, das gibt Aufschluss darüber, wie ernst es der Anbieter mit der Implementierung von ESG meint. Ohne Disziplin und Konsequenz ist dem Thema nicht beizukommen, bei der Tour de France wären sie die vermutlich besten Bergfahrer, auf Bergetappen also stets vorne dabei.

Schon mal über REITs nachgedacht?

Wo übrigens auf der Aktienseite die ESG-Scores in der Regel auch gute bis sehr gute Werte erreichen, das sind REITs oder Infrastrukturunternehmen. Bei REITs ist der Hintergrund ein recht einfacher. Deren Geschäftsmodell fußt unter anderem darauf, weite Teile ihrer Erträge an den Anleger auszukehren, doch dafür muss die Basis dessen auch belastbar sein. Die Immobilien müssen also in der Lage sein, die erforderlichen Erträge zu generieren. Dies schaffen in der Regel moderne Immobilien, die neusten Standards hinsichtlich energetischer Effizienz entsprechen und auch sehr gut in die jeweilige Quartiers-DNA eingepasst werden können. Daraus resultieren dann wiederum positive sozioökonomische Effekte, die für Stiftungen maßgeblich bei der Beurteilung eines solchen Investments sein könnten. Entsprechend kann es eine gute Idee sein, sich als Stiftung mit REITs oder Infrastrukturaktien näher zu befassen, zumal hier Ausschüttungen jenseits der 4% eher an der Tagesordnung sind denn eine Ausnahme darstellen. Solche Fonds, wie beispielsweise der Savills IM REIT Income Fund, bringen also Ausschüttung und ESG zusammen, jedoch erst auf den zweiten Blick. Das Stiftungs-Setup passt hier jedoch. Bei der Tour de France wäre diese Kategorie Radfahrer mit ihrer Kombination aus Rouleur und Bergfahrer begehrt und selten.

FondsFibel 2019

GUT ZU WISSEN

ESG: ESG steht für drei Begriffe, für Environment (Umwelt), Social (Gesellschaftlich) und Governance (Führung). Dieser Dreiklang soll verantwortungsbewusstes Agieren greifbar machen und zeigen, wo Unternehmen und Regierungen dem besonders nachkommen – und wo nicht. Für Stiftungen empfiehlt sich, besonders auf den G-Aspekt zu schauen, denn gut geführte Länder und Unternehmen weisen in der Regel auch gute E und S-Werte auf. Umgekehrt gilt dies weniger.
ESG-Score: Ein ESG-Score soll zum Ausdruck bringen, wie gut in einem Fondsportfolio bereits E, S und G-Kriterien umgesetzt werden bzw. ob ich beispielsweise als Stiftung ein nach ESG-Kriterien schon weit entwickeltes Portfolio erwerbe. Zur Ermittlung des ESG-Scores gibt es verschiedene Ansätze, die führende Plattform zu ESG-Scores ist www.yoursri.de. Bei Fondsanbietern sollte immer danach gefragt werden, ob einzelne Scores für E, S und G erhoben werden oder ob gute Werte etwa bei E schlechte Werte bei G kompensieren können.
Impact: Impact bedeutet wörtlich übersetzt Wirkung, im Investment-Universum stehen Impact Investments für Anlagen, bei denen eine Wirkung beabsichtigt ist bzw. die Rendite als alleiniges Ziel nicht im Vordergrund steht. Impact Investing steht für den Investment-Stil, der Impact Investments verfolgt. In Fachkreisen wird diskutiert, Impact Investing ein Überbegriff auch für Mission Related Investing ist.

ESG, und noch a bisserl mehr

Ein Vorreiter unter den stiftungsgeeigneten Fonds, die Ausschüttung, ESG und auch Impact zusammenbringen, dürfte der M&G Sustainable Allocation sein. Der noch junge Fonds folgt sehr strengen ESG-Kriterien und investiert Teile des Portfolios nach Wirkungsgesichtspunkten. Entsprechend unterscheidet sich das Portfolio ganz erheblich von anderen stiftungsgeeigneten Fonds, was für Stiftungen den Vorteil hat, dass sie tatsächlich über den Fonds ihr Diversifikationsgebot noch einmal zusätzlich mit Leben füllen. Dadurch, dass zudem auf der Anleiheseite beispielsweise weniger auf Staatsanleihen als auf Papiere supranationaler Institutionen wie Entwicklungs- oder Aufbaubanken zurückgegriffen wird, ist der Ansatz aus ESG-Perspektive sehr glaubwürdig. Denn diese supranationalen Institutionen unterstützen auf Mikroebene Unternehmer und Unternehmen bzw. Projekte vor Ort, der Impact dieser Maßnahmen ist auch messbar relativ hoch. Daher sind solche Anleiheinvestments eine nachvollziehbare Idee, bzw. der Gedanke, warum sie klassischen Staatsanleihen vorgezogen werden, überzeugt. Komischerweise sind solche Investments in „klassischen“ Stiftungsfonds noch nicht sehr verbreitet zu finden. Übertragen auf die Tour de France wären wir hier beim Anwärter auf den Gesamtsieg.

Hier ist ESG nix Neues

Viel grundsätzliches Verständnis für den Themenkreis ESG ist bei Produkten wie dem JPMorgan Global Income, AXA Global Income Generation oder Kames Global Diversified Income vorhanden bzw. auch implementiert. Hier ist ESG kein alter Hut, sondern schon seit Jahren sukzessive in den Ansatz „eingebaut“ worden. Problematische Länder, Branche oder Unternehmen werden nach Möglichkeit gemieden, von den getätigten Investments werden stetig bessere ESG-Scores oder ein klareres Profil hinsichtlich verantwortlichen Agierens verlangt. Die Portfolios unterscheiden sich durchaus von anderen Mischfonds oder Stiftungsfonds, mit einem entscheidenden Unterschied: Sie liefern mehr Ausschüttung als die meisten klassischen Stiftungsfonds, was durchaus mit dem globaleren Investmentansatz und der tieferen Diversifikation zusammenhängen kann. Vor allem sind diese höheren Ausschüttungen keine Ausnahme, sondern werden seit Jahren kontinuierlich verdient. Diese Fonds wären die großen Rouleure, die am Berg vielleicht ein wenig das Nachsehen haben, die man aber braucht, um als Radteam bei einer Grande Tour gut abzuschneiden. Eine andere Facette beim Themenkreis ESG bringen diese Fonds ebenso mit: ein hohes Niveau im Reporting, im Beschreiben dessen, was ESG-seitig im Portfolio passiert. Hier sind andere stiftungsgeeignete Fonds auch auf dem Weg, beispielsweise der College Fonds, der mit eigener Website und ESG-Score Stiftungen proaktiv mit Informationen versorgt.

Zusammengefasst

ESG und Ausschüttung zusammenzubringen, das ist heute die Pflichtaufgabe von stiftungsgeeigneten Fonds. Und es braucht die Transparenz genau darüber, dass die Sensibilität für diese Pflichten vorhanden ist und gelebt wird. Es braucht diese Kombination an Voraussetzung, um ein zeitgemäßer stiftungsgeeigneter Fonds bzw. Stiftungsfonds zu sein. Genauso wie Radprofis, die die Tour de France gewinnen wollen, Rouleure, Zeitfahrer und Kletterer sein müssen. Sie müssen einiges mitbringen, damit es in Paris für das Podium reicht. Und ein gutes, ausgewogenes Radteam besteht aus Fahrern jeder dieser Kategorien.

LESETIPP: Im MidYearUpdate zur FondsFibel für Stiftungen & NPOs beschäftigen wir uns mit der Frage, wie Stiftungen über Stiftungsfonds und stiftungsgeeignete Fonds in eine ESG-Anlagepolitik finden. Klicken Sie auf www.fondsfibel.de, dort ist die komplette Publikation zu finden.

Tobias Karow

Tobias Karow
ist Gründer und Geschäftsführer von stiftungsmarktplatz.eu und im Stiftungswesen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein seit 10 Jahren aktiv. Eines seiner Steckenpferde ist die Fondsanlage für Stiftungen & NPOs.

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